Die Grundanfrage für eine Wieder-Inszenierung der STRIA kam Weihnachten 2012 von der Präsidentin der SOCIETÀ CULTURALE DI BREGAGLIA (SCB), Bruna Ruinelli.
Im Februar 2013 stellte ich dem Vorstand der SOCIETÀ CULTURALE die Konzeptidee und die Rahmenbedingungen für die Realisierung vor, und wurde als Projektleiter und Regisseur gewählt.
Für die Organisation sollte ich dem Vorstand ein Organisationskomitee OK vorschlagen. Der Zeitraum für die Vorstellungen wurde angedacht für Ostern bis Frühsommer 2015.
.
Das Dossier: >>> Presentazione della STRIA 2015 mit der Geschichte der früheren Vorstellungen und das Konzept für 2015, in italienischer Sprache.
.
Der Text: Von der STRIA-Ausgabe 1944 sind nur noch einzelne Exemplare vorhanden, man hätte den Text also für die Proben kopieren oder eine neue Edition publizieren müssen. Also wollte ich auch aus linguistischen Gründen für die Proben eine neue Spielfassung herstellen, die dann eventuell auch für eine nächste Publikation hätte verwendet werden können. .
Mit der Definition des Konzeptes nahm ich auch die neue Textfassung in Angriff. Sie sollte frühere Fehler in der Schreibweise der STRIA-Ausgaben von 1875 (Bergamo) und 1944 (Samedan) korrigieren und vorerst als Basis dienen für eine aktualisierte Strich- und Probenfassung. Nach meinen Erfahrungen mit den bestehenden Textfassungen, anhand des Manuskriptes der Endfassung von Giovanni Andrea Maurizio 1874/75, sowie nach der kritischen Privatpublikation von Gian Andrea und Renato Stampa, 1946 “Intorno alla nuova edizione della “STRIA” (Tipografia F. Menghini, Poschiavo 1946, 46 Seiten) wollte ich mich für die heutige Schriftsprache nach den neuen Normen des Bergeller Idioms, laut Luigi Giacometti: Dizionario del dialetto bregagliotto (2012) richten. Meine bergellerische und rätoromanische Sensibilität fand sich bereits seit Jahren bestätigt in der Definition von Dr. Caspar Decurtins, “Bergeller-Sprache als Rumansz d’Bregalia” (siehe: Rätoromanische Chrestomathie (Bd. XI) sowie nach der Forschungsarbeit der Philologin Prof. Dr. Ricarda Liver, die das “Bargaiot”, also die “Bergeller Sprache, als ein Brücken-Idiom zwischen den rätoromanischen Idiomen und den lombardischen Dialekten” und nicht als ein italienischer Dialekt zu verstehen sei.
>>> LA STRIA, in einer Arbeitsfassung pdf 170 Seiten, nach der Paginierung der Druckfassungen, als Vorbereitung einer Spielfassung. Die Arbeit daran ist sistiert, Stand: Januar 2017
..
Die Homepage: Als Kommunikationsbasis sollte (nach der Meinung der Società Culturale und des STRIA 2015-OK) eine Homepage eingerichtet werden. Vorerst für die interne Organisation, später dann auch als Dokumentation der bisherigen Aufführungen (1876, 1895, 1930, 1952, 1979 …) sowie als Werbeträger für die Aufführungen 2015 dienen. Das Organisationskomitee bat mich im April 2013, das Konzept und die nötigen Schritte für eine solche Homepage zu definieren. Die “erfolglose Suche nach einem Internetdesigners im Bergell oder Bündnerland” bewog das OK mich im August 2013 zu bitten, neben der Redaktion auch die Realisation der Homepage zu übernehmen.
Die finanzielle Absicherung der Neuinszenierung von “LA STRIA 2015”
kam im Rahmen des Organisationskomitees nur schleppend voran,
und so wurden die Vorbereitungen vor der “entscheidenden Budget-Sitzung” der Gemeinde Bregaglia
Ende Dezember 2013 auf meinen Antrag hin sistiert und die Eingabe an die Gemeinde zurückgezogen.
Mit der Sistierung wurde das Projekt im Bergell als abgesagt behandelt.
wurde trotzdem als Dokumentation des Projektes und der früheren Fassungen im Februar 2014 aufgeschaltet
Die SOCIETÀ STORICA BREGAGLIA >>> www.societastoricabregaglia.ch
verwaltet als Folgeorganisation der SOCIETÀ CULTURALE DI BREGAGLIA ab 2024 die Administrationsrechte
.
. . . .
Einige Bilder sowie die Projektmappe >>> Presentazione della STRIA 2015
geben einen optischen Eindruck des Inszenierungs-Konzeptes:
.
.
.
.
.
.
Der Beitrag “Die Bilder von Vitalin Ganzoni für die Stria ’79” geben einen weiteren Eindruck über jene Theaterproduktion, die Übersetzung des Beitrags könnte folgen.
>>> Gian Gianotti, I quadri di Vitalin per la Stria ’79
Eine Theaterprobe findet trotz Widrigkeiten statt: unser Schauspieler kommt immer schon etwas früher und bereitet sich auf die Probe vor. Die Kollegen sind nicht hier, die Regie fehlt auch, nur ein Tontechniker werkelt am Beleuchtungspult herum … die Theaterleitung ist „anderweitig beschäftigt“ und scheint nicht im Haus zu sein – offensichtlich hat er nicht mitgekriegt, dass die Probe heute ausfällt, verschoben wurde, oder was auch immer. Also könnte der Schauspieler richtig gut für sich und am Text arbeiten, nur … Publikum ist hier und erwartet eine Vorstellung. Also Begrüssung … und rette sich wer kann!
Aus der ersten Entschuldigung folgen Erklärungen zur Situation, zur Rolle und zur Probe, die sich etwas zu „verspäten“ scheint. Über das Allgemeine kommt der Schauspieler zum Besonderen und zum Kern des Projektes –die Nichtprobe entwickelt sich zeitweise sogar zur Vorstellung, das Theater zum Leben und zum Überlebensprogramm.
Das Publikum „erfährt“ in dieser Probe, die dann also doch noch stattfindet, mehr zum Theater und zur Theaterarbeit als oft in einer Vorstellung: wie entsteht und wie wird eine Theatersituation begründet, was ist Wagnis, Bereitschaft zur Beschäftigung mit einem Rollenzusammenspiel, was ist Inhalt, was Deutung, was Form … und was nur modernistische Stimmungsmache.
Es wird an Goethes Faust gearbeitet, an der Rolle des Mephisto. Im aktuellen Inszenierungskonzept wird er als Geist angelegt, also eine wunderbare Aufgabe für unseren Schauspieler, der sich im Laufe seiner Karriere zum Spezialisten auf diesem Gebiet etabliert hat. Dazu hat er eine dezidierte und fast mephistophelische Meinung, was Theater kann und soll, was eine Figur darf und was sie muss … und er referiert gerne darüber. Also kommt auch das Theater zur Sprache, die Theatermacher und die Theatermiesmacher, und auch das, was ihn an der Theaterarbeit interessiert: Rollenstudium und Rollenverständnis in der Beziehung zu allen weiteren Rollen des Projektes, zur aktuellen Zeit, zum Ort und zum Publikum. Dabei hat er in seinem Theaterleben auch schwere Zeit durchmachen müssen.
Theater wird somit zum Zentrum der Auseinandersetzung mit dem Leben. Bis Faust seine Zeit absteckt und beendet mit seinem „Verweile doch, du bist so schön!“ … und Gretchens Geist auf ihn einwirkt, himmlisch
Jubiläums-Produktion zum 30-jährigen Jubiläum des Vereins, die 25. Produktion Premiere 18. August 2011, 19.30 Uhr Aufführungen 20. August bis 10. September.
Maske – Annina Leuenberger, Cordula Pompino Grafik – Albi Brun Ein Lied – Iso Albin
.
Besetzung:
CHAMPBOURCY, Rentner – Jaap Achterberg LÉONIDA, seine Schwester – Claudia Carigiet BLANCHE, seine Tochter – Laura Jemmi COLLADAN, reicher Bauer – Krishan Krone CORDENBOIS, Apotheker – Jean-Michel Räber FÉLIX RENAUDIER, junger Notar – Roger Göttschi BAUCANTIN, Steuereintreiber – Guido Andres
BENJAMIN, Kellner – Daniele Foi SYLVAIN, Sohn von Colladan – Gian Marco Ettisberger BÉCHUT, Polizeikommissar – Martin Schulthess COCAREL, Kuppler – Leonie Bandli JOSEPH, Kupplergehilfe von Cocarel – Joos Risch
Ein Polizist – Joos Risch Junior-Kellner – Andrea Simonett
Mitarbeit Bühne, Umbauten – Mitglieder des Vereins Freilichtspiele Chur
In einer nahen Vergangenheit, in der man noch über sich lachen konnte. Am Ende der Fastnacht.
Der erste Akt spielt auf dem Land, die weiteren in der Stadt.
.
.
Zur Textfassung:
Eugène Labiche Das Sparschwein
Komödie
Ausgegangen bin ich von der Übersetzung und Bearbeitung von Botho Strauss:
Botho Strauss’ Version der französischen Komödie ist inzwischen ein deutscher Klassiker. “Mit seiner Bearbeitung hat Strauss ein von deutschen Bühnen und Kritikern als läppisch aufgegebenes Stück für das Theater zurück gewonnen.” (Der Spiegel)
“DAS SPARSCHWEIN ist keine Salon-Komödie, die sich ausschliesslich auf eine amouröse Verwicklungsgeschichte konzentriert. Sie erzählt dagegen eine sich offen und vorwärts entwickelnde Geschichte, die sich über mehrere Stationen und Schauplätze erstreckt. Konstruktion und Mechanik der Farce stehen nicht im Vordergrund und sind nicht so hermetisch und perfekt, als dass sie nicht Eingriffe und Akzentverschiebungen gestatteten, Statt dessen gibt es eine Reihe von grossen realistischen Situationen und Tableaus, die sehr viel reichhaltigere und anschaulichere Eindrücke von der gesellschaftlichen Wirklichkeit des Autors und seiner Zeit vermitteln, als es die erotischen Salon-Komödien vermögen.” (Botho Strauss)
Das alles und insbesondere der sozialbewusste Ansatz der Bearbeitung von Botho Strauss hat mich immer schon interessiert. Immer schon: seit dem Besuch der Inszenierung von Peter Stein an der Schaubühne am Halleschen Ufer während der ersten Arbeit am Antikeprojekt im Herbst 1974.
Als wir für Chur über Stücke sprachen, die wir für diese Jubiläumsproduktion 2011 angehen wollten, kontaktierte ich den Rowohlt Verlag für die Bearbeitungs- und Aufführungsrechte. Aus der Anfrage:
Die Churer Fassung 2011 sollte eine gemischt-sprachliche werden, Schweizerdeutsch mit Rätoromanischen (und ev. italienischen) Akzenten als Heimsprache der Reisegruppe (Redewendungen, Liedtexte), und Deutsch mit Französischen Annäherungen (ev. englischen) als die Sprache und Ambience der weiten Welt. Dabei möchte ich aber doch von der Botho Strauss-Dramaturgie ausgehen und seine Anpassung des Vaudevilles in die Komödie mit sozialkritischer Haltung berücksichtigen. Da sich die Textfassung beträchtlich von der Straussschen Übersetzung entfernen wird sollte ich Ihre Einschätzung haben bezüglich der Rechte am Konzept. Ich könnte auch von der französischen Fassung ausgehen und die Anpassungen vornehmen, es wäre aber ehrlicher, auch rechtlich den Bezug zu Botho Strauss einzugestehen. Bitte sagen Sie mir wie Sie in ähnlichen Fällen sonst vorgehen.
Die Antwort fiel negativ aus …
“Ihr Projekt klingt zweifellos interessant, und wir wissen es zu schätzen, dass Sie sich wegen der Rechte an uns wenden. Dennoch müssen wir Ihnen leider eine abschlägige Auskunft erteilen. Wir können und wollen Botho Strauß’ Fassung des Sparschweins nur als Gesamtwerk zur Aufführung freigeben. Die Nutzung lediglich der dramaturgischen Struktur, nicht aber des Textes, bzw. nur von Textteilen können wir leider nicht genehmigen.”
… so blieb mir nichts anderes übrig als den normalen Weg über den Originaltext zu gehen: tant pis, tant mieux! und so entdeckte ich verloren gegangene Zwischentöne, die mich und unsere Vorlage durchaus weiterbrachten.
Wer Tragödien schreibt, ist Optimist. Er geht davon aus, dass Opfer und Opfertod unlösbar scheinende Konflikte lösen, die heillose Welt heilen, sittliche Werte erhalten oder sogar schaffen können. Wer Komödien schreibt, ist Pessimist. Er geht davon aus, dass Absolutes nicht existiert, dass Werte, trotz aller menschlichen Abtrampelei, immer nur Annäherungswerte bleiben, dass alles Bestehende nur vorläufig besteht, dass von sämtlichen menschlichen Tätigkeiten nur eine einzige wirklich fortschrittlich ist: über sich selbst zu lachen. Wer Schwänke schreibt, ist weder Optimist noch Pessimist. Sondern er ist stets beides zugleich, je nach Bedarf. Er geht nicht von absoluten Werten aus, er stellt sie auch nicht infrage, er benutzt sie allenfalls, um haarsträubende Situationen herbeizuführen. Der Schwankautor lässt den Zuschauer nicht über sich selbst lachen. Er lässt ihn über andere lachen. Mit anderen Worten, er ist fein raus. Raus aus allem, was den Zuschauer beunruhigen könnte.
Das heisst nicht, dass ein Schwank nicht einen realen Hintergrund nötig hätte, einen realen Kern. Im Gegenteil. So wie die erfolgreichsten Musicals (eine Gattung, die alle Gattungen vom Schwank bis zur Operette vereinigt) oft aus sozialen Spannungen Kapital schlagen (West-Side Story, My fair Lady, Hallo Dolly etc.), so braucht auch ein guter Schwank festen Boden unter die Füsse. Um eben möglichst brillant schwanken zu können. Er braucht den realen Kern, damit er um ihn herumschwanken kann.
Im “Florentinerhut” ist es der sehr reale Gegensatz von Stadt und Land, den Labiche nicht schildert, nicht darstellt, den er nur feststellt und sehr listig benutzt, um die unfreiwillige abenteuerliche Jagd einer ganzen Hochzeitgesellschaft nach einem Strohhut noch grotesker zu machen, um die wahnwitzigen Verwicklungen noch zu verschärfen. So entsteht, aus der Fülle der einander ununterbrochen folgenden verwegenen Situationen, nicht nur ein neues Genre innerhalb des Schwanks, der “Albtraumschwank“. Der heutige Zuschauer kann in Labiche auch einen Grossvater des absurden Theaters erkennen. Und wie munter Opa noch immer ist, verglichen mit einigen seiner blässlichen Nachfahren.
Labiche hat, häufig zusammen mit ändern Autoren, 175 Stücke geschrieben, darunter einige, wie “Das Sparschwein”, die sich ernstlich auf Wirklichkeit einliessen auf die satirisch gezeichnete Wirklichkeit einer Sittenkomödie. Und so behände wie in seinen Stoffen wechselte er auch in seinem Leben die Perspektive. “J’aime mieux un vice commode qu’une fatiganta vertu”, war sein Leitwort, “ich liebe ein bequemes Laster mehr als eine ermüdende Tugend.” Um heiraten zu können, versprach er dem künftigen Schwiegervater, der von dem jungen Autor nichts hielt, auf das Schreiben zu verzichten. Nach einem Jahr schrieb er wieder. Mit zwanzig – die Revolution von 1830 war erst fünf Jahre her – befand er sich auf der Seite der Unterdrückten:
“Enterbt von allen Freuden des Lebens bleibt ihnen nur noch … eine naturwüchsige Wollust, die die Gesellschaft ihnen nicht nehmen kann, die des Fleisches, und sie stürzen sich darauf mit der ganzen Kraft ihres Unglücks. Und der Staat macht seine Rechnung mit dieser wuchernden Fruchtbarkeit des elenden Bettes und der Not, er bediente sich des Armen wie eines Hengstes, um seine Regimenter auszufüllen.” Nach 1848 ist er auf der anderen Seite: “Indem die provisorische Regierung auf autoritäre Weise das Leben der Arbeiter verbessern wollte, geht sie den falschen Weg: Der Unternehmer hat oft wegen der Sozialgesetze die Fabrik (den Brotverdienst der Arbeiter) schliessen müssen. Die einzige richtige Lösung ist die der Freiheit.” Der freche Spötter trachtet nach Grundbesitz, das nötige Geld erwirbt er sich mit Stücken, die den Bourgeois, der er jetzt selber wird, karikieren. Nach dem Staatsstreich Napoleons III. 1851, im Jahr des triumphalen Erfolgs vom “Florentinerhut”, schreibt er: “Ich hoffe …, dass die Vernunft in die Gehirne unserer Bürger dringt, und dass sie mit ihrer Stimme der Regierung eine unbegrenzte Freikarte ausstellen. Sie haben die Wahl zwischen dem Präsidenten und der Roten Republik.” Schliesslich lässt er sich, der kein Schriftsteller sein mochte, 1880 in die Akademie wählen, versucht noch, zu Musik von Offenbach, den er nie leiden konnte, einen Text zu machen, stirbt gottesfürchtig 1888.
„Der Florentinerhut“ ist in einer der gewaltigsten Umbruchszeiten der menschlichen Geschichte entstanden, und in einem der Zentren dieses Umbruchs. „Frankreich wird kapitalistisch nicht nur in den latenten Bedingungen, sondern auch in den manifesten Formen seiner Kultur. Der Kapitalismus und der Industrialismus bewegen sich zwar in längst bekannten Bahnen, sie wirken sich aber jetzt erst im vollen Umfang aus, und das tägliche Leben der Menschen, ihre Behausung, ihre Verkehrsmittel, ihre Beleuchtungstechnik, ihre Nahrung und Kleidung machen seit 1850 radikalere Veränderungen mit als in all den Jahrhunderten seit Beginn der modernen städtischen Zivilisation.“ (A. Hauser)
Auf meisterhafte Weise hat Labiche nichts von all dem in seinem „Florentinerhut“. Das erklärt, warum der Hut weltweit in Mode geblieben ist. „Labiche“, sagt Emile Zola, kommt als Biedermann, berührt die menschlichen Probleme nur leicht, aber mit einer Fantasie, die über alles zu lachen versteht. Wenn die Wahrheit zu traurig ist, lässt er sie einen Bocksprung machen, und dieser Sprung ist dann unwiderstehlich … Das Eigentümliche zu Labiche ist, dass er die Anteilnahme am Menschen so weit zu reduzieren versteht, dass man die menschlichen Laster nur noch als einfach komische Abweichungen von der Norm sieht. Seine Figuren sind meist Puppen, die er über Abgründen tanzen lässt, um sich dann über ihre Grimasse zu amüsieren.
Vor allem sorgt er dafür, dass sich das Publikum immer bewusst ist, dass alles nur geschieht, um im Theater eine angenehme Stunde zu verbringen, und dass die Komödie, was auch immer auf der Bühne passieren mag, auf die glücklichste Weise enden wird.”
Quellen: Botho Strauss, Materialien zu “Das Sparschwein.”
Arnold Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, C.H. Beck, 1983
.
.
2. Akt
.
.
DS SCHPARSCHWII DAS SPARSCHWEIN ist eine grandiose Gesellschafts-Komödie und amouröse, sich offen und vorwärts entwickelnde Verwicklungsgeschichte, die sich über mehrere Stationen und Schauplätze erstreckt.
.
Der Inhalt
Eine Pokerrunde aus La Ferté-sous-Chouarre will endlich ihre seit Jahren erspielten Ersparnisse möglichst profitabel und nach dem eigenen Geschmack in Genuss umwandeln. Uneins über die Art der Freude wird demokratisch diktiert was dem wöchentlichen Gastgeber so am besten passt: Ein Zahnarztbesuch soll sich ganz natürlich ergeben, Einkäufe aller Art sollen so nebenbei getätigt und Befriedigung jeder Spezies soll herbeigeführt werden: die Reise nach Paris, ins Zentrum des Vergnügens, soll Eingang finden in die Annalen des Provinznestes. Und alle wollen daraus auch noch eine Stärkung der selbsteigenen Position in der Dorfgemeinschaft erreichen, die sich in einem langen Leben etwas erstarrt hatte. Die vergnüglichste Reise ins Vergnügen des Lebens soll morgens um 5 Uhr 25 starten, und die kapitaleigene staatliche Eisenbahn soll das ermöglichen!
Zum Glück verpasst der Notar den Zug. Zum grösseren Glück kann in der Stadt bereits zum Frühstück eine stattliche Mahlzeit eingenommen werden. Ein noch höheres Glück bringt der Besuch der Kunstdenkmäler: der “Arc de Triomphe” verleiht dem historischen Geist Erhebung wie das Korsett den hängenden Bauch in eine stattliche Brust verwandeln kann. Und das Glück der Reise in die Stadt wäre nicht vollkommen wenn nicht auch noch das Eheglück eine gute Position in der Altersversorgung versprechen könnte. Was für ein Glück, und …
“… was für eine Reise! Oh mein Gott, was für eine Reise!”
Dabei wäre der gute Bauernsohn doch der beste Student in der landwirtschaftlichen Hochschule wenn er nach dem 5. des Monats nicht immer schon pleite wäre … und er keine derart ausgeprägte Vorliebe für kleine, dicke Frauen hätte … und der Revierpolizist wäre doch auch ganz nett wenn er nicht gerade einen privaten Termin hätte … und der Kellner wäre ein ehrlicher Kumpel wenn er die mehrfachen Nullen auf der Speisekarte nicht geschickt unter dem Rand der Speisekarte verstecken täte … und der nette Cocarel, der doch so selbstlose Kuppler, wäre auch so liebenswürdig wenn ihm nicht gerade der Sims der Salondecke auf den Kopf zu fallen drohte. Und welches Glück, dass man vor der Polizei fliehen und auch im Freien übernachten kann wenn die letzte Eisenbahn schon abgefahren ist. Welches Glück … haben wir doch mit unserer guten und doch so individuellen, ökonomischen Lust und Demokratie.
.
.
Wie andere Theater das Stück zusammengefasst haben, drei Beispiele:
Radebeul, 2004: “Ohne Reiseplan sich auf die Reise begeben, heisst erwarten, dass der Zufall uns an das Ziel führe, das wir selbst nicht kennen.” Kleist, An Ulrike von Kleist, Mai 1799 “Oh, was für eine Reise! Mein Gott, was für eine Reise!” Die honorigen Provinzbürger von Ferté-sous-Jouarre beschliessen, mit ihrem Sparschweinkapital – in gemeinsamen Kartenrunden hart erstritten – nach Paris, in die Hauptstadt des Vergnügens zu reisen. In der grossen Welt angekommen, demonstrieren sie nach aussen Einigkeit und Geschlossenheit. Doch zu Hause bereits uneins über den Einsatz des Ersparten, sind Konflikte nicht mehr zu vermeiden. Die Provinzler entdecken Züge an sich, die ihre kühnste Phantasie übertreffen. Die Welt ist brutal, sie sind es auch. Sich überschlagende Ereignisse, Blamagen und Verwechslungen treiben die Zwangsgemeinschaft in immer komischere und zugleich bedrohlichere Situationen. Sie werden Opfer von Betrügereien, Irrtümern und nicht zuletzt ihrer selbst. Unaufhaltsam gleiten sie in die Katastrophe. Labiches local heroes scheitern auf der ganzen Linie, aber sie scheitern äusserst amüsant. „Mein Leben war zu glücklich, als dass meine Biographie interessant sein könnte“, sagte Eugène Labiche (1815 – 1888), der Urheber von 175 Vaudevilles und Lustspielen, die von seinen Zeitgenossen mit Genuss konsumiert wurden. Mit seiner Bearbeitung des „SPARSCHWEINS“ hat Botho Strauss ein zugleich bitterböses und urkomisches Stück für das Theater zurückgewonnen.
.
Wien, Kindertheater, 2003/04: Die Mitglieder einer kleinstädtischen Kartenrunde beschliessen, ihr Sparschwein zu schlachten, in dem sie die “Spielsteuern” aufbewahren. Mit dem stolzen Besitz von 491 Francs und 20 Centimes machen sie sich auf nach Paris, wo sie etwas “Unvergessliches, Epochemachendes” erleben wollen. In fremder Umgebung angekommen, demonstrieren sie nach aussen Einigkeit und Geschlossenheit. Doch zu Hause bereits uneins über den Einsatz des gemeinsamen Kapitals, sind Konflikte nicht mehr zu verbergen. Sich überschlagende Ereignisse, Verkettungen und Verwechslungen treiben die Sparschweingesellschaft in immer neue, komische, bedrohliche und absurde Situationen. Sie werden Opfer von Betrügereien, Irrtümern und nicht zuletzt ihrer selbst. In den Strudel der Stadt geraten, gleiten sie unwiderstehlich in die komische Katastrophe ab.
.
Melchingen, 2002: Die honorigen Provinzbürger eines kleinen Ortes auf der Schwäbischen Alb, beschliessen mit ihrem Sparschweinkapital – Ergebnis gemeinsamer Kartenrunden – in die Landeshauptstadt Stuttgart zu reisen. In fremder Umgebung angekommen, demonstrieren sie nach aussen Einigkeit und Geschlossenheit. Doch zu Hause bereits uneins über den Einsatz des gemeinsamen Kapitals, sind Konflikte nicht mehr zu verbergen. Sich überschlagende Ereignisse, Verkettungen und Verwechslungen treiben die Sparschweingesellschaft in immer neue, komische, bedrohliche und absurde Situationen. Sie werden Opfer von Betrügereien, Irrtümern und nicht zuletzt ihrer selbst. Aus den Vergnügungs-Reisenden wird eine Zwangsgemeinschaft, in der jeder für sich und alle für ihren guten Ruf kämpfen. Durch eigenen Hochmut in den Strudel der Stadt geraten, gleiten sie unwiderstehlich in die komische Katastrophe ab. Labiche, Meister der Vaudeville-Komödie, liebte Theatereffekte, wilde Verwechslungen, deftige Possen, unvorhergesehene Begegnungen, Spötteleien und sprunghafte, überraschende Veränderungen der Situation. Das SPARSCHWEIN, die wohl bekannteste Komödie Labiches, beginnt mit einer völlig harmlosen, alltäglichen Situation. Die Figuren geraten aber bald mit zunehmender Beschleunigung in eine ununterbrochene Folge unvorhersehbarer, sich überstürzender Ereignisse. Sie verlieren den Boden unter den Füssen, verstricken sich immer tiefer, geraten ausser sich, und versinken schliesslich im Sumpf eines grotesken Alptraums.
.
3. Akt
.
Das Sparschwein als Freilichtspiel in Chur, zum 30.
.
Drei Gedanken zum Projekt Zurückbesinnend, denken wir, dass die Idee mehr als aufgegangen ist: Anspruchsvolles Theater im Sommer als Freilichtspiel anzubieten ist heute keine Neuigkeit mehr, viele sind uns gefolgt. Wir waren nicht die Ersten, die grössere Theateraufführungen “openair” anboten (davon sprach man 1981 noch gar nicht), aber wir gehörten zu den Ersten, die Freilichtspiele nicht als Festspiele verstanden und Theater als Theater im grösseren Rahmen zeigen wollten: Anspruchvolles, leicht zugängliches Theater für ein breiteres Publikum aus dem Grossraum Chur.
Vorwärts denkend: das soll sein, weiterhin, und jedes Jahr neu gedacht und definiert. Für ein altes neues Publikum, ein frisches und erfrischendes Theater. Eine Komödie? Nicht nur, nicht immer, aber immer wieder – und dieses Jahr ja, ganz besonders in diesem Jahr 2011. Wir sind allesamt älter geworden in diesen 30 Jahren, höchste Zeit also, zu zeigen, zu leben, zu erleben, was eine Komödie sein kann, wie ernst sie sein muss und wie leicht sie sein darf. In unserer Sprache, in unseren Bildern, in unseren Fantasien.
Das Sparschwein (Schwein gehabt wer einen Batzen hat sparen können) ist es, das dieses Jahr vor sich hingrunzt, das uns ruft und vorlebt, dass wir in kleinen Schritten auch grosse Wege gehen, oder mit grossen Schritten auch schön ins Straucheln kommen können. Wer den Rappen nicht ehrt ist der Zukunft nicht wert, oder so. Viel Kleinfutter ergibt auch eine grosse Mahlzeit – und wir haben uns zum Fressen gern. Auch in unserer Sprache, in unseren Bildern, in unseren Gedanken.
Schwein gehabt, dass wir uns, auch noch im 30. Jahr nach unserer Vereinsgründung, auf Theater freuen können … und dass Jüngere uns nach kommen, und sie auch noch Lust haben, weiter zu machen.
Gut also, dass wir dieses Jahr Sparschweine schlachten können.
Ab Donnerstag 18. August.
Gian Gianotti
6.1.2011
.
.
.
4. Akt
.
.
.5. Akt
.
.
.
.
Nachtkritik:
“Die Premiere hat stattgefunden und hatte ein Riesenglück mit dem Wetter. Knapp vor 22.00 Uhr und mit den letzten Wörtern fielen die ersten Tropfen, beim Applaus wartete das Gewitter noch ganz anständig und entlud sich als das Publikum den Platz schon verlassen hatte. Der Applaus war gross, es sind viele gute Meinungen gemacht, die Mund zu Mund Propaganda kann nun ihren Lauf nehmen.”
Libretto von Gian Gianotti für die Nach-Realisierung der Semi-OperThe Tempestvon Matthew Locke (1621-1677), mit neuen Kompositionen von Saskia Bladt und Martin Derungs Ein Theater-Konzert weit nah bei William Shakespeare “Der Sturm”
Matthiew Locke (1621-1677)
The Tempest
Semi-Oper (UA 1673) nach William Shakespeare, Der Sturm (UA 1611)
Uraufführung: Theater Winterthur, 8. Mai 2010, zweite Vorstellung am 9. Mai
Weitere Vorstellungen in Zürich im Oktober 2010 mussten leider abgesagt werden.
Die Wiederaufnahme ist geplant für Juni/Juli 2013. Siehe dazu >>> TemPest WA
TemPest Ein Theater-Konzert über das Sich-Finden und Los-Lösen des Menschen auf seinem Lebensweg, weit nah bei William Shakespeare “Der Sturm”
Steckbrief – 4 Sänger/innen des „Vokalensemble Zürich”
– 20 Musiker des Zürcher Barockorchesters
– Schauspieler, Schauspielerin und Tänzer für die Rollen von Prospero, Miranda und CaliPan/Ferdinand
– Kompositionswerkstatt: Barockmusik aus England und neue, zeitgenössische Musik
– Szenisches Konzert
Mitwirkende, neue Kompositionen: Saskia Bladt
Martin Derungs
Leitung: Matthias Weilenmann, Musikalische Leitung Gian Gianotti, Inszenierung
Katrin Sauter, Mitarbeit Regie Peter Siegwart, Leitung Vokalensemble Zürich Rolf Derrer – Licht/Szenografie Eduardo Santana – Bild Barbara Wirz – Bekleidung
Projektleitung: Gesamtleitung: Matthias Weilenmann Produktionsleitung: Thomas Rainer, ALLEGRA – Agentur für Kultur, Mannheim, Tel- +49 621 832 12 70 info@allegra-online.de
Monika Baer, Violine Markus Bernhard, Violone Martina Bischof,Viola Rosario Conte,Theorbe Luca Fiorini,Viola Aina Hickel,Violine Christian Hieronymi, Cello Margarete Kopelent, Orgel Sibille Kunz, Blockflöte Susann Landert,Fagott Heidi-Maria Makkonen, Violine Linda Mantcheva,Cello Malina Mantcheva, Violinen Eveleen Olsen,Violine Olivia Schenkel, Violine Jermaine Sprosse, Cembalo Renate Steinmann, Violine, Konzertmeisterin Andel Strube, Blockflöte Sarah Weilenmann,Cello Salome Zimmermann,Violine
Zum Inhalt: Prospero hält Rück- und Vorschau auf seine Lebenszeit und auf die Chancen seiner Tochter Miranda. Vor 15 Jahren hatte er sich als Herzog von Mailand aus dem politischen Leben zurückgezogen, um sich der Magie der Lebenswahrnehmung, Lebensgestaltung und der Erziehung seiner Tochter zu widmen. Auf seiner Existenz-Insel ist ihm der Luftgeist Ariel zu Diensten, Caliban/CaliPan muss in seiner körperlichen Kraft gezähmt werden. Nun will er seine Tochter Miranda ins eigenständige Leben begleiten.
Ariel richtet die Abläufe und Begegnungen nach Prosperos Wunsch ein. CaliPan hat eigene Interessen. Miranda reift in ihrer Liebesfähigkeit. Prospero erhält seine alte Macht wieder und gibt sie der nächsten Generation weiter. Die Endlichkeit des Vaters ist der Beginn des Lebens der Tochter. Miranda beginnt ihr Spiel.
Shakespeare liefert uns die Idee des Generationenwechsels in seinem faszinierenden Spätwerk “Der Sturm”.
Zum Projekt: Zur Musikfassung von Matthew Locke und zur neuen Edition 2010
„The Tempest”, komponiert um 1670, gehört zu den wichtigsten Semi-Operas in England. Basierend auf der Theatervorlage von William Shakespeare entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts ein neu zusammengestelltes Libretto, das die Basis des Werkes von Matthew Locke wurde. Matthew Locke, Hofkomponist und Lehrer von Purcell, schrieb den größten Teil der Musik, und lud verschiedene Komponisten ein, sich am Werk zu beteiligen: John Banister, Pelham Humfrey, Pietro Reggio, John Hart, Giovanni Battista Draghi. So entstand wie oft in der Zeit ein facettenreiches Gemeinschaftswerk. Ein weiteres Merkmal vieler Semioperas bestand in der Verbindung von gesprochenem Text mit Musik, Gesang und Tanz. Dieses Zusammenspiel der Sparten wurde für die Neuedition 2010 beibehalten.
Historische Öffnung Das Prinzip der “Komponistenwerkstatt” hat uns dazu bewogen, das ursprüngliche Konzept ins Heute auszuweiten: Saskia Bladt und Martin Derungs komponieren neue Interventionen und prägen so das Projekt Alte und Neue Musik. Diese Weitungen nehmen direkten Bezug auf die historische Situation: Saskia Bladt schreibt eine charakterisierende Musik für die Insel/Ariel und für Miranda, während Martin Derungs Wort- und Gedankenfetzen des neuen Librettos aufnimmt, überhöht und damit eine den Zeitverlauf gliedernde Interventionsebene schafft.
Die Neufassung und Inszenierung Locke kürzte die Textfassung von Dryden, Davenant und Shadwell bis zur Shakespeare-Unkenntlichkeit und spielte mit den neuen Möglichkeiten der barocken Bühnentechnik. Nach der Schliessung der Theater durch die Puritaner (1640-58) wurden auch in England die geschlossenen Innenräume für das neue Theater entdeckt und definiert. Das Libretto von Gian Gianotti besinnt sich „ganz weit nah“ auf Shakespeare und verbindet die integralen Musikteile in ihrer originalen Reihenfolge. So entsteht ein szenisches Konzert über das Sich-Finden und Los-Lösen des Menschen auf seinem Lebensweg.
In der Abgeschiedenheit seiner Lebens-Insel und hoffend, dass das Leben aus mehr besteht als nur aus Machtintrigen und Ränkespielen versucht ein Vater mit Hilfe der „lebensmagischen Sensibilität“ seine Tochter mit neuen, höheren Fähigkeiten auszustatten, damit sie als nächste Generation das Leben und die Weltgeschicke unabhängiger und freier gestalten kann. Sein Charakter prägt seine Tochter und bringt sie dazu, sich von ihm abzugrenzen und ihren eigenständigen Weg zu finden.
(Gian Gianotti, April 2010)
TemPest – Vorläufige Termine … Premiere der Uraufführung Samstag 8. Mai 2010, 19.30 Uhr im >>> Theater Winterthur
Sonntag 9. Mai 2010, 19.00 Uhr im >>> Theater Winterthur Einführung ab 18.45 Uhr
weitere Vorstellungen Freitag 15. Oktober 2010, 20.00 Uhr im Theater Rigiblick, Zürich
Samstag 16. Oktober 2010, 20.00 Uhr im Theater Rigiblick, Zürich
Sonntag 17. Oktober 2010, 17.00 Uhr im Theater Rigiblick, Zürich
Siehe: >>> Theater Rigiblick, Germaniastrasse 99, 8044 Zürich
Aufgrund einer plötzlichen und schweren Erkrankung des Hauptdarstellers Norbert Kentrup mussten diese drei Vorstellungen von „TemPest“ vom 15.-17. Oktober im Theater Rigiblick Zürich abgesagt werden. Die Vorstellungen in Zürich wurden 2013 in einer Wiederaufnahme nachgeholt: >>> Link zur WA
Norbert Kentrup hat in seinem Buch “Der süsse Geschmack von Freiheit” (KellnerVerlag, 2018) über diese Erfahrung geschrieben. Daraus:
>>> Auszug zur TemPest – DIE IDEE IST DER WEG
Das Projekt Das Musikkollegium und das Theater Winterthur haben der Förderung von Kindern und Jugendlichen im Bereich Musik, Theater und Kreativität einen nachhaltigen Impuls verliehen. Angesprochen waren alle Schülerinnen und Schüler der Stadt und der näheren Umgebung von Winterthur.
DieGrundidee des Projektswar ein pädagogisch–kreativer Ansatz, welcher erlaubte,Kinder und Jugendliche von der Volksschule bis zur Maturität, sich in die Entstehung eines gemeinsamen Bühnenwerks zu integrieren.
Der Prozess begann im Frühjahr 2008 bei der Entwicklung einer Geschichte, die in einem nächsten Schritt dramatisiert und bis zu den Aufführungen umgesetzt wurde.
Auch die bühnentechnische Realisierung wurde weitgehendst von den Schülern und Schülerinnen mitdefiniert, die theaterfachlich begleitet und geleitet wurden. Die Uraufführung des Bühnenwerkes fand im Mai 2009 im Theater Winterthur statt.
Über 900 Kinder waren daran beteiligt, sowohl aus Einzelinteresse als auch im Klassen- oder Schulhausverband organisiert.
Assistenz, Theaterpädagogische Betreuung, Mitarbeit Organisation Katrin Sauter Vera Bryner
ZHdK Studiengang Theaterpädagogik, Gruppen und Klassenbetreuung: Marcel Grissmer Simone Haungs Eva Heissenhuber Lucas Keist Thea Rinderli, Praktikantin Mira Sack, Leitung Marcel Wattenhofer, Leitung
sowie alle Lehrerinnen und Lehrer der teilnehmenden Schulklassen, resp. Schulhäuser
DAS PROJEKT –Die Idee Zwei “Geschichten-Erfindungsklassen” schrieben zuerst Aufsätze mit Inhalten, die sie gerne auf dem Theater zeigen möchten. Daraus wurden vier Grundideen herausgenommen und einer “Librettoklasse” vorgelegt. Diese arbeitete mit einer “Poesieklasse” zusammen, die einzelne Textpassagen für Arien und Lieder umschrieb – und das Projekt erhielt den Namen: FEALAN. Der Inhalt des sich verändernden Librettos wurde immer wieder den Erfindungsklassen vorgelegt. Betreut wurden diese Schritte vonPaul Steinmann. Zuletzt wurde das Libretto noch sprachlich koordiniert.
Nach diesem Prinzip wurde danach auch die Musik von den Kindern in Begleitung von Andreas Nickdefiniert, komponiert und für das Orchester des Musikkollegiums Winterthur MKW eingerichtet.
Alles was dann auf der Bühne stattfand wurde von den Kindern geschrieben, definiert, vertreten, dargestellt und gesungen. Die Erwachsenen haben sie “nur” begleitet und unterstützt. Und sie haben alle mit dem Publikum gestaunt, welche fast nicht zu bändigende Kraft und Energie in 800 Kindern und Jugendlichen steckt, die sich ein Jahr lang unter anderem auch mit Theater beschäftigen können. 360 davon sind an ihre Grenzen gegangen und haben in den vier Vorstellungen alles gegeben und gespielt: Schüler und Schülerinnen, Lehrpersonen, Polizisten, Wächter, Elfen, Blumen, Schmetterlinge, Kröten, Wände, Winde und Wasser, Macht und Ohnmacht, Paparazzi, Journalisten, Choristen und im Ouvertüre-Orchester.
Das Prinzip der Arbeit war, dass alle Kinder ihre Ideen, eingebrachten Formulierungen, Klänge, Formen, Farben, Bewegungen auf der Bühne wieder vorfinden sollten: daraus wurde eine farbige Welt, eine grosse Kundgebung für die Freundschaft und Menschlichkeit. Das Publikum, die Familien, die Lehrer/innen und die Schulbehörden haben es ermöglicht. Und sie haben es wahrgenommen.
Die Aufführungen – 2009 Freitag 8. Mai 11.00 Uhr – interne GP für alle Beteiligten
Samstag 9. Mai 2009 17.00 Uhr – Premiere, Uraufführung
Weitere Vorstellungen – Sonntag 10. Mai 11.00 und 15.00 Uhr
Die Arbeitsbereiche Das Projekt gliederte sich nach verschiedenen Arbeitsbereichen, die zeitlich gestaffelt waren und verschiedenen Altersgruppen erlaubten, sich nach eigener Vorliebe sinnvoll in die Produktion einzubringen. Der damit verbundene Arbeitsaufwand für die Schulklassen war je nach Arbeitsbereich und Anzahl teilnehmender Klassen und Kinder variabel. Die Langfristigkeit und die auf Integration ausgerichtete Vielfältigkeit des Projektes war Teil des Konzeptes. Alle Leitungspersonen und beteiligten sowie unterstützenden Organisationen wurden vom breiten Interesse regelrecht überrumpelt. Sowohl der innere wie auch der öffentliche Erfolg waren enorm.
Konzept und künstlerische Leitung: Andreas Nick, Komponist und Dozent ZHdK
Projektleitung: Marco Müller, Jugendbeauftragter Musikkollegium Winterthur
>>> Die Dokumentation (mit Pressetext) Das ganze Projekt wurde übers Jahr von einer Filmequippe von >>> EYE MIX Zürichbegleitet. Die Dokumentation wird am 11. September 2009 erstmals morgens für die beteiligten Kinder und abends für die beteiligten Familien und Freunde imTheater Winterthur im Rahmen des TheaterjubiläumsTW30gezeigt. Am Sonntag 13. September findet die Erstausstrahlung in der Sendung >>> KLANGHOTELdesSchweizer Fernsehens SFstatt. Die Regie der Dokumentation führteRegula Tobler.
Angesichts der vielen Kinder und Personen, die am Projekt beteiligt waren, wurde FEALAN von der lokalen Presse stark begleitet.
Über die ganze Vorbereitungszeit erschienen mehrere Artikel und Gespräche im MedienpartnerWinterthurer Stadtanzeiger.Sie können diese Seiten hier als pdf einsehen:
Und das auch noch – zum Abschluss! DIE AUSZEICHNUNG junge ohren preis 2009 in der Kategorie “Best Practice”
Aus der Jury-Begründung: “Ein Grossprojekt, das in beispielhafter Weise aktivierend ist. Die Arbeit in einem professionellen Setting mit dem Musikkollegium Winterthur kann als ‘once in a livetime experience’ bezeichnet werden, die nicht nur durch drei ausverkaufte Aufführungen, sondern auch durch einen nachhaltigen Bezug zum Musiktheater belohnt wird.”
Prof. Dr. Ingrid Allwardt, Geschäftsführerin netzwerk junge ohren
Berlin, den 1. Dezember 2009
Am Anfang der deutschen Theaterliteratur steht «Der Ackerman von Böhmen», ein Streitgespräch zwischen Mensch und Tod. «ln diesem Büchlein ist aufgezeichnet ein Streit, dergestalt, daß einer, dessen Liebste gestorben ist, den Tod zur Rede stellt, woraufhin sich der Tod verantwortet. So bestreitet der Kläger jeweils ein Kapitel und der Tod das andere, bis zum Ende.» Verfasst hat den bewegenden Dialog Johannes von Tepl, ein böhmischer Rechtsgelehrter und Stadtschreiber, um 1400 in frühneuhochdeutscher Sprache, genau an der Schnittstelle von Spätmittelalter und früher Neuzeit. Das Ringen mit dem Tod, die Auflehnung gegen ihn und das letztendliche Einverständnis mit ihm: das werden auch die Rhythmen sein, mit denen Gian Gianotti den alten Text in unserer heutigen Zeit, die den Gedanken an den Tod sonst ja gern verdrängt, zur Diskussion stellt.
Am würdigen Ort: als Freilichtaufführung im Hospitalhof Stuttgart.
Texteinstieg: Vergils Begrüssung “Heut wird dargebracht ein Strittgespräch zwischen Mensch und Todt: zwischen Leben und Lebensziel.
Höret zu lieb Leute und habt Erbauung draus für Euer Lebtag Todt, für Eurer Lieben Tage Todt. Ein hart Gespräch uber natürlich Los, uber unser Lebtag Staub.
Habt Erbarm wenn uns der Atem stockt vor dem Leben Todt, und seid, wie wir, dem Gegenuber Lebensbild: Leben, Grund und Bild für weitres Syn.
Der Todt kummt allzu bald, und der hatt stettig Recht – und blieben blibt der Schmerz für angefreundt Volk, und bliben blibt das Bild, das andre uns haben angedicht. Doch haben Schmerz und Bild ihr Lebtag Staub in sich und schwinden, eh geschaffet.”
Verschiedene >>> Autoren und Komponisten Gian GianottiTextzusammenstellung und Matthias WeilenmannMusikalische Auswahl und Koordination
.
.
“Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge”
Eine musikszenische Einrichtung mit Texten zum Sicherheits- und Schutzdenken in der Schweiz
.
Das offizielle Kulturprogramm von SH-500 und ZH-650 Jahre in der Eidgenossenschaft
Eine Produktion von theaterforum.ch in Zusammenarbeit mit dem Verein Sommertheater Schaffhausen 2001
.
Premiere: 12. August 2001, 20.00 Uhr im MUNOT, Kasematte – Schaffhausen
Weitere Aufführungen in Schaffhausen: 16., 17., 19., 23., 24., 25., 26., 30., 31. August, 7., 8., 9. September 2001
Vorstellungen in Uster, Reformierte Kirche: 5. und 6. Oktober 2001 Vorstellungen in Zürich, Musikkonservatorium Florgasse: 19. und 20 Oktober 2001 Vorstellungen im Theater Winterthur: 15. und 16. November 2001
.
.
.
“Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge”
Ein Theaterprogramm zum Sicherheitsdenken der Schweiz, im Rahmen der Feierlichkeiten zu „Zürich 650 und Schaffhausen 500 Jahre Beitritt zur Eidgenossenschaft”
Die Beteiligten
Matthias Weilenmann – Musikalische Konzeption und Leitung Gian Gianotti – Projektleitung, Ausstattung, Inszenierung Martin Derungs – Musikdramaturgie mit Matthias Weilenmann
.
Barbara Wirz – Kostüme Rolf Derrer – Beleuchtungskonzept
.
Felix Pletscher –Technische Leitung Christine Schneider – Presse Roger Staub – Grafik, Plakat Bruno Bührer – Fotografie
.
Musiker, Musikerinnen Monika Baer
Julian Behr
Nicola Cumer
Jessica Horsley-Marshall
Mario Huter
Felix Knecht
Giuseppe Lo Sardo
Katharina Lugmayr
Dagmar Weilenmann
Martin Zeller
.
Gesang Tino Brütsch
Martina Fausch
Kelly Landerkin
Michael Raschle
Akira Tachikawa
.
Schauspielerin Monika Dierauer
.
Chor Rosmarie Asal
Angela Bänteli
Julia Bolli
Verena Erne
Dorothee Fürer
Lenz Furrer
Rosmarie Gansner
Hilla Genther
Kaspar Hauser
Susanne Hyla-Eggenberger
Adèle Lukácsi
Anna Mastrobuoni
Walter Rüegg
Gina Sparano
Eleonore Strehler
Elvira Volpe
.
Technik Urs Ammann
Fabian Amsler
Felix Pletscher
.
Mitarbeit Kostüme und Fahnen: Nicole Styger, Walter Wirz
Technik: Delux Zürich, Thomas Brunold, Isabel Lehmann, Florian Spühler
.
Projektgruppe Schaffhausen Richard Meier, Roger Staub, Matthias Freivogel, Gian Gianotti
.
.
.
.
.
“Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge”
Musik-Szenische Einrichtungen mit Texten zum Sicherheits- und Schutzdenken in der Schweiz
Ein offizielles Kulturprogramm zu den Feierlichkeiten SH-500 und ZH-650
Als damals die Regionen und Städte zusammenfanden war das ein Zeichen einer Suche nach Sicherheit, nach Stärke und Zukunft. Die Gründe sind so vielfältig wie deren Deutungsmöglichkeiten. Unter diesem Titel, einem Zitat aus der 9. Motette von Heinrich Schütz, wollten wir einige Hauptaspekte thematisieren und sie in verschiedene Kontexte stellen.
Nach der Uraufführungseinrichtung in der Kasematte im Munot möchten wir dieses Thema und Programm auch in anderen Räumen angehen. Unter der jeweiligen Bedeutung des Ortes verändern sich Aussage und Wahrnehmung, auch wenn die Programmfolge dieselbe bleibt. Was wird anders? Die ganze Rezeption. Im sakralen Kontext in Uster werden die Aussagen unwillkürlich vermehrt unter dem religiösen Aspekt assoziiert, und die Musik, sowie das gesprochene Wort werden im Konzert- und im Schulungsraum wieder ganz anders “klingen”. Auf der Theaterbühne wird die naturalistisch-räumliche Konfrontation mit dem Munot wegfallen, dafür wird sich die theatralische Dimension vorschieben. Die militärische Propaganda wird in der Kirche anders als im Konzertraum “auffallen”. Ebenso die Ode, die Poesie, die Hoffnung, die Ohnmacht, die Sehnsucht.
Das Thema Sicherheit wollte also nicht allein militärisch, kirchlich, musikalisch oder theatralisch angegangen werden, sondern sensibler und mehrschichtig nach der Orientierung des Menschen in seiner inneren militärischen, kirchlichen, musikalischen oder theatralischen Psyche, Interessenslage oder Wahrnehmungsfähigkeit. Sicherheit ist nicht eine Tatsache, nicht ein sicheres Kapital und auch nicht unveränderbar. Sicherheit verändert sich täglich, stündlich und mit jeder Begegnung, mit jeder Umstimmung der inneren Gefühlslage, mit jeder Kommunikation und Perspektive. Ein barscher Befehlston oder eine angenehm-freundschaftliche Stimme verändern die Sicherheitslage einer Person und damit das Sicherheitsbedürfnis einer Nation.
Das Programm “Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge” möchte verschiedene Seiten dieses Bedürfnisses skizzieren. Wir suchten verschiedene Facetten der persönlichen Sensibilität im Umgang mit dem Schutz- und Sicherheitsbedürfnis. Jede menschliche Erfahrung definiert wieder andere Bedürfnisse. Im offenen Krieg, im persönlichen Bunker, im aufklärenden Gespräch, im achtsamen Umgang mit Mitmenschen und Umwelt … und warum nicht: auch im härtesten und gleichzeitig friedvollsten Probenstadium eines Kulturprojektes, bauen wir uns unsere jeweils ganz individuellen Sicherheitsstrukturen. Einige Eckwerte, die wir uns für die Zusammenstellung dieses Programms vorgenommen haben sind genannt und werden mit der Auswahl der Aufführungsorte unterstrichen. Die einen konkurrenzieren die anderen, andere potenzieren sie. Sie sollen nebeneinander stehen können.
Das theaterforum.ch wurde gegründet, um die Kultur- und Kunstsparten mittels Theaterkommunikation nebeneinander anzuschauen und zu studieren. In der Vision werden diese Grundsätze festgehalten. Wir leben mit dem progressiven Definitionspotential unserer Arbeitsweise. Dass wir uns dieses Jahr mit dem Verein Sommertheater Schaffhausen zusammen gefunden haben ist als grosser Schritt zu betrachten: In einer Koproduktion gehen wir auch in der Umsetzung unserer Visionen weiter. Was sich vor uns auftut ist nicht “nur” ein Weg, es ist eher ein Platz. Unter Agoraphobie leiden wir nicht, vor grossen Plätzen schützen wir uns in der Erkundung ihrer Möglichkeiten und Dimensionen: friedvoll und aktiv, vor allem neugierig, herauszufinden wo die Zusammenhänge sind, wo die Grenzen.
Vor einigen Tagen ist ein kurzer Text von Nostradamus herausgestrichen worden, eine Vorsehung, die wir als mögliche Dimension der Erkundung haben wollten. Wir sind davon abgerückt, weil wir die Vorsehung zugunsten der Vorsicht aufgegeben haben: Bei richtiger Vorsehung, zum Beispiel einer Katastrophe, trifft die Katastrophe ein, richtige Vorsicht kann sie womöglich umgehen, umschiffen, umfahren, oder … spielerisch-leicht “um-singen”.
Gian Gianotti
30. Juli 2001
a1
Das Projekt und die Autoren
• Die Schweiz als Zufluchtsort oder Insel, empfangend oder abwehrend. Suche nach Schutz, Sicherheit und Identität in vier verschiedenen Strukturen zum Schutz des Lebens, des Geistes, der Erziehung, der Kultur.
Das theaterforum.ch Zürich präsentiert in Koproduktion mit dem Sommertheater Schaffhausen ein musikszenisches Programm mit Kompositionen von Hildegard von Bingen (Kyrie 69), Ludwig Senfl (Geistliche Lieder), Heinrich Schütz (Geistliche Chormusik) und Samuel Scheid (Cantiones sacrae) kontrapunktiert von Neukompositionen von Martin Derungs und Fabian Neuhaus. Textezur Suche nach Sicherheit und Geborgenheit aus literarischen und politischen Publikationen des 16. Jahrhunderts und der Gegenwart von Jürg Amann, Albert Bachmann, Hermann Broch, Luisa Famos, Erich Fried, Erich Fromm, Georges Grosjean, Henri Guisan, Karl Kraus, Heinrich Leuthold, Martin Luther, Gabriela Mistral, Friedrich Nietzsche, Arnold Ott, Pier Paolo Pasolini, Rainer Maria Rilke, Leonardo da Vinci.
• Eine dramaturgische Zusammenstellung zu den Liedern, Motetten und Neukompositionen.
Das Projekt wird szenisch für vier verschiedene Räume ortsspezifisch neu eingerichtet und gespielt. Der erste Ort ist der Munot in Schaffhausen, der zweite die reformierte Kirche in Uster, der dritte die Musikhochschule in Zürich und der vierte Ort das Theater Winterthur, am Stadtgarten. Jede Aufführungsserie gilt wieder als eine neue Einrichtung.
Munot Schaffhausen Der Munot in Schaffhausen, 500 Jahre nach dem Eintritt in die Eidgenossenschaft und kurz vor dem Ausbau der Festung am Emmersberg zum Munot. Mit dem Dreissigjährigen Krieg zog die erste wirklich grosse Konfrontation übers Land, gegen die mit der Festung Abwehrwille und –fähigkeit dokumentiert werden wollte. Hätten sich die Schaffhauser und die Eidgenossen damals wirklich verteidigen müssen, wäre der Bau, nach Plänen und Gedanken von Albrecht Dürer, bereits von der kriegerischen Technik überholt gewesen. Gedanklich und militärisch wurde die Einbunkerung damals und immer wieder definiert als: “Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge”.
Aufführungen: 12. August (Premiere)
16., 17., 19., 23., 24., 25., 26., 30., 31. August, 7., 8., 9. September
Reformierte Kirche Uster Die reformierte Kirche in Uster. Nach den ersten Präsentationen des Projektes in den Medien in Schaffhausen und in Zürich wurden wir von der Stadtpräsidentin und von der Kulturkommission Uster angefragt, ob das Projekt auch in ihrer Stadt aufgeführt werden könnte. Wir nahmen die Einladung gerne an. Dieser Raum hat historisch-politisch eine relevante Dimension in der Definition unserer ersten schweizerischen Demokratie. Auch das: “Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge”.
Aufführungen: 5. und 6. Oktober
Kulturgemeinschaft Uster, KGU .
Musikhochschule Zürich Die Musikhochschule Zürich, ein Haus der Ausbildung zur musikalischen Kunst, zurückschauend und vorwärtsdenkend. Das Projekt soll unter diesem Aspekt angeschaut und gehört werden. Das Haus als Institution steht musikalisch im europäischen und internationalen Kontext und Gespräch. Die Verständigung über die Sprach- und Kulturgrenzen wird täglich gelebt und angegangen. Europäische und/oder auch internationale “Konflikte” müssen hier verbal und affektiv begreifbar werden: “Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge”.
Aufführungen: 19. und 20 Oktober
.
Theater Winterthur, Hauptbühne Das Theater Winterthur als Idee, Programm und Architektur. Theatralisch wird hier das Projekt nochmals definiert, der künstlerische Wert der Vorlage in der Distanz der Bühne nochmals angegangen. Das ganze Haus wird hier miteinbezogen. Das Theater allgemein und jenes in Winterthur als Gastspielhaus insbesondere besteht als Ort und als Idee nur im internationalen Dialog. Die Offenheit im Umgang mit kulturellen und künstlerischen Eigenheiten ist eine existentielle Grundbedingung für die Konfliktlösungen im Leben. In diesem ideellen Kunstraum soll dieses Thema nochmals gesehen und gehört werden. Auch hier also: “Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge”.
Aufführungen: 15. und 16. November
Theater Winterthur, am Stadtgarten
.
.
.
.
Presse zum Projekt
Weisse Beflaggung am Munot!
Was tut sich da? Aus dem Inneren der Wehranlage ertönen seit einigen Tagen seltsame Klänge – und heute die Beflaggung in Weiss! Zeichen einer offenen Burg. Mit Theater und Musik wird hier das offizielle Kulturprogramm der Feierlichkeiten von SH-500 vorbereitet. Die weisse Beflaggung soll jetzt schon, 10 Tage vor der Premiere, darauf hinweisen.
Das offizielle Kulturprogramm trägt die sinnige Bezeichnung “Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge”. Zusammengestellt wurde es von Gian Gianotti (Idee und Regie) und Matthias Weilenmann (musikalische Leitung). Der Titel stammt aus einer Motette von Heinrich Schütz. Das musikszenische Programm mit Kompositionen von Hildegard von Bingen, Ludwig Senfl, Samuel Scheid und Heinrich Schütz wird kontrapunktiert durch Uraufführungen von Martin Derungs und Fabian Neuhaus. Eingewoben werden Texte zur Suche nach Sicherheit und Geborgenheit aus literarischen und politischen Publikationen des 16. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Beteiligt am Projekt sind 10 Musiker, 5 Sänger/innen und eine Schauspielerin aus Zürich und Basel sowie 16 Laienspieler/innen aus dem Raum Schaffhausen, die als Chor mitwirken. Für die Kostüme ist Barbara Wirz verantwortlich, für das Licht Rolf Derrer, für die Grafik Roger Staub.
Die Uraufführung dieses ganz besonderen Projektes findet am Sonntag 12. August statt. Es wird dann über das Feierwochenende hinaus als Schaffhauser Sommertheaterproduktion an weiteren 12 Abenden noch bis zum 9. September im Munot gespielt. Danach wird die Inszenierung neu eingerichtet für Aufführungen in Uster, Zürich und Winterthur. Gian Gianotti hat bereits vor drei Jahren für das Sommertheater Schaffhausen den Tell in der Stahlgiesserei mit grossem Erfolg inszeniert. Dieses Jahr hat er für sein Projekt diesen faszinierenden und symbolischen Ort gewählt. Man darf mehr als nur gespannt sein!
Eintrittskarten erhalten Sie beim Tourist Office Schaffhausen, 052 625 51 41 oder unterwww.theaterforum.ch
.
Erster Premierenbericht: Montag 13. August 2001, SN Schaffhauser Nachrichten, Region
Texte, Klänge und knisternde Stille
Komplett ausverkauft war die Sommertheaterpremiere in der Munotkasematte gestern Abend: eine starke Inszenierung.
Begeisterte Gesichter nach der zweistündigen Aufführung, die alles andere als leichte Kost war. Ein wahrhaft würdiger Abschluss der 500-Jahr-Feier, die schon mit dem gewaltigen Feuerwerk am Samstagabend ihren Höhepunkt erreicht hatte. So riesig war der Aufmarsch gestern Abend zwar nicht mehr, aber die gut 300 Premierengäste auf den drei Tribünen zeigten keinerlei Ermüdungserscheinungen und klatschten das Ensemble mehrmals auf die Bühne. Unter den begeisterten Zuhörern waren der gesamte Regierungsrat und der Stadtrat – bis auf den Stadtpräsidenten, der verhindert war. Die musikalisch-szenische Collage, die Regisseur Gian Gianotti und der musikalische Leiter Matthias Weilenmann zusammengestellt haben, reicht vom «Kyrie» der Hildegard von Bingen bis zu modernen Klängen von Martin Derungs und Fabian Neuhaus. Die beiden Komponisten wurden heftig gefeiert, ebenso die Musiker des Theaterforums Zürich, die den Spannungsbogen stets auf hohem Niveau gehalten haben.
Einen idealeren Ort als die Kasematte als Klang- und Lichtraum hätte man sich kaum vorstellen können. Und Rolf Derrer, der das Gewölbe abwechselnd in kaltes blaues, dann wieder in warmgelbes Licht tauchte, schaffte damit nachträgliche Reminiszenzen an das Jahrhundertfeuerwerk am Samstag. Waren manche Besucher auf die anspruchsvolle Zusammenstellung mit Prosa und Lyrik aus einer Zeitspanne von fünf Jahrhunderten vorbereitet, liessen andere einfach Atmosphäre und Klänge auf sich wirken – mit all den Brüchen, die die Collage hat. Da wechseln sich harmonische Klänge eines Schütz, Scheidt oder Senfl mit den Dissonanzen der Komponisten aus der Gegenwart ab, und im Hintergrund agiert der Vokalchor mit 16 Laien in Kleidung und Filzhüten, die eine Mischung zwischen Mönchskutten und Wehrmännern darstellen (Kostüme: Barbara Wirz).
So wurde die Collage zu einem Exkurs durch Zeiten und Befindlichkeiten, die das Thema Schutz und Trutz, Flucht und Geborgenheit, Geschichte Realität und Utopie in eindringlichen Bildern darstellt. Die Berufsmusiker und Sänger sowie Sprecherin Monika Dierauer sind stets konzentriert ins Geschehen einbezogen und nutzen den Raum optimal. Wer hätte gedacht, dass sich die Kasematte so wunderbar als Konzertraum eignet? Die akustische Qualität war, da waren sich die Besucher einig, hervorragend, und als man am Schluss im Dunklen versank, herrschte knisternde Stille. Die Inszenierung zog selbst das Munotglöcklein mit ein, das Punkt neun zu läuten begann, und das stille Ende im «Kyrie» – so hatte es auch angefangen – setzte starke Eckpunkte, die von musikalischen Pfeilern auf höchstem Niveau gestützt wurden. Nach dem besinnlichen Ende gings zur Premierenfeier auf die mit Lampions beleuchtete Munotzinne, wo auch die Theaterbeiz stets vor und nach den Aufführungen zum Verweilen einlädt. Die roten und gelben Rosen haben die Mitwirkenden für ihre Leistung mehr als verdient. So wird der Munot, wie schon der Stücktitel sagt, zu einem «Hort, dahin ich immer fliehen möge». (E. F.)
Weitere Aufführungen am 16., 17., 19., 23.-26. und 30., 31. August sowie 7.-9. Sept. jeweils 20 Uhr. Sonntags 18 Uhr.
Komitee: Daniel Badilatti(Präs.), Aldo Pitsch, Arno Sulser, Nina Dazzi, Rico Parli, Gian Gianotti
Zum Inhalt
Gian Travers 1483-1563 (Zuoz), als Gelehrter, Humanist, Politiker, Militär, Diplomat, Schriftsteller, Theaterautor, Reformator.
Gründer der Romanischen Schriftsprache, Ladinisch. Gründer der ersten Lateinischen Schule in den Drei Bünden, Sankt Nicolai in Chur.
Gedenkfeierlichkeiten zum Millennium.
La svouta Freilichtspiel zur rätoromanischen Identität. Sehen Sie dazu: >>> La svouta, Programm – pdf 30 Seiten
Inhalt: 13 Daniel Badilatti, Bainvgnieus 14 Daniel Badilatti, Willkommen 15 Daniel Badilatti, Benvenuti 16 Program – Programm 18 Gian Gianotti, Far teater per Zuoz, perche?
10 Gian Gianotti, Theaterspiele in Zuoz, warum?
12 Aus der Vorrede zum Band V, Oberengadinisch der Rätoromanischen Chrestomathie
13 Jacques Guidon, Davart il töch
14 Jacques Guidon, Zum Stück
16 Gian Travers – cuorta biografia
17 Gian Travers – Kurze Biografie
18 Gian Travers – una breve biografia
19 Riassunt dal cuntgnieu
24 Zusammenfassung des Inhalts
29 Riassunto del contenuto
34 Rollas e giuveders – Rollen und Schauspieler
37 Donatuors – Sponsoren – Sponsuors
39 Comitè d’organisazioun – Ortganisations Komitee
Inscenaziun – Gian Gianotti
Szena – Roger Staub
Costüms – Madlaina Gmür
Musica – Martin Derungs Direcziun musicala – Albert Gaudenz
Glüm – Wilfried Potthoff, Theater Winterthur
Rollas e giuveders
Gian Travers 1, giuven chi ho stüdgio a l’ester, guvernatur, giurist – Rico Valär Gian Travers 2, linguist, chancelier da l’ovais-ch, magiurdom – Daniel Badilatti Gian Travers 3, umanist – Andri Fenner
Aurel 1, giuven famagl da Zuoz – Ludwig Magni Aurel 2, maun dret da Gian Travers – Gian Piero Parli Aurel 3, collavuratur critic da Gian Travers – Marco Gilly
Xandra 1, figlia illegittima dal preir da San Güerg – Pia Valär Xandra 2, duonna gnida a ster a Zuoz – Verena Valär Xandra 3, cumpogna da Gian Travers – Margrith Bott
Gada 1, giuvna da Zuoz, amia dals iffaunts – Anita Mischol Gada 2, giuvna antropofila – Verena Meuli-Buob
Burghard, servitur fidel da Gian Travers – René Müller Güstin, giuven da Zuoz, collavuratur da Gian Travers – Hansjörg Buob
Spejel etnologic – Maud Kobelt
Peter Bart Padrun, preir da San Luzi – Gianin Caviezel Custant Georgius, chaplaun a San Bastiaun e Sta. Chatrigna – Lench Nuotclà Nuot Giaclin, presbiter – GianMarchet Niggli
Raduolf Pernisch, umanist – Brosi Gilly Marcus Alpinus Tatius, umanist – Jon Candrian Philipp Galicius, refuormatur – Jost Falett Johannes Blasius, refuormatur – Jon Candrian
Ippolit von Salis, sindicatur da las Trais Lias – Daniel Ardüser Andreja de Planta, cuvih da Zuoz – Karl Klarer Jan Martign Raschèr, cuvih da Zuoz – Franz Waser
Dumeng Ambriesch, hom – Christian Meuli Göri Truesch, marangun – Roberto Zanetti Bram da Clo zop, giuven chavaller da soma – Hansjörg Buob Fadri Fadrella, chavaller da soma – Gian Piero Parli Duri Fuglüm, farrer – Peter Angelini Gian Arard, il müt – Arno Sulser
La Bua, il chirurg da champagna – Marco Gilly
Andraja Gialun, güdisch da pêsch – Gian Rudolf Caprez Il nuder – Gian Marchet Niggli Serviturs dal güdisch da pêsch – Peter Angelini, Brosi Gilly Göri Petsch, misteraun – Lench Nuotclà
Arman, giuven dit Poppel, giova Josef – Christian Meuli Biet, giuven dit Rabiz, giova Ruben, il frer da Josef – Rico Valär Lüzo, giuven dit Zizi, giova Zabulon, il frer da Josef – Michele Badilatti S-cher, giuven dit Muschna, giova il marchadaunt – Ludwig Magni Lücha, giuven dit Puina, giova Jacob, il bap da Josef – Brosi Gilly Giosuel, giuven dit Chazzot, ho banduno ils stüdis, giova Potiphar – Giachen Marugg
Mun, giuven dit Chuogl, giova il sudo da Potiphar – Rico Valär Fila, giuven, giova Mecha, la duonna da Potiphar – Peter Angelini Ri, giuven dit Patügl, giova Zahia, la chambrera da Mecha – Roberto Zanetti
Muna, giuvna – Anna Caprez Giosua, giuvna – Charlotte Schucan Ughetta, fulastera da derivaunza taliauna, amia dal mercenari Pol – Nicoletta Gassler Inglina, giuvna trista – Laura Meng Ligrezcha, duonna in led – Lilly Mischol Naina (Madlaina) duonna giuvna – Chatrina Willy
Güstina, collavuratura da Gian Travers, duonna chi so leger – Annemieke Buob Detta Nayra, veglia dischillusa – Anita Grundbacher Giogscha, veglia in dispitta cun Detta Nayra – Marlies Zuber Giogscha, duonna – Edith Müller
Iffaunts gruppa 1 Alesch – Christof Buob Baldin Petsch – Michele Badilatti Tati – Peder Sulser mat – Aligi Badilatti Mina – Martina Sigrist Turitea – Nadia Federspiel Una – Romina Sigrist matta – Carmen Federspiel matta – Marina Hosang
Iffaunts, gruppa 2
Alesch – Ursin Gilli Baldin Petsch – Dumeng Bezzola Tati – Tino Schlumpf mat – Andreia Bezzola Mina – Caterina Patentalakis Turitea – Flurina Bezzola Una – Aita Sulser matta – Nadine Camichel matta – Marianna Patentalakis matta – Claudia Zanetti
Homens da Zuoz Daniel Ardüser, Daniel Badilatti, Gian Rudolf Caprez, Marco Gilly, Gian Marchet Niggli, Lench Nuotclà, Gian Piero Parli
Giuvnas da Zuoz
Anna Caprez, Laura Meng, Anita Mischol, Seraina Nuotclà, Ursina Patentalakis, Charlotte Schucan, Pia Valär, Sabina Wyss
Roger Staub
Ausstattung Grafiker. Verschiedene Ausstattungen, zuletzt beim TIF Theater im Fass, Momoll Jugendclub und Sommertheater in Schaffhausen und Ausstattungsassistenzen, zuletzt im Theater Basel, beim Schaffhauser Sommertheater 1998 TELL und bei Marc Deggeler in Berlin / Prag (Schweizer Beitrag an der Quadriennale).
Gianni Secchi
Bauten, Architekt in Zuoz. Umsetzung der Modelle, Arbeitsvergaben und Bauüberwachungen.
Gudensch Mischol
Gemeindevorarbeiter Zuoz. Koordination und Leitung der baulichen und verkehrstechnischen Gemeindeleistungen.
Madlaina Gmür
Kostümbildnerin. Verschiedene Ausstattungen zuletzt in Florenz und Sondrio.
Monica Merz
Textildesignerin, Privat wohnhaft in Zuoz, Leitung des Kostümateliers.
Martin Derungs
Musiker und Komponist, Zürich. Komposition Lieder und Rhythmen,
Albert Gaudenz
Chor- und Musikleiter, Lehrer in Zuoz.
Jacques Guidon
Autor, Kunstmaler. Ehemals Sekundarlehrer und Kulturbeauftragter der Lia Rumantscha. Verschiedene Publikationen, Theaterstücke und eigene Inszenierungen.
Rico Parli
Theolog, ehem. reformierter Pfarrer in Zuoz. Dramaturgische Beratung.
Es ist etwas eigenes um Theater-spiele, in denen Dorfgemeinschaffen aus ihrer eigenen Geschichte schöpfen: nicht zuletzt entdecken sie dabei ihre Gegenwart. «La svouta» («Die Wende») von Jacques Guidon, gespielt auf dem Schulhausplatz von Zuoz in der Inszenierung von Gian Gianotti, gilt vordergründig Gian Travers, dem Schöpfer der ladinischen Schriftsprache, und seinem Lebensweg zum Reformator.
Ich finde es immer wieder spannend, über eine Aufführung nachzudenken, von der ich – fast ohne Ausnahme – kein Wort verstanden habe, weil mir die Sprache, in der gespielt wird, fremd ist. Im Publikum zu sitzen, mich von ihm in die Aufführung tragen zu lassen, ist eines – aber die Verarbeitung ist nicht so einfach, auch wenn das Programmheft Texte, Inhaltsangaben und Zusammenfassungen auch in Sprachen enthält, die ich verstehe. Das hilft – aber das Verstehen ist oft indirekt.
Roger Staub hat auf den Platz eine Bühne in Form von gewölbten Hügeln aus Brettern gestellt, eine Art Landschaft, aus deren Untergrund immer wieder Geräusche zu hören sind: da bewegt sich untergründig nicht wenig – zu erkennen ist es nur indirekt. Bevölkert wird diese Szene von Dutzenden von Kindern, Frauen und Männern – wobei die Reihenfolge nicht zu Wertungen verführen soll. Gerade die Kinder zeigen viel Hintergründiges, demonstrieren mit ihren Spielen Einordnung und Ausgrenzung, die gesellschaftlichen Voraussetzungen, in denen Travers vom jungen Mann, der auszieht, sich zu bilden, bis zur Vaterfigur für die ganze Landschaft sich entwickelt. Gian Gianotti lässt ihn von drei Akteuren unterschiedlichen Alters spielen – wobei diese Rollenträger sich offen ablösen: irgendwo steht schon der Mann, wenn der Jüngling zurückkommt, und wenn dieses Stadium erfüllt ist, steht längst der Alte bereit. Nicht nur das: jedes dieser «Alter» ordnet sich wieder in das Volk ein, aus dem es hervorgetreten ist – ein schön inszenierter Wandel.
Denn auch dieser Travers ist, in welchem Alter auch immer eine Figur unter vielen – und diese Vielen sind, Kinder, Frauen und Männer, subtil detailliert nicht nur in ihrem sorgfältig choreographierten gemeinsamen Auftreten, sondern auch als einzelne Charaktere – und beileibe nicht bloss über ihre (im übrigen durchwegs überzeugend sorgfältig artikulierte) Sprache – sonst hätte ich diese Differenzierung ja nicht mitbekommen können.
Klänge spielen in dieser Aufführung eine wichtige Rolle: Schläge, die aus dem Untergrund Handwerk suggerieren, Geräusche marschierender Füsse in hohen Schuhen – und nicht zuletzt die von Martin Derungs komponierten gesungenen Chöre. Exzellent in der subtilen Charakterisierung auch die Kostüme von Madlaina Barsanti-Gmür: durchwegs grau in grau gehalten beim Volk, kontrastiert durch schwarze Anzüge und farbige Kravatten bei den Honoratioren.
Inszenierung – Gian Gianotti
Ausstattung und Kostüme – Ruth Schürmann
Musik – stephan diethelm Projektleitung – Maggi ImfeldundThomy Büchler, Luzerner Spielleute
Videos – Hans Eggenmann(Eggenmann&Eichenberger)
Grafik – Bruno Imfeld
Produktionsleitung – Magge Imfeld
Produktion – Peter Albisser, Thomy Büchler, Beat Fessler, Werner Meier
Ton / Licht – Bäni Brun, Bruno Gisler
Bauten – Peter Albisser, Urs Bättig, Thomy Büchler, Philipp Gassmann, Rachel Röthlin, Beat Strasser, Peter Zumstein
Kunst und Kultur nach der Schliessung des Zentralgefängnisses Luzern, 1998
MattoMatto, ein Schauspiel von Paul Steinmann nach Friedrich Glauser – Regie Gian Gianotti, ab 15. Oktober ZeitZellen, Installierte Zellen zum Theater-Thema von Luzerner Kunstschaffenden – Koordination Ruth Schürmann, ab 16. Oktober
Darsteller/innen der Luzerner Spielleute 1998:
Annelies Meier
Bear Ramiq
Beat Reichlin
Beat Strasser
Bruno Ruegge
Daniel H. Huber
Francesca Marchioro
Heike Freiesleben
Katja Christen
Marcel Gabriel
Marcel Geisser
Marie Therese Wunderlin
Markus Oehen
Peter Zumstein
Philippe Gassmann
Rachel Röthlin
Rita Maeder
Sabina Knobel Sandra Wüthrich
Silvia Bachmann
Susanne Ruckstuhl
Urs Bättig
Beat Mazenauer/Hubert Hofmann Beat Reichlin Bernhard Egli Christoph Rütimann Claudia di Gallo Daniel Amhof Gertrud Künzli Heinz Gadient Irene Naef Jan Schacher Karin Gemperle/Stephan Wicki Karin Stettler Maya Prachoinig Nicole Henning Pia Gisler Theo Schärer
Zum Inhalt des Romans
Eine Irrenanstalt im Kanton Bern in der zwanziger Jahren. Der Direktor ist verschwunden, der Patient Pieterlen, ein Kindsmörder, ausgebrochen. Wachtmeister Studer blickt hinter die Kulissen psychiatrischer Theorien und Therapien. Er versucht nicht nur, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, sondern tritt auch eine Reise in die Grenzregionen von Vernunft und Irrationalität an, die keineswegs immer so klar zu trennen sind – Matto, der Geist des Wahnsinns, regiert und spinnt seine silbernen Fäden …
Paul Steinmann hat daraus für die Luzerner Spielleute eine theatralische Szenenfolge zusammengestellt, die einen Einblick in die Thematik des Romans und in den Aufführungsort erlaubt. Dem Zuschauer wird die (passive) Optik des Wachtmeister Studer überlassen. Die Theaterkonzeption wurde im Gespräch mit stephan diethelm (Musik) und Gian Gianotti (Regie) nach der Vorgabe des Spielortes erarbeitet.
Das Theater-Programm: >>> MattoMatto – pdf 16 Seiten
Die Kunstausstellungen: >>> ZeitZellen– pdf 20 seiten
Zum Inhalt, als Verneigung vor dem Basis-Roman >>> Friedrich Glauser, Matto regiert – pdf 2 Seiten
(Auftritt Schweiz, Pro Helvetia)
Alfonso Sastre: GUILLERMO TELL TIENE LOS OJOS TRISTES (1965)
Sommertheater Schaffhausen, Stahlgiesserei, Intendant Bruno Merlo
Premiere: Freitag, 7. August 1998
Weitere Vorstellungen, jeweils Mittwoch bis Samstag:
8., 12., 13., 14., 15., 19., 20., 21., 22., 26., 27., 28., 29. August
2., 3., 4., 5., 9., 10., 11., 12. September, um 20.15 Uhr
.
Alfonso Sastre, WILHELM TELL HAT TRAURIGE AUGEN .. .
Projektleitung: Bruno Merlo, Matthias Freivogel, Richard Meier, Susanne Boser, Gian Gianotti
Übersetzungsgruppe: Bruno Merlo, Heini Pestalozzi, Max Baumann, Susanne Debrunner, Susi Kohler-Merlo
Redaktion und Textfassung: Gian Gianotti
.
Inszenierung – Gian Gianotti
Musik – Fabian Neuhaus
Ausstattung – Gian Gianotti, Rolf Derrer, Roger Staub
Kostüme und Requisiten – Barbara Wirz, Monika Stahel
Licht-design – Rolf Derrer, DELUX Zürich
Maske – Anna Schneider
Regieassistenz – Matthias Lehmann
Grafik – Roger Staub
Fotos – Max Baumann, Sylvia Hüsler, Bruno Bührer
Pressearbeit – Stephan Ramming
Bauleitung – Felix Pletscher
Technik – Urs Ammann, Fabian Amsler, Andri Beyeler, Dominik Roost
Theater-Beiz – Ariane Trümper, Andreas Vogelsanger, Andreas Bossert
Besetzung Die Familie Tell-Fürst:
Wilhelm Tell – Mathias Gnädinger
Hedwig Fürst, seine Frau – Susanne Debrunner
Walter, sein Sohn – Michael von Burg
Walter Fürst – Heini Pestalozzi
. Die Gesellschaft:
Der Vorarbeiter – Beat de Ventura
Der einarmige Bettler – Beat Windler
Der gelähmte Bettler – Ruedi Widtmann
Der Blinde – Walter Rüegg
Der Junge – Matthias Lehmann
Sergeant der Militärpolizei – Hans Martin Bernath
Zwei Militärpolizisten – Philipp Lippuner, Felix Pletscher
Eine alte Frau – Doris Nydegger
Der Wirt – Röbi Gasser
. Männer aus Uri: Tom Luley, Attila Gaspar, Marco Streuli, David Vogel, Etienne Prodolliet
Stauffacher – Beat de Ventura
. Männer aus Schwyz: Teddy Hänny, Florian Krähenbühl
Melchtal – Hans Martin Bernath
. Männer aus Unterwalden: Mattijs de Graaf, Julian Tschanen, Matthias Lehmann
Leute aus dem Gefolge des Gouverneurs:
Gessler, der Gouverneur – Walter Rüegg
Ausrufer 1, Sekretär 2 – Barbara Werner
Ausrufer 2, Sekretär 1 – Sasha Hagen
. Arbeiter und Soldaten der Armee des Gouverneurs: Alexandra Häberli, Annina Keller, Beat Windler, David Vogel, Denise Hiltbrunner,Eliane Debrunner, Florian Krähenbühl, Marco Streuli, Marco Wittwer, Marisa Cervini,Martina Schmocker, Mattijs de Graaf, Myrtha Leu, Sandra Jauch, Sonja Lütschg,Teddy Hänny, Thomas Schlegel
. Frauen: Angela Flegel, Hanna Rüegg, Marleen Schyvens, Petra Geitlinger, Verena Erne
. Kinder:
Jeweils am Mittwoch und Freitag: Anna Brügel, Johanna Vogelsanger, Julian Tschanen, Linda de Ventura, Maurus Meier, Noah Valley, Sara de Ventura
Jeweils am Donnerstag und Samstag: Lenz Furrer, Marie Tanner, Laura Schyvens, Basil Hotz, Carim Chenna, Gilles Schyvens, Camille & Rainier
.
.
Zum Stück:
Mit ‘Wilhelm Tell hat traurige Augen’ erzählt der Spanische Autor Alfonso Sastre die Tellgeschichte nach Schiller in anderer Form. Gessler ist kein eingesetzter fremder Reichsvogt, sondern ein Herrscher in eigener Sache, aus der Region, der sich seine Position und Macht vor Ort “erarbeitet” hat. Seine Tyrannei ist “Gessler-gleich” und Tell ist schliesslich auch der “Befreier”. Seine Tat ist aber keine politische Aktion oder gar Revolution, sondern eine ganz persönliche Rache für zugefügtes Volks- und Familien-Leid. Für seine aggressive Haltung gegen die Willkür und Selbstherrlichkeit Gesslers wird er mit dem Apfelschuss bestraft, wie bei Schiller. Bei Sastre hätte Tell jede persönliche Verfolgung seitens Gessler “erwartet”, diese neue, sadistische Dimension und Perversität wirft ihn aber aus der Bahn, und nun muss er seine Treffsicherheit gegen seine Verunsicherung “beweisen”: Gessler will diese Erniedrigung als “Volksbelustigung und Theaterspektakel” haben – bei Todesandrohung an Vater und Sohn wenn Tell nicht schiesst, und zwar «jetzt!» und: «Action!» Tell muss schiessen, trifft daneben, sein Sohn Walter stirbt. Mit dem zweiten Schuss trifft Tell genau und erschiesst Gessler aus persönlicher Rache. Walters Tod erzeugt den Volksaufstand und neue Machthaber stehen bereit, die Führung des Landes zu ergreifen – und diese “heucheln” Tell zur mythischen Symbolfigur – denn das Volk soll jubeln können!
Alfonso Sastre wurde 1955 vom “Teatro Nacional Madrid” beauftragt, das Schauspiel von Friedrich Schiller für Spanien umzuarbeiten. Er pointierte die sadistische Perversität des faschistischen Regimes in Spanien derart, dass die Aufführung umgehend von der Zensur verboten wurde und erst im Jahr 1972 in Cagliari, Sardinien in kleinerem Rahmen uraufgeführt wurde. . . Alfonso Sastre am Tag nach der Premiere, wir sassen in unserem Garten bei einem kleinen, privaten Brunch zusammen – und da sagte Er:
“… ich bedanke mich bei allen Beteiligten! … und bin froh, so sehr froh, dass mein Tell, ‘… mit seinen traurigen Augen …’ nun wirklich auch seine richtige Uraufführung erleben konnte, in dieser Dimension … in dieser Leichtigkeit … Ernsthaftigkeit … hatte ich es mir immer vorgestellt. Danke! … allen!”
. .
Zum Projekt, Stück, Inszenierung:
sehen Sie die Pressestimmenoder auch die Gespräche. Stephan Ramming hat mit Beteiligten gesprochen.