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Beiträge, Gespräche, Kontexte, Gedanken

 

 

Das  Theater Winterthur  –  eine kleine Würdigung der europäischen Theater-Kultur wie ich sie feiern konnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Landbote, online – News des Tages Landbote NEWS vom Freitag, 14. Januar 2000

 

GIAN  GIANOTTI :  DER  NEUE  THEATERLEITER

Die Wahl fiel nicht schwer.
Der neue künstlerische Leiter des Theaters am Stadtgarten ist gewählt. Er heisst Gian Gianotti und stammt aus dem Bergell.

KARIN LANDOLT

Ende April wird Alex Freihart, seit 15 Jahren als künstlerischer Leiter am Theater am Stadtgarten tätig, in den Ruhestand treten. Sein Nachfolger übernimmt seine Aufgabe am 1. April 2000 in einem 60 Prozent-Pensum.

Gian Gianotti wurde aus rund zwei Dutzend Bewerberinnen und Bewerbern ausgesucht. Aus der ganzen Schweiz und auch aus den benachbarten Ländern sei Interesse angemeldet worden, teilt Stadtpräsident Martin Haas mit. In die engere Auswahl seien schliesslich sechs Persönlichkeiten gekommen. “Der Entscheid ist dem Auswahlgremium aber nicht schwergefallen”. Das bestätigt auch Alex Freihart, der als Gremiumsmitglied Einfluss auf die Wahl nehmen konnte. Einstimmig habe man sich für den 50jährigen Gian Gianotti entschieden.

Der Bergeller studierte in Zürich Germanistik und Psychologie. Stationen seiner Theaterkarriere waren die “Schaubühne” in Berlin, das “Piccolo Teatro” in Mailand, das “Bouffes du Nord” in Paris und das Opernhaus Zürich. Seit 1974 inszeniert er verschiedene Theaterstücke in Schweizer Stadttheatern sowie am Staatstheater Stuttgart. Auch im rätoromanischen und italienischen Sprachraum ist Gianotti bekannt. Der Kanton Graubünden verlieh ihm 1974 den Förderpreis. Den Bergeller Kulturpreis erhielt er 1979 und den Anerkennungspreis des Kantons Graubündens 1990. Zu den Auszeichnungen kommt die Wahl zum Jurymitglied des Hans Reinhart Rings im selben Jahr und schliesslich 1995 die Wahl zum Präsidenten der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur. Ausserdem war Gianotti bis 1990 Mitglied der UNESCO Kommission Schweiz (Abteilung Kultur) sowie Vorstand und Vizepräsident des Centre Suisse (ITI-CH).

“Alle Anforderungen sind hervorragend erfüllt”, sind sich Haas und Freihart, der noch für das Programm bis zur Spielzeit 2000/2001 verantwortlich zeichnet, einig. Besonders herausgestochen sei neben der breiten und langjährigen Theatererfahrung und seiner Erfahrung in leitender Position auch die dialogfähige und offene Persönlichkeit des Theatermannes.

Die Leitungsstruktur im Theater am Stadtgarten besteht aus der Geschäftsleitung, der der Gesamtleiter Peter Wehrli seit vergangenem Sommer vorsteht, dem technischen Leiter Christian Hirt sowie dem künstlerischen Leiter.

 

 

Der Landbote, 14. Januar 2000

GESPRÄCH  MIT  GIAN  GIANOTTI  –  NEUER  KÜNSTLERISCHER  LEITER  DES  THEATERS  AM  STADTGARTEN

Das Gastspielhaus als Haus der Gäste

Er verfügt über weitläufige Theatererfahrung zwischen Berlin und Mailand, und er wohnt seit Jahren in der Nähe, im Nachbarkanton Schaffhausen: Gian Gianotti denkt an die weiten Perspektiven der Theaterkunst und an das nahe, wirkliche Publikum, das das grosse Haus weiterhin füllen soll.

Interview: HERBERT BÜTTIKER

 

 

Was haben Sie für eine Beziehung zu Winterthur, ihrem neuen (60 Prozent)-Arbeitsort?

Gian Gianotti: Ich wohne in der Nähe, habe Theater in Zürich und auch in St. Gallen und in Schaffhausen gemacht, das angesprochene Publikum ist also bereits eingekreist. Dann ist Winterthur jetzt schon eine Stadt der Kultur, da ist man gerne dabei und leistet auch gerne einen Beitrag, wenn er gewünscht wird – und das wird er, scheint es, wenn mich die Gremien schon gewählt haben.

Was für eine Beziehung haben Sie speziell zum Theater am Stadtgarten? Haben Sie hier in letzter Zeit Aufführungen besucht? Was hat Ihnen gefallen?

Vor Jahren wurde meine Kirschgarten-Inszenierung am Stadttheater Bern hier gezeigt … da hatte ich sogar die Spielerperspektive und erlebte das Theater von innen. Das war interessant und wichtig für mich: die Betreuung des Gastes. Ansonsten erlebte ich das Theater bei einigen Aufführungen über die Jahre als Zuschauer. Wichtig fand ich die Vielfalt, das Interesse des Publikums über alle Sparten- und Sprachgrenzen hinweg.

Das Theater am Stadtgarten hat im vergangenen Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiern können. In historischer Perspektive gehen diese zwei Jahrzehnte als eine “Blütezeit des Gastspielbetriebs” in die Winterthurer Theatergeschichte ein. Wie beurteilen Sie diesen Theaterbetrieb, den das Publikum in Winterthur und der Region gewohnt ist?

Ein Gastspielhaus ist eine besondere Erscheinung in der Theaterkommunikation: die Identität findet für den Zuschauer eher über die Architektur statt als über das spielende und über das darstellende Personal. Die Gewohnheiten sind wichtig und weitgehendst eingespielt. Mich interessiert, wie Kontinuität mit Innovation zu verbinden ist. Einerseits möchte ich oder will ich das jetzige Publikum weiterhin erreichen und neues dazugewinnen, junges und spezifisches. Jugendtheater, Seniorentheater, fremde Kulturen und Ausdrucksformen … Festivals, Treffen, Gespräche. Da müssen Nischen gefunden werden, inhaltliche und räumliche. Ich denke sie sind vorhanden.

Was diese Theater-Blüte gefährden kann, ist sicher die Ökonomie: Die öffentliche Hand drückt heute nur zu gern das Bremspedal. Haben Sie, was Ihre Aufgabe in Winterthur betrifft, diesbezüglich Bedenken oder eine komfortable Situation?

Wie komfortabel sie dann real sein wird, hängt auch von unserem Erfolg ab. Wir müssen ja einen beachtlichen Teil des Budgets einspielen, und das kann man ja bekanntlich nicht gegen das Publikum machen. Aus der Gewohnheit heraus müssen wir das Publikum für Neues gewinnen und begeistern. Neuer wird vielleicht eine gewisse Ästhetik, eine Kommunikationskultur, eine Sichtweise, eine Verbindung von Sparten. Da müssen wir gewinnen. Das hängt nicht nur vom Geld ab.

Eine andere Negativentwicklung betrifft speziell das Sprechtheater, und es zeigte sich, dass Winterthurer vom Trend rückläufiger Besucherzahlen nicht verschont” geblieben ist. Wie beurteilen Sie diese Krise? Wie gedenken Sie, darauf zu reagieren?

Die schlimmste Krise ist die Lähmung, wenn man sie aber angeht, dann ist sie ganz einfach nicht mehr vorhanden. Ich hoffe genügend Gesprächs- und Konfrontationsenergie sowie Weitsicht zu haben und mit dem Publikum zu entwickeln, dass ich eventuellen Erstarrungen spielerisch ausweichen kann. Ich möchte aus dem Gastspielhaus möglichst ein Haus der Gäste machen. Ein neugieriges Haus für alle Altersstufen. Die Gesprächsfähigkeit des Publikums und die Qualität der Darbietungen werden das Programm mitgestalten. Die Qualität muss stimmen, und das muss das Publikum mit Zuverlässigkeit merken. Dann ist das Theater für mich immer wieder auch ein Fest, der Raum fürs Festliche muss vorhanden sein und gepflegt werden: Gala neben Studio, Prominenz neben Forschung, Bewährtes neben Experiment, Geborgenheit neben Öffnung, und das alles noch mit einer möglichst hohen Qualität … das muss neugierig machen. Das ist schon ein Fest, und kann, hoffe ich, weiteres und neues Publikum überzeugen.

Ein dritter Punkt betrifft die Publikumsstruktur: vor allem dem Sprechtheater fehlt der Publikums-Nachwuchs.

Über die Gründe möchte ich mich wirklich eingehender mit Herrn Freihart unterhalten, mit ihm in den nächsten Wochen die Situation analysieren, schauen was er wie gewollt und was er wie erreicht hat – das wird für mich sicher ein Teil der Basis sein für die weitere Suche. Im Nachwuchs liegt noch Potential, ich hoffe dieses erreichen zu können, neugierig zu machen.

Grundsätzlich: Sind von Ihnen strukturelle Veränderungen zu erwarten? Beispielsweise: Bleibt der Verteilschlüssel der Aufführungen zwischen Schauspiel / Komödie bzw. Boulevard / Musiktheater / Ballett etc. wie bisher?

Die Sparten werden bleiben, vielleicht gibt es innerhalb der Sparten gewissen Verschiebungen, wie zum Beispiel vom Boulevard mehr hin zum Musical, vom Ballett mehr hin zum Tanztheater … aber hier wird mir die Erfahrung von Herrn Freihart eine wichtige Rolle bei der Neudefinition und Öffnung spielen. Grundsätzlich meine ich, müssen wir das Theater im Raum Nordostschweiz, und das hat ein grosses und wichtiges Einzugsgebiet, nach einem europäischen Massstab plazieren – ohne Verdoppelung der wichtigen etablierten Häuser und der freien Gruppierungen in diesem Raum. Das Theater Winterthur muss zum Ort werden, wo wichtige Formen, Gruppen und Ausrichtungen präsentiert werden.

Überblickt man Ihre bisherigen Projekte, sind die “konventionellen” Stadt- und Staatstheater ebenso vertreten wie die Freie Szene und sogar die Freilicht-Szene? Als Ihre Spezialität verzeichnen Sie die “Verbindung von Kunstrichtungen und Sparten”. Wird im Theater am Stadtgarten auch künftig der klassische – sehr reichhaltige – Stadttheater-Spielplan der Massstab bleiben? Möchten Sie auch “Alternatives” zeigen?

Ja. Die freie Szene könnte durchaus auch vertreten sein, wenn sie das grosse Publikum erreichen kann und nicht ganz aus der Region kommt. Ich will nicht Theater zeigen, das man sonst auch schon zwischen Zürich und St.Gallen in ihren eigenen Räumen besuchen kann, aber eine gute freie Gruppe aus Basel zum Beispiel oder eine interessante aus Mailand oder München könnte durchaus in Frage kommen … und auch Alternatives ja, in zeitlichen und räumlichen Nischen. Ich muss und will aber in der Wochentagplatzierung und in der Jahresprogrammierung das breite Publikum umfassend und in der nötigen Breite behandeln. Wir haben ja ein Theater mit fast 800 Plätzen, die muss man in einem guten Schnitt füllen. Sonst knabbert das an der Existenz.

Spielen Sie auch mit dem Gedanken, die Gastspielbühne als Produktionsbühne zu nutzen, Eigenes zu realisieren?

“Work in resindence” interessiert mich, Koproduktionen sind auch mögliche Formen der Produktion. Eigene Produktionen sind aber nicht im Auftrag dieses Theaters und meines Teilpensums. Da liegen weder Möglichkeiten noch Kapazitäten drin.

“Dramatisches Gedicht im Gesamtkunstwerk” führen Sie an unter dem Stichwort “Arbeitsziel, eine Utopie?”. Was ist damit gemeint, was betrachten Sie als den Kern Ihrer Theaterarbeit?

“Über die Dörfer” nenne ich dort ein Zielprojekt, das ist für mich eines der umfassendsten Stücke der neuen Theaterliteratur: In der Verantwortung für die Aussage (und das ist ein politisches Konzept), in der Verpflichtung für die Literatur und für die Musik, in der Behandlung des Gesprächs und der Kommunikation als Inhalt und Form. Das interessiert mich. Die Erfüllung von solchen Interessen kann nur über eine verbindende Neugier stattfinden, wenn schon, und die verlangt zwangsläufig nach Gesamtkunstwerken. Anderes kann gar nicht mehr befriedigen. In der einzelnen Produktion (à la Wagner, vielleicht bei Wagner) ist dieser Anspruch eine ganz hohe Messlatte. Ich will das jetzt einmal mit ganzen Spielzeiten versuchen. Und das Arbeitsziel bleibt vorerst eine Utopie. Die brauche ich als Vision.

 

Diese drei Beiträge als pdf:
>>>  Für Spielfreude und Innovation,  Der Landbote, kal/hb  14.1.2000
>>>  Die Wahl fiel nicht schwer,  Der Landbote, Karin Landolt  14.1.2000
>>>  Das Gastspielhaus als Haus der Gäste,  Der Landbote, Herbert Büttiker  14.1.2000

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

… befragen wir  die Möglichkeiten, die ich hatte – und die dokumentierte Praxis  – denn Beispiele bezeugen Schritte.

 

 

KONTEXT – für den Zeitraum 10.1. bis 30.1.2009, erschienen im Winterthurer Stadtanzeiger 13.1.2009

 

18 Jahre Johannes Felsenstein in Dessau

Früher dauerte es in den meisten Ländern länger … die Väter wollten den Kindern erst mit 21 Jahren den Laufpass geben, lieber erst noch später oder überhaupt nie. Mittlerweile hat sich die Volljährigkeit in Europa eingependelt auf 18 Jahre, und wir sind weltweit in guter Gesellschaft damit. Also kann auch eine Theater-Ära nach 18 Jahren fürs Leben prägend gewesen sein, und der “bis dann Prägende” kann sich der Beobachtung und den weiteren Möglichkeiten widmen – eine Beschäftigung mit der Zukunft seiner Vergangenheit scheint ihm sicher, sie soll ihm Lebensinhalt geben und neben der Freude auch Abstand: Andere machen es anders, und Nachfolger sowieso. Das soll Einsicht und Leichtigkeit mit sich bringen. Lockerheit. Perspektivenwechsel, Offenheit für anderes.

Johannes Felsenstein hat uns mit seinem Theater über eine Hälfte der Zeit bis zur Volljährigkeit begleitet, seit 2000, also 9 Jahre lang – 9 grosse Projekte von ihm, die wir aus Dessau nach Winterthur in die Schweiz einladen durften. Es ging uns um die Kontinuität, um die Treue und um die Beobachtung einer Beschäftigung mit dem Musiktheater nach einem Konzept von  >>>  “Zugang bieten, Verstehbarkeit”. Das sagte er uns zusammengefasst im 02 bei einer Rahmenveranstaltung, die den eingeladenen Intendanzen gewidmet war: Bernd Wilms vom Deutschen war dabei, Klaus Bachler von der Burg, Friedrich Schirmer aus Stuttgart, andere und weitere, und alle prägten unser Konzept für ein notwendiges Gastspieltheater in der Schweiz: ein Fenster für sie und für uns, zwei Blickrichtungen, eine Beschäftigung. Ein Werdegang.

Ohne Konstanz, ohne Gespräch, ohne Freundschaft wäre der Blick in keiner Richtung möglich gewesen, niemand hätte sich, ohne den Anderen, so sehen gelernt. Sehen durch Interesse eben. Eine Chance des Lebens, eine Notwendigkeit für das Zusammenwachsen der Welt.

Wir gingen inspiriert aus den Begegnungen, wir gehen bereichert aus der Zusammenarbeit. Dankend! Das herzlichst Beste wünschend!

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter Theater Winterthur

 

 

Ein programmatischer Text in dieser Richtung war auch schon die Begrüssung in der TheaterZeitung (TZ) zur Eröffnung der Spielzeit 2002/03, erschienen am 2.8.2002
TheaterZeitung August 2002 – für die Spielzeit 2002-03

 

In 20 Minuten von Zürich HB nach Berlin DT

Das Theater Winterthur ist das grösste Gastspielhaus der Schweiz und eines der grossen im deutschsprachigen Raum – das ermöglicht und verpflichtet. Aufführungen in allen Sparten und in mehreren Sprachen werden nach Winterthur eingeladen. Die Begegnungen mit grossen Formen des Theaters aus aller Welt ist unser Programm. Gäste treffen Gäste, und Sie sind dabei!

Als vor 25 Jahren in Winterthur darüber abgestimmt wurde welches Theater die Stadt denn wolle, entschieden sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zwischen den produzierenden Städten St. Gallen und Zürich für einen Gastspielbetrieb. Verschiedene Entscheidungen gaben dem Haus dann seine technische und inhaltliche Dimension. Leichtere Muse folgte auf engagiertere Formen, die Vielfalt blieb eine Qualität – und immer wieder kam Theater ins Haus, was Gefühle und Energien der Kommunikation in Wallung brachte, Vorlieben pflegte und Erwartungen befriedigte … oder manchmal vielleicht auch enttäuschte. Jedenfalls kam Theater zu uns, und wir kamen zum Theater. Begegnungen fanden statt.

Als ein Bild der komplexer werdenden Unterhaltungswelt gestaltete sich auch die Theaterkultur sehr divergent. “Oh … die Hoffnung”, wenigstens in der freiwillig gestalteten Freizeit noch die “glücklichen Tage” zu finden, die “alten Harmonien”, die Träume der intakten Welt, “unsere Klassiker” … oh! wir hören Winnie reden (in Becketts “Glückliche Tage”) und kommen ins Schwärmen, und sind dann irritiert, dass selbst die glücklichsten Tage heute anders ausfallen al