TW – Beiträge, Gespräche, Kontexte, Gedanken

 

 

Beiträge, Gespräche, Kontexte, Gedanken

 

 

Das  Theater Winterthur  –  eine kleine Würdigung der europäischen Theater-Kultur wie ich sie feiern konnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Landbote, online – News des Tages Landbote NEWS vom Freitag, 14. Januar 2000

 

GIAN  GIANOTTI :  DER  NEUE  THEATERLEITER

Die Wahl fiel nicht schwer.
Der neue künstlerische Leiter des Theaters am Stadtgarten ist gewählt. Er heisst Gian Gianotti und stammt aus dem Bergell.

KARIN LANDOLT

Ende April wird Alex Freihart, seit 15 Jahren als künstlerischer Leiter am Theater am Stadtgarten tätig, in den Ruhestand treten. Sein Nachfolger übernimmt seine Aufgabe am 1. April 2000 in einem 60 Prozent-Pensum.

Gian Gianotti wurde aus rund zwei Dutzend Bewerberinnen und Bewerbern ausgesucht. Aus der ganzen Schweiz und auch aus den benachbarten Ländern sei Interesse angemeldet worden, teilt Stadtpräsident Martin Haas mit. In die engere Auswahl seien schliesslich sechs Persönlichkeiten gekommen. “Der Entscheid ist dem Auswahlgremium aber nicht schwergefallen”. Das bestätigt auch Alex Freihart, der als Gremiumsmitglied Einfluss auf die Wahl nehmen konnte. Einstimmig habe man sich für den 50jährigen Gian Gianotti entschieden.

Der Bergeller studierte in Zürich Germanistik und Psychologie. Stationen seiner Theaterkarriere waren die “Schaubühne” in Berlin, das “Piccolo Teatro” in Mailand, das “Bouffes du Nord” in Paris und das Opernhaus Zürich. Seit 1974 inszeniert er verschiedene Theaterstücke in Schweizer Stadttheatern sowie am Staatstheater Stuttgart. Auch im rätoromanischen und italienischen Sprachraum ist Gianotti bekannt. Der Kanton Graubünden verlieh ihm 1974 den Förderpreis. Den Bergeller Kulturpreis erhielt er 1979 und den Anerkennungspreis des Kantons Graubündens 1990. Zu den Auszeichnungen kommt die Wahl zum Jurymitglied des Hans Reinhart Rings im selben Jahr und schliesslich 1995 die Wahl zum Präsidenten der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur. Ausserdem war Gianotti bis 1990 Mitglied der UNESCO Kommission Schweiz (Abteilung Kultur) sowie Vorstand und Vizepräsident des Centre Suisse (ITI-CH).

“Alle Anforderungen sind hervorragend erfüllt”, sind sich Haas und Freihart, der noch für das Programm bis zur Spielzeit 2000/2001 verantwortlich zeichnet, einig. Besonders herausgestochen sei neben der breiten und langjährigen Theatererfahrung und seiner Erfahrung in leitender Position auch die dialogfähige und offene Persönlichkeit des Theatermannes.

Die Leitungsstruktur im Theater am Stadtgarten besteht aus der Geschäftsleitung, der der Gesamtleiter Peter Wehrli seit vergangenem Sommer vorsteht, dem technischen Leiter Christian Hirt sowie dem künstlerischen Leiter.

 

 

Der Landbote, 14. Januar 2000

GESPRÄCH  MIT  GIAN  GIANOTTI  –  NEUER  KÜNSTLERISCHER  LEITER  DES  THEATERS  AM  STADTGARTEN

Das Gastspielhaus als Haus der Gäste

Er verfügt über weitläufige Theatererfahrung zwischen Berlin und Mailand, und er wohnt seit Jahren in der Nähe, im Nachbarkanton Schaffhausen: Gian Gianotti denkt an die weiten Perspektiven der Theaterkunst und an das nahe, wirkliche Publikum, das das grosse Haus weiterhin füllen soll.

Interview: HERBERT BÜTTIKER

 

 

Was haben Sie für eine Beziehung zu Winterthur, ihrem neuen (60 Prozent)-Arbeitsort?

Gian Gianotti: Ich wohne in der Nähe, habe Theater in Zürich und auch in St. Gallen und in Schaffhausen gemacht, das angesprochene Publikum ist also bereits eingekreist. Dann ist Winterthur jetzt schon eine Stadt der Kultur, da ist man gerne dabei und leistet auch gerne einen Beitrag, wenn er gewünscht wird – und das wird er, scheint es, wenn mich die Gremien schon gewählt haben.

Was für eine Beziehung haben Sie speziell zum Theater am Stadtgarten? Haben Sie hier in letzter Zeit Aufführungen besucht? Was hat Ihnen gefallen?

Vor Jahren wurde meine Kirschgarten-Inszenierung am Stadttheater Bern hier gezeigt … da hatte ich sogar die Spielerperspektive und erlebte das Theater von innen. Das war interessant und wichtig für mich: die Betreuung des Gastes. Ansonsten erlebte ich das Theater bei einigen Aufführungen über die Jahre als Zuschauer. Wichtig fand ich die Vielfalt, das Interesse des Publikums über alle Sparten- und Sprachgrenzen hinweg.

Das Theater am Stadtgarten hat im vergangenen Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiern können. In historischer Perspektive gehen diese zwei Jahrzehnte als eine “Blütezeit des Gastspielbetriebs” in die Winterthurer Theatergeschichte ein. Wie beurteilen Sie diesen Theaterbetrieb, den das Publikum in Winterthur und der Region gewohnt ist?

Ein Gastspielhaus ist eine besondere Erscheinung in der Theaterkommunikation: die Identität findet für den Zuschauer eher über die Architektur statt als über das spielende und über das darstellende Personal. Die Gewohnheiten sind wichtig und weitgehendst eingespielt. Mich interessiert, wie Kontinuität mit Innovation zu verbinden ist. Einerseits möchte ich oder will ich das jetzige Publikum weiterhin erreichen und neues dazugewinnen, junges und spezifisches. Jugendtheater, Seniorentheater, fremde Kulturen und Ausdrucksformen … Festivals, Treffen, Gespräche. Da müssen Nischen gefunden werden, inhaltliche und räumliche. Ich denke sie sind vorhanden.

Was diese Theater-Blüte gefährden kann, ist sicher die Ökonomie: Die öffentliche Hand drückt heute nur zu gern das Bremspedal. Haben Sie, was Ihre Aufgabe in Winterthur betrifft, diesbezüglich Bedenken oder eine komfortable Situation?

Wie komfortabel sie dann real sein wird, hängt auch von unserem Erfolg ab. Wir müssen ja einen beachtlichen Teil des Budgets einspielen, und das kann man ja bekanntlich nicht gegen das Publikum machen. Aus der Gewohnheit heraus müssen wir das Publikum für Neues gewinnen und begeistern. Neuer wird vielleicht eine gewisse Ästhetik, eine Kommunikationskultur, eine Sichtweise, eine Verbindung von Sparten. Da müssen wir gewinnen. Das hängt nicht nur vom Geld ab.

Eine andere Negativentwicklung betrifft speziell das Sprechtheater, und es zeigte sich, dass Winterthurer vom Trend rückläufiger Besucherzahlen nicht verschont” geblieben ist. Wie beurteilen Sie diese Krise? Wie gedenken Sie, darauf zu reagieren?

Die schlimmste Krise ist die Lähmung, wenn man sie aber angeht, dann ist sie ganz einfach nicht mehr vorhanden. Ich hoffe genügend Gesprächs- und Konfrontationsenergie sowie Weitsicht zu haben und mit dem Publikum zu entwickeln, dass ich eventuellen Erstarrungen spielerisch ausweichen kann. Ich möchte aus dem Gastspielhaus möglichst ein Haus der Gäste machen. Ein neugieriges Haus für alle Altersstufen. Die Gesprächsfähigkeit des Publikums und die Qualität der Darbietungen werden das Programm mitgestalten. Die Qualität muss stimmen, und das muss das Publikum mit Zuverlässigkeit merken. Dann ist das Theater für mich immer wieder auch ein Fest, der Raum fürs Festliche muss vorhanden sein und gepflegt werden: Gala neben Studio, Prominenz neben Forschung, Bewährtes neben Experiment, Geborgenheit neben Öffnung, und das alles noch mit einer möglichst hohen Qualität … das muss neugierig machen. Das ist schon ein Fest, und kann, hoffe ich, weiteres und neues Publikum überzeugen.

Ein dritter Punkt betrifft die Publikumsstruktur: vor allem dem Sprechtheater fehlt der Publikums-Nachwuchs.

Über die Gründe möchte ich mich wirklich eingehender mit Herrn Freihart unterhalten, mit ihm in den nächsten Wochen die Situation analysieren, schauen was er wie gewollt und was er wie erreicht hat – das wird für mich sicher ein Teil der Basis sein für die weitere Suche. Im Nachwuchs liegt noch Potential, ich hoffe dieses erreichen zu können, neugierig zu machen.

Grundsätzlich: Sind von Ihnen strukturelle Veränderungen zu erwarten? Beispielsweise: Bleibt der Verteilschlüssel der Aufführungen zwischen Schauspiel / Komödie bzw. Boulevard / Musiktheater / Ballett etc. wie bisher?

Die Sparten werden bleiben, vielleicht gibt es innerhalb der Sparten gewissen Verschiebungen, wie zum Beispiel vom Boulevard mehr hin zum Musical, vom Ballett mehr hin zum Tanztheater … aber hier wird mir die Erfahrung von Herrn Freihart eine wichtige Rolle bei der Neudefinition und Öffnung spielen. Grundsätzlich meine ich, müssen wir das Theater im Raum Nordostschweiz, und das hat ein grosses und wichtiges Einzugsgebiet, nach einem europäischen Massstab plazieren – ohne Verdoppelung der wichtigen etablierten Häuser und der freien Gruppierungen in diesem Raum. Das Theater Winterthur muss zum Ort werden, wo wichtige Formen, Gruppen und Ausrichtungen präsentiert werden.

Überblickt man Ihre bisherigen Projekte, sind die “konventionellen” Stadt- und Staatstheater ebenso vertreten wie die Freie Szene und sogar die Freilicht-Szene? Als Ihre Spezialität verzeichnen Sie die “Verbindung von Kunstrichtungen und Sparten”. Wird im Theater am Stadtgarten auch künftig der klassische – sehr reichhaltige – Stadttheater-Spielplan der Massstab bleiben? Möchten Sie auch “Alternatives” zeigen?

Ja. Die freie Szene könnte durchaus auch vertreten sein, wenn sie das grosse Publikum erreichen kann und nicht ganz aus der Region kommt. Ich will nicht Theater zeigen, das man sonst auch schon zwischen Zürich und St.Gallen in ihren eigenen Räumen besuchen kann, aber eine gute freie Gruppe aus Basel zum Beispiel oder eine interessante aus Mailand oder München könnte durchaus in Frage kommen … und auch Alternatives ja, in zeitlichen und räumlichen Nischen. Ich muss und will aber in der Wochentagplatzierung und in der Jahresprogrammierung das breite Publikum umfassend und in der nötigen Breite behandeln. Wir haben ja ein Theater mit fast 800 Plätzen, die muss man in einem guten Schnitt füllen. Sonst knabbert das an der Existenz.

Spielen Sie auch mit dem Gedanken, die Gastspielbühne als Produktionsbühne zu nutzen, Eigenes zu realisieren?

“Work in resindence” interessiert mich, Koproduktionen sind auch mögliche Formen der Produktion. Eigene Produktionen sind aber nicht im Auftrag dieses Theaters und meines Teilpensums. Da liegen weder Möglichkeiten noch Kapazitäten drin.

“Dramatisches Gedicht im Gesamtkunstwerk” führen Sie an unter dem Stichwort “Arbeitsziel, eine Utopie?”. Was ist damit gemeint, was betrachten Sie als den Kern Ihrer Theaterarbeit?

“Über die Dörfer” nenne ich dort ein Zielprojekt, das ist für mich eines der umfassendsten Stücke der neuen Theaterliteratur: In der Verantwortung für die Aussage (und das ist ein politisches Konzept), in der Verpflichtung für die Literatur und für die Musik, in der Behandlung des Gesprächs und der Kommunikation als Inhalt und Form. Das interessiert mich. Die Erfüllung von solchen Interessen kann nur über eine verbindende Neugier stattfinden, wenn schon, und die verlangt zwangsläufig nach Gesamtkunstwerken. Anderes kann gar nicht mehr befriedigen. In der einzelnen Produktion (à la Wagner, vielleicht bei Wagner) ist dieser Anspruch eine ganz hohe Messlatte. Ich will das jetzt einmal mit ganzen Spielzeiten versuchen. Und das Arbeitsziel bleibt vorerst eine Utopie. Die brauche ich als Vision.

 

Diese drei Beiträge als pdf:
>>>  Für Spielfreude und Innovation Der Landbote, kal/hb  14.1.2000
>>>  Die Wahl fiel nicht schwer Der Landbote, Karin Landolt  14.1.2000
>>>  Das Gastspielhaus als Haus der Gäste Der Landbote, Herbert Büttiker  14.1.2000

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

… befragen wir  die Möglichkeiten, die ich hatte – und die dokumentierte Praxis  – denn Beispiele könnten Schritte bezeugen.

 

 

KONTEXT – für den Zeitraum 10.1. bis 30.1.2009, erschienen im Winterthurer Stadtanzeiger 13.1.2009

 

18 Jahre Johannes Felsenstein in Dessau

Früher dauerte es in den meisten Ländern länger … die Väter wollten den Kindern erst mit 21 Jahren den Laufpass geben, lieber erst noch später oder überhaupt nie. Mittlerweile hat sich die Volljährigkeit in Europa eingependelt auf 18 Jahre, und wir sind weltweit in guter Gesellschaft damit. Also kann auch eine Theater-Ära nach 18 Jahren fürs Leben prägend gewesen sein, und der “bis dann Prägende” kann sich der Beobachtung und den weiteren Möglichkeiten widmen – eine Beschäftigung mit der Zukunft seiner Vergangenheit scheint ihm sicher, sie soll ihm Lebensinhalt geben und neben der Freude auch Abstand: Andere machen es anders, und Nachfolger sowieso. Das soll Einsicht und Leichtigkeit mit sich bringen. Lockerheit. Perspektivenwechsel, Offenheit für anderes.

Johannes Felsenstein hat uns mit seinem Theater über eine Hälfte der Zeit bis zur Volljährigkeit begleitet, seit 2000, also 9 Jahre lang – 9 grosse Projekte von ihm, die wir aus Dessau nach Winterthur in die Schweiz einladen durften. Es ging uns um die Kontinuität, um die Treue und um die Beobachtung einer Beschäftigung mit dem Musiktheater nach einem Konzept von “Zugang bieten, Verstehbarkeit”. Das sagte er uns zusammengefasst im 02 bei einer Rahmenveranstaltung, die den eingeladenen Intendanzen gewidmet war: Bernd Wilms vom Deutschen war dabei, Klaus Bachler von der Burg, Friedrich Schirmer aus Stuttgart, andere und weitere, und alle prägten unser Konzept für ein notwendiges Gastspieltheater in der Schweiz: ein Fenster für sie und für uns, zwei Blickrichtungen, eine Beschäftigung. Ein Werdegang.

Ohne Konstanz, ohne Gespräch, ohne Freundschaft wäre der Blick in keiner Richtung möglich gewesen, niemand hätte sich, ohne den Anderen, so sehen gelernt. Sehen durch Interesse eben. Eine Chance des Lebens, eine Notwendigkeit für das Zusammenwachsen der Welt.

Wir gingen inspiriert aus den Begegnungen, wir gehen bereichert aus der Zusammenarbeit. Dankend! Das herzlichst Beste wünschend!

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter Theater Winterthur

 

 

Ein programmatischer Text in dieser Richtung war auch schon die Begrüssung in der TheaterZeitung (TZ) zur Eröffnung der Spielzeit 2002/03, erschienen am 2.8.2002
TheaterZeitung August 2002 – für die Spielzeit 2002-03

 

In 20 Minuten von Zürich HB nach Berlin DT

Das Theater Winterthur ist das grösste Gastspielhaus der Schweiz und eines der grossen im deutschsprachigen Raum – das ermöglicht und verpflichtet. Aufführungen in allen Sparten und in mehreren Sprachen werden nach Winterthur eingeladen. Die Begegnungen mit grossen Formen des Theaters aus aller Welt ist unser Programm. Gäste treffen Gäste, und Sie sind dabei!

Als vor 25 Jahren in Winterthur darüber abgestimmt wurde welches Theater die Stadt denn wolle, entschieden sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zwischen den produzierenden Städten St. Gallen und Zürich für einen Gastspielbetrieb. Verschiedene Entscheidungen gaben dem Haus dann seine technische und inhaltliche Dimension. Leichtere Muse folgte auf engagiertere Formen, die Vielfalt blieb eine Qualität – und immer wieder kam Theater ins Haus, was Gefühle und Energien der Kommunikation in Wallung brachte, Vorlieben pflegte und Erwartungen befriedigte … oder manchmal vielleicht auch enttäuschte. Jedenfalls kam Theater zu uns, und wir kamen zum Theater. Begegnungen fanden statt.

Als ein Bild der komplexer werdenden Unterhaltungswelt gestaltete sich auch die Theaterkultur sehr divergent. “Oh … die Hoffnung”, wenigstens in der freiwillig gestalteten Freizeit noch die “glücklichen Tage” zu finden, die “alten Harmonien”, die Träume der intakten Welt, “unsere Klassiker” … oh! wir hören Winnie reden (in Becketts “Glückliche Tage”) und kommen ins Schwärmen, und sind dann irritiert, dass selbst die glücklichsten Tage heute anders ausfallen als sie früher einmal geplant waren … aber: wie real wurden sie wirklich erwartet, damals? Die Frage kann nur individuell gestellt werden. Sie richtet sich nach Innen und spricht jeden ganz individuell an. So wird Theater zu einer Geschmacksache und jeder kann es geniessen wollen und dürfen. Genau das ist die Dimension, die wir im Theater wahrnehmen möchten: Wir möchten uns in unseren Gefühlen wiederfinden, unsere Vergangenheit treffen – aber auch „abschalten” und den Alltag vergessen, Energien sammeln, um den nächsten Tag anzugehen. Kann man mehr vom Theater wollen?

Und wenn jetzt jemand ruft, er wolle nicht “mehr” sondern “weniger” von diesem hochstehenden Theater? Er wolle Unterhaltung – und dabei an das neu definierte Recht der passiven Massenunterhaltung denkt – dafür bezahle er ja schliesslich, über die Steuern und über die Kasse? Deswegen habe er (oder hätte er) damals so gestimmt … Solche Meinungen hören wir immer wieder, was tun wir damit? Wir nehmen sie ernst.

Diese Erwartung deckt aber nur die eine Seite des Theaterauftrags ab, die andere ist auch noch da, sie ist sehr attraktiv und bei sehr vielen Zuschauern nicht weniger beliebt – die wollen und müssen wir auch ernst nehmen. Irgend etwas hat sich in der Erwartungshaltung gegenüber dem Theater verändert oder verschärft in den letzten 25 Jahren. Was ist anders geworden?

Anders, würde ich sagen, ist die Welt. Die dreht sich, so rund wie sie ist, sie dreht sich mit allen ihren Ecken, und ständig werden wir geschubst und provoziert. Nicht nur von den Katastrophen, Skandalen und Crashs, Kriegen und sonstigen Dummheiten. Soll da die Kultur still sein und Watte verteilen? Darf das Theater Ecken schleifen und uns im Gefühl wiegen, dass wir mit unseren althergebrachten und vorgefassten Meinungen getrost richtig liegen? Die Welt sei für uns da – ? Wir seien die Einzigen, und die Ersten darauf – ? … und weit und breit sei das unbestritten – ? Möchten wir dieses Gefühl vermittelt bekommen? Soll das Theater diese Streicheleinheiten vermitteln müssen? Es braucht nicht viel Ehrlichkeit um einzugestehen, dass es so nicht geht, nicht gehen kann! Unsere erste Welt darf in keiner Form mehr eine Kolonialmacht sein wollen, sie darf vor anderen Staaten und Kulturen keine Vorherrschaft für sich beanspruchen. Wir müssen uns anders einordnen und äussern, auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Eine andere Sprache ist nötig, eine andere Haltung – eine andere Kultur. Oder eine andere Fähigkeit im Umgang mit einer anderen Kultur.

Das Theater hat über die Jahrhunderte immer wieder andere Kommunikationsformen gesucht. In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat es sich mit der Welt inhaltlich und ästhetisch derart verändert, dass wir vor der grossen Auswahl an Aussagen und Formen verunsichert dastehen. Schon nur die minimale Namensänderung vom “Theater am Stadtgarten in Winterthur” zum “Theater Winterthur am Stadtgarten” ist ein grösserer Schritt als es die Schreibweise vielleicht ahnen lässt. Und Winterthur hat sich zudem auch noch verändert: eine attraktive Kulturstadt verpflichtet uns alle.

Um vom Theater Winterthur unter meiner künstlerischen Leitung zu sprechen, hat sich die Programmierung auf einigen Ebenen verändert. Das war eine Wahl in der Berücksichtigung der veränderten kulturellen Dimension der Stadt. Wir haben uns vermehrt als das grosse, subventionierte Theaterhaus am Ort positioniert, das internationale Veranstaltungen nach Winterthur holt. Die Konzentration auf das Theater, das subventioniert werden soll, und auf Projekte, die unsere technische Dimensionen, die uns beim Bau als Rahmen gegeben wurden, ausschöpfen und nötig machen, zwang uns im grossen Programm vermehrt auf kleinere Formen des Theaters, auf Kleinkunst, einfache Boulevardkomödie zu verzichten. Andere Häuser und Organisationen haben in den letzten Jahren diese Programmierung übernommen.

Die Konzentration auf die Grösse und Qualität, auf die Projekte, die eine internationale Dimension bieten können, verpflichtet uns und fordert uns heraus. Mit vielen unserer Produktionen fahren wir wieder fort, das Bild des Theaters Winterthur als ständiges, internationales Festival zu prägen: Hier! Exklusiv! Bestes! im Abonnement!

Auf dem Museums–, Ausstellungs– und Musiksektor profiliert sich die Stadt Winterthur enorm als sechstgrösste Stadt der Schweiz. Die Stadt kann auf engstem Gebiet so viele Reichtümer vorzeigen, dass sie stolz sein darf: eine Reise und ein Aufenthalt in Winterthur lohnt sich auch kulturell in jeder Hinsicht. Das haben uns mehrere profilierte, internationale Truppen und Einzelkünstler, die sich für einige Tage in unserer Stadt aufgehalten haben, immer wieder dankend erwähnt. Uns lässt das hoffen, dass sie gerne wiederkommen.

Mit dem Theater verhält es sich ebenso: unser Einzugsgebiet vergrössert sich ständig. Nicht selten reisen Zuschauer aus dem Süddeutschen Raum und aus der Innerschweiz her … weil sie hier ein besonderes Theater vorfinden, zu dem sie sonst weit entfernter hinreisen müssten …

… und auch mehr und mehr Stadtzürcher haben gemerkt, dass sich hier etwas verändert hat und gehören seit dem zu unseren Gästen und Abonnenten: in zwanzig Minuten können sie (und Sie!), ohne Flug und Übernachtung, bequem zu einer wichtigen Theatervorstellung aus Wien, aus Berlin, Bremen, Paris, Rom oder Madrid fahren.

Ein Umkreis von 30 bis 45 Fahrminuten genügt uns als Einzugsgebiet vollauf – aber dieses potentielle Publikum möchten wir erreichen! Damit füllen wir unser Haus mehrmals und nachhaltig. Und Sie sind dabei.

Kommen Sie …
und kommen Sie wieder.

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

So wechselten sich aus finanziellen Gründen die eigene TheaterZeitung bis 16.5.2006, der Winterthurer Stadtanzeiger für die Spielzeit 2006-07 und die Monatsprogramme bis Mai 2010 mit dem jeweiligen KONTEXT ab. Das Publikum schätzte diese etwas tiefer gehende Information und die projektübergreifenden Gedanken dazu. Also übernehme ich hier noch einige Kontexte, die besondere Themenkomplexe im Zusammenhang betrachteten. Immer wieder lösten sie direkte Gespräche aus, nach den Einführungen, nach den Vorstellungen oder bei den viermal jährlich stattfindenden Publikums-Einführungen und –Besprechungen.

Sie werden hier wiedergegeben, weil sie auch für mich Lernschritte bedeuteten, wie programmiere ich eine Spielzeit, wie definiere ich den Auftrag des Theaters und wie argumentiere ich Konzepte meiner Gäste. So verankerte sich auch der Begriff  DAS HAUS DER GÄSTE  als Konzept im Publikum und in den Gasttheatern.

 

 

TheaterZeitung 2003-04, Nr. 7  Schuster bleib bei deinem Leisten
Winterthur, 14. Januar 2004 – Kontext für den Zeitraum 21.1. bis 19.2.2004

 

Schuster bleib bei deinem Leisten, heisst es – und ein “Schuster” gilt auch als ein Pfuscher, als Geizhals oder als ein schlechter Spieler, und meistens prahlt er noch damit – einem den Schuster geben gilt so viel wie ihm den Schuh im … oder einen Korb geben, und wenn bei jemandem weder der Schuster noch der Schneider etwas ausrichten können, dann muss bald der Schreiner her. Also geht es darum, im übertragenen Sinn, wo möglich etwas bescheidener bei der eigenen Natur zu bleiben … und als herrschende Klassen und Interessen noch an der Macht waren, galt es einem “Michel” eins über die Birne zu hauen und ihn in die Schranken zu weisen. So weit, so Vergangenheit und so andere Länder und sowieso andere Sitten …1)

Demgegenüber durchbrechen, wagen, sich finden und verteidigen, “Coming Out”, Selbstfindung und sich hinstellen für die andere eigene Natur, das sind die Hoffnungen und Energien, die jedem Menschen noch eine Kraft und eine Lust geben, ganz sich selber zu werden … das die Kontexte zum Monat, zu dieser TheaterZeitung 7. In Stücke benannt? Bitte sehr: Macbeth, von den Hexen und von seiner Lady in höhere Umlaufbahnen geladen, und Rusalka, die liebende Wasserfrau, die sich in irdische Beziehungen sehnt. Ein Mann und eine Frau, die sich in andere “Naturen” “vorwagen”, wobei die Naturen hier natürlich über die biologischen Kriterien hinausgehen: Macht beim Mann, Krieger, “Kinder-losen” und Liebe bei der Wassernymphe – eine jeweils “andere Natur”, die Sehnsucht nach der anderen Dimension. Jedem zu wünschen, jeder zu gönnen … ganz unabhängig von den herrschenden Ordnungen: “Coming Out – Coming In” das Spiel der Wagnisse … der “noch möglichen Bewegung”. 2)

Im nächsten Monat möchten wir diese zwei Figuren “wagen”, hinstellen und mit ihnen den abgesteckten Weg weitergehen – was ist unsere Natur, was unsere Dimension, was darf noch sein. Das ist mehr eine Frage als eine Feststellung, eine ausgestreckte Hand, eine dargebotene Bühne, eine Einladung … eine nächste für eine übernächste Umlaufbahn. Der Blick wird immer freier, die Optik weiter … “sehe man” allzu stille Wasser, “sieht man” wandernde Wälder – also doch hinaus, weg vom eigenen Leisten, dem Tag seine Natur und Grösse geben, dem Leben die benötigte Weite … doch noch Macbeth, doch auch Rusalka …3)

1)  Nicht ohne Röhrich
2)  Nicht ohne Shakespeare und Dvořák
3)  Nicht ohne Publikum


G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

TheaterZeitung 2003-2004, Nr. 2  Grosses Schauspiel im Theater Winterthur!
Winterthur, 25. September 2003 – Kontext für den Zeitraum 23.9. bis 10.10.2003

 

Die Kinder sind unsere Zukunft – unsere Zukunft
sind die Kinder.

Verlieren wir sie, oder verlieren sie sich, dann verlieren wir uns.
So einfach ist das. Und so hart.

Edward Bond ist nicht zimperlich in der Formulierung von klaren Gedanken und Aussagen. Als Publikum sind wir auf allen Ebenen gefordert, wenn wir seine Stücke lesen oder sie besuchen. Es ist fast nicht möglich, einen Edward Bond derart gegen den Strich zu bürsten, dass er lieb, konziliant, harmlos würde. Komödiantisch. Harmoniebestätigend. Gut kommen wir bei ihm nicht weg, nie. Wir haben keine Chance, uns seinem Würgegriff zu entziehen. Was trotzdem fasziniert, ist seine konsequente Haltung und Aussage, zuerst. Dann die Art und Weise, wie sich konsequente Regisseure dem annähern.

Ein kleiner Exkurs:
Peter Stein hat im Jahr 1967 “Gerettet” von Edward Bond im Werkraumtheater der Münchner Kammerspiele als deutschsprachige Erstaufführung inszeniert. Das war ein harter Schlag. Mit einem Wisch war klar, wer hier am Werk war: welcher Autor und welcher Regisseur. Beide haben die Rezeption des Theaters im 20. Jahrhundert verändert. Spätestens ab da war das Theater nicht mehr aus Pappe. “Gerettet” war im Theater der Auftakt der 68er-Bewegung. Nötig und klar. Viele Generationen von Theatermachern wurden damit abgelöst. Heute kann man das Theater “davor” auch als historische Dokumentation kaum mehr geniessen. Theater, Theater! Und doch Theater. Kunst.

Heute erteilt Edward Bond unserem Christoph Schrot das exklusive Recht, sein neustes Stück “Die Kinder” in der deutschsprachigen Erstaufführung zu inszenieren. Und Christoph Schrot ist uns in Winterthur mehr als ans Herz gewachsen mit seinen letzten Arbeiten “Effi Briest” und “Vor Sonnenuntergang”. Er zeigte klare Konzepte, dazu eine sehr kompetente und glückliche Hand in klaren Besetzungen und Entdeckungen neuer Schauspieler/innen. Im Abschlussjahr seiner Cottbuser Intendanz hat er “Die Kinder” mit 16 Schauspielschul-Abgänger/innen inszeniert und mit Horst Rehberg (“Vater Briest” und Familienoberhaupt “Matthias Clausen”) als trauerndem und sich in einem langen Programm rächendem Vater.

Wir haben lange darüber gesprochen mit Christoph Schrot, ob er mit diesem Stück oder mit einer leichteren Inszenierung kommen solle dieses Jahr. Wir sind dann bei diesem gelandet und geblieben, weil wir ihn hier nochmals von einer ganz anderen Seite kennen lernen können. Wir sind zu diesem Schritt vorbereitet, unser Publikum ist bereit, in diese Dimensionen der Theaterkonfrontation vorzustossen. Das Stück ist hart, Zukunft haben wir keine rosige, doch durch dieses Programm werden wir von grossem Wissen begleitet.

Lassen wir uns darauf ein – Schauspiel im Theater Winterthur

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

 

Die Chance des Gastspieltheaters: Da im eigenen Haus ja nicht produziert wird, kann man sich leisten, Produktionen einzuladen – und da jede Inszenierung wieder eine eigene Produktion ist, warum nicht genauer hinschauen und zwei Aufführungsserien derselben Vorlage in unterschiedlichen Produktionen einladen? sozusagen als Vergleich, als Gespräch über Formen und Konzepte des Theaterschaffens – Mit den Jahren fanden diese “Vorstellungen im Gespräch”, wie sie dann hiessen, Anklang und grosses Interesse. Das Publikum konnte staunen, was macht eine Inszenierung mit einem Stück, was ist ein Text, was ist eine Übersetzung, was ist Deutung, was ist Inszenierung … ja, und was ist Kunst …?

Das muss man sich im Theater Winterthur leisten können (und wollen!) um dem ‘Theater’ gerecht zu werden. Bei der ersten Gegenüberstellung, und das war bereits im meiner ersten ‘eigenen’ Spielzeit 2001-02 mit zweierlei ANTIGONEN (die erste im Januar 02 vom Theater an der Ruhr in der Inszenierung von Roberto Ciulli mit Simone Thoma als Antigone und Volker Roos als Kreon – die zweite im April 02 vom Staatstheater Stuttgart in der Inszenierung von Elias Perrig mit Claudia Jahn und Gottfried Breitfuss). Da rief mich sogar der Stadtpräsident an, sozusagen um Hilfe anzubieten, um einer totalen Peinlichkeit vorzubeugen: “Wie gehen wir mit dem Fehler um, Herr Gianotti, wie machen wir das, ist er Ihnen auch nicht aufgefallen? Wie machen wir das jetzt?” … So liebevoll! … nein, Kein Fehler – “das ist nur der Versuch einer neuen Programmierung” … unser Publikum könnte sich dafür interessieren ‘dürfen’ …

Jahre später hätte unser Publikum diese Dimension nicht mehr hergegeben.

 

 

24.4.2004, TheaterZeitung 2003-04, Nr. 11  OTHELLO  trifft  OTHELLO *
Winterthur, 28. April 2004 – Kontext für den Zeitraum 4.5. bis 28.5.

 

Kontext zu  OTHELLO  vom Schauspiel Köln und  OTHELLO  der Kammerspiele München

So nahe beieinander hatten wir die “Vorstellungen im Gespräch” noch nie. Was können Inszenierungskonzeptionen aus der gleichen Vorlage machen: Übersetzungen, Besetzungen, Ausstattungen, zwei Abende mit jeweils anderem Publikum vor anderer Realität … all das verändert die Sicht und die Rezeption, kann ein Stück anders aufklaffen, mindestens für Freunde der Schattenbereiche der Kommunikation, die mehr wünschen von den Welt-Farben als Schwarz-Schwarz und Weiss-Weiss (auch wenn diese Extreme an sich bereits ganze Welten beinhalten).

Augenfälliger ist die Gegenüberstellung zweierlei Deutungen einer und derselben Vorlage wie jetzt mit diesen Othello-Extremen in der gleichen Woche gar nicht programmierbar (… Ansichten, Einsichten). Man könnte aber weitergehen und ein Abonnement mit nur einer Vorlage anbieten, dann hätten Liebhaber der Gegenüberstellung sechs- oder achtmal den Faust 1, oder den Oedipus, oder König Lear … und hätten damit und danach (natürlich auch genug von der Vielfalt, zugegeben) sicher eine grosse Einsicht in die Beschäftigung mit der Kraft, die die Welt im Innersten zusammenhält, mit der Aufdeckung der Agnosien, oder mit den allzu familiären Perspektiven der Erbschaften. Grosse Vorlagen, wichtige Projekte, die im Blick über den eigenen Bühnen- resp. Teller-Rand noch an Grösse gewinnen, an Leben, an Deutung … an Be-Deutung.

Die Beschäftigung geht hier in die Tiefe, und ein gutes Mass an Ausgewogenheit von Tiefe und Breite, an Konstanz und Wechsel wird die “Kunst der Fuge”, der doppelte Boden der Welt, des Himmels, des Geistes, die Doppelte Freude im “Pflücken des Apfels der Erkenntnis” und im Hineinbeissen in die eigenen Möglichkeiten ganz anders schmackhaft machen. Mut und Bereitschaft, sich im Theater, im Spiel! mit weiteren Möglichkeiten einer Deutung abzugeben, das ist die Dimension unserer Kultur. Eine Dimension, wie Peter Brook der grosse zeitgenössische “Meister des Theaters” sagt, die würdig wäre als “Schöpfung des achten Tages”.

Mit diesem letzten Kontext verabschieden wir uns von der Spielzeit 03-04 und freuen uns auf die Jubiläumsspielzeit 04-05, mit der wir das 25-jährige Jubiläum unseres Theaters am Stadtgarten feiern. Ein grosser Kontext, ein grösserer Bogen und ein grosses Fest.

Freuen Sie sich, alles Gute und … kommen Sie gut an!


G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

*   Und, nur so fast nebenbei als “Vor-Jubiläums-Spielzeit-Sahnehäubchen”:
Welche OTHELLOS trafen sich denn hier?  Ein grosse Frage, und eine noch stolzere Antwort dazu:

Othello eins: Schaupiel Köln, in der Dramaturgie von Heike Frank, Inszenierung von Ola Mafaalani – mit Markus John und Claude de Demo – (und mit Claudia Fenner als Emilia)
Othello zwei: Kammerspiele München, in einer Bearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, Inszenierung von Luc Perceval – mit Thomas Thieme und Julia Jentsch – und Jens Thomas als Pianist

Damit hatten wir international bereits im Frühjahr 2004 “ganz bescheiden” unseren “Theater-Treffen-Status” erreicht. (Ab da staunte auch der Stadtpräsident.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

TheaterZeitung 2003-04, Nr. 8  Endlich Schluss mit Lady Macbeth
Winterthur, Kontext – für den Zeitraum 20.2. bis 14.3.2004

 

Der achte Block, der Block der grossen Fragen nach dem Sein. Märchenhaft, anpasserisch, spielerisch, voyeuristisch, existentiell … einige Möglichkeiten aus der grossen Auswahl unseres Lebens.

Hätten “Erwachsene” die Zauberflöte oder das Glockenspiel, oder eben in unserem Fall die Wunderlampe, dann könnten sie sich ihre Beziehungen und ihre Perspektiven nach ihrem Gusto einrichten, ohne grosse Anstrengung und Überzeugungsarbeit, per Wunschdiktat sozusagen. Nur mal kurz das Wunderding streicheln und schon liegen alle Möglichkeiten (Tischlein deck dich) vor einem ausgebreitet wie im Märchen.

Lady Macbeth würde gerne an ihren Töpfen reiben um sich eine Vision einer Existenz zu gewähren – das Existentielle hier geht nur über die Ermordung der nächsten Mitmenschen, der nächsten “Tyrannen”, die das Leben aus nächster Nähe zur Hölle machen: die Tragik der Endlosschlaufe des Verbrechens, gedrückt werden, drücken, neue Macht ansetzen, neue Macht dulden und sich dagegen auflehnen bis zum schluss-endlichen Schluss. Msensk, ein Symbol einer aussichtslosen Beziehungswelt. Wer hilft?

Voyeurismus im Kurzstück von Peter Turrini. Endlich Schluss, Rom verbrenne! après moi le déluge! Krieg allen mutmasslich Andersdenkenden! Wer die Macht hat, hat das … Faust-Recht. Hier der eigene Untergang als Show inszeniert, die Viertelstunde Popularität soll jedem zugestanden sein – und sei es in der Rubrik “Lebensschreie und Verbrechen”. Und die Umwelt fiebert mit und verlangt Opfer und Konsequenzen, Belustigung auch auf Kosten von Existenzen.

Und wo ist unsere Haltung hier? Wo machen wir mit? schwimmen mit den Mächtigen, im Mainstream der anonymen Masse, schieben die Verantwortung für die Folgen unseres Nicht-Tuns auf andere und wollen täglich aus der Asche als wahre Phönixe aufsteigen, fragil und rein wie ein gepelltes Ei …? Mephisto stellt uns hier Gegenfragen und Optiken auf die Bühne: unterhaltsame Gegenargumente, ein bisschen Wunderlampe für unsere Lebenserfahrungen, eine Zauberwelt, die unserer allzu realen Welt zu Hilfe eilt, oder sich uns als Vision zeigt für einen kurzen Abend-Blick:  Einblicke, Einsichten …


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Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

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TheaterZeitung 2003-04, Nr. 13 – Begrüssung zur Spielzeit 2003-04

 

Und schon wieder neigt sich eine Spielzeit Ihrem Ende zu – und die neue muss selbstkritisch daraus wachsen und ihre Dimension behaupten. Dieser “Jahreswechsel” stellt in der Theaterplanung die grössere Zäsur dar als jener zum Kalender-Jahres-Ende. Am Ende des Kalenderjahres ist Zwischenbericht angesagt, Hinterfragung der erreichten Aktualität im Umgang mit wichtigen Zeiterscheinungen (politische Aktualität, kulturelle Notwendigkeit), jetzt am Spielzeit-Wechsel ist gesamthafte Hinterfragung und Neudefinition im Rahmen eines grösseren Theaterkonzeptes angesagt: Was bieten wir unserem Publikum in der nächsten Spielzeit an, was bleibt bestehen, wo können Änderungen gewagt werden und wo müssen sie passieren. Da sind Fragen, die uns während der ganzen Spielzeit beschäftigt haben, und die jetzt das Neue definieren müssen. Ständig sind wir im “Gespräch” mit unserem Publikum, bei jedem Theaterbesuch sehen wir es, freuen uns mit ihm über gelungene Momente, leiden mit ihm über andere. Es erreichen uns positive Blicke, anerkennende Bemerkungen, Briefe des Dankes für wertvolle Momente, Abende, Engagements (viele positive Äusserungen!) und auch andere, Warnungen, Worte des Missfallens, bewusst formulierte (und persönlich gezielte) Beleidigungen … Da muss sehr wahrscheinlich auch das Theater (und die Theaterleitung) für vieles herhalten, was manchem und mancher in der Welt ganz allgemein nicht so passt. Gemessen an die positiven Momente sind das verschwindend wenige, aber sie sind laut, populär und werden wiederholt formuliert in den unterschiedlichsten Formen und Medien, ohne aber an Qualität, Sensibilität oder Einsicht zu gewinnen. Diese beeinträchtigen bleibend die Sicht auf die Spielzeit und auf das Publikum und verlangen viel mehr Selbstkritik, Nachentscheidungen, als freundlich-positive Worte des Dankes. Dort wo es uns möglich ist, wollen wir sie positiv umsetzen und die dazu mitgelieferten Beleidigungen wegstecken, und erstaunlicherweise gibt es immer wieder die Möglichkeit, auch destruktive Meinungen positiv zu übersetzen … die besser, optimaler, zur höheren Zufriedenheit mehrerer Seiten entschieden werden können. Diese “Korrekturen” wollen wir vornehmen.

Was wird anders … aus finanziellen Gründen wurde uns eine kleinere Decke diktiert. Nach dieser müssen wir uns strecken. Das bedeutet einige Vorstellungen weniger, dafür reiner in der Auswahl: bei reinen Spartenabonnements keine Mischformen, bei Komödie reinere Schauspielkomödie, bei Nocturnes nur Freitagabende, bei kürzeren Stücken (unter zwei Stunden Spieldauer) unter der Woche Beginn erst um 20.00 Uhr, um den Werktätigen einen angenehmeren Gang ins Theater zu erlauben …

Gleich bleibt: … Unsere Abonnenten haben noch immer die erste Präferenz in der Entscheidung nach ihrer Verlängerung oder Änderung eines Abonnements – sie werden alle angeschrieben und wir verlängern jedes Abonnement gerne, oder wir beraten bei einem Umstieg auf ein anderes.

Offen für eine weitere Runde. Willkommen!

Das Glück für unsere Programmierung ist, dass wir aus einem grossen, vielfältigen und internationalen Angebot unsere Vorstellungen heraussuchen können, und dass dieser Markt in der jetzigen Finanzlage immer breiter wird … Für die Theater, die mit uns zusammenarbeiten können, wollen, mögen, dürfen, … oder auch ganz einfach noch tun, bedeutet dieses “Glück” eine Bühne, ein Fenster in der Schweiz und eine willkommene finanzielle Anerkennung für ihre Leistung. Jedes Projekt muss seine Finanzen in einem Gleichgewicht halten, theatralische Projekte sind als personalintensive Einrichtungen ganz besonders gefordert. Theater wird noch immer und zum Glück “live” mit Menschen gemacht … auch wenn sich Tendenzen abzeichnen, dass man es noch mehr “optimieren” könnte. Eine Gastierung ist also eine Gelegenheit der Kommunikation und des Marktes, und wenn die Rechnung aufgeht soll sie stattfinden. “Nur” an die finanzielle Rechnung zu denken wäre dabei naiv einseitig und würde sich derart rächen, dass das ganze Austauschgeschäft mit der Zeit schmerzlos weggespart werden könnte. Wer ein Fenster in die Schweiz sucht, sucht einen Ort der Präsentation. Das “Geschäft Theater” ist grundsätzlich kein finanzielles, was verhandelt wird ist die Kommunikation, die Beschäftigung mit einem literarischen Inhalt oder mit einem künstlerischen Programm, die Konfrontation verschiedener Haltungen. Unterschiedliche Unterprodukte wie Stücke, Inszenierungen und Projekte sind künstliche und im besseren Fall künstlerische Produkte und gelten oft als “das Theater”, aber natürlich rede ich hier vom “Theater” als Sammelbegriff sämtlicher Sparten aller Theaterkulturen wie Oper, Schauspiel, Ballett, Pantomime …

Als die chinesische Uhrenindustrie in diesem Frühjahr ihre Produkte aus SARS-Gründen hier in Europa nicht präsentieren durfte, war das ein grosses Verlustgeschäft für die dortige aufstrebende Wirtschaft. Beim Theater verhält es sich genau gleich. Zu Hause können sie anders produzieren, wenn sie hier einen zusätzlichen Markt haben. Das heisst nicht immer nur “mehr”, das heisst auch anders, kompatibler, in unseren Dimensionen kommunikations- oder handelsfähiger. Erst dann geht die Rechnung auf, wenn beide Seiten etwas vom Austausch haben. Die “Reisemöglichkeit” an sich hat einen gewissen Wert. Das “zusätzliche Publikum” hat für das gastierende Theater einen bereits etwas höheren, aber erst die Reaktionen dieses neu gefundenen Publikums zeigt den eigentlichen Wert des Austauschs … Die Erkenntnis aus der Auswertung der Erfahrung als Einsicht für die weitere Arbeit an einem nächsten Projekt – das könnte dann vielleicht das höhere Ziel einer Gastspieltätigkeit sein. Und Häuser, die genau solches suchen haben wir, einige! Sie gehören zu unseren Stammgästen: Cottbus, Dessau, Berlin, Stuttgart, Bremen, Wien … auch Kiew! Neue kommen hinzu: München, Köln … und weitere werden folgen. Und die führen das gewisse Gespräch, suchen genau diese besondere Dimension. Die Zukunft ist offen … und wir sind bereit für eine weitere Runde, wenn wir eine Idee haben und diese unseren Theater-Gästen und unseren Zuschauer-Gästen mitteilen können. Wenn die Begegnung aber nicht stimmt, nicht einrastet, nichts bewirkt also nicht zustande kommt … dann erübrigt sie sich sehr schnell, und auch das “preisgünstigste” Projekt ist dann noch viel zu teuer. So anspruchsvoll wollen wir sein können! Auch wenn wir in dieser Spielzeit anderen kulturellen Abteilungen der Stadt gegenüber über-proportionierte finanzielle Einsparungen haben akzeptieren müssen. Wir mussten wiederholte schmerzliche Einschnitte ertragen: ein sehr interessantes Projekt “Theater in Residenz” mussten wir absagen, fast alle Aufführungen im reinen freien Verkauf stornieren, das zunehmend gewünschte Abonnement New-Jazz streichen, die französischen Aufführungen halbieren, die Vorstellungszahlen einiger Abonnements reduzieren … Von 94 Produktionen mit 168 Vorstellungen in der letzten Spielzeit mussten wir unseren Spielplan auf 75 Produktionen mit 142 Vorstellungen hinunterschrauben. Das war nicht leicht, und aus kulturellen Gründen war das überhaupt nicht attraktiv – als Konzentration in einer finanziell schwierigen Zeit mussten wir es leider in Kauf nehmen. Die Abonnenten haben es bisher sehr verständnisvoll aufgenommen, dafür möchten wir uns bei ihnen bedanken. Bei nächsten Programmierungen sollten wir nicht bei diesen Zahlen bleiben müssen, unser Theater Winterthur würde kulturell verarmen und gewonnene Relevanz verlieren.

Bei der chinesischen Uhrenindustrie hatte der Entscheid sicher eine bedauerliche finanzielle Auswirkung. Bei einem Theater fehlt bei gleicher Entscheidung zusätzlich noch eine ganze Seite: die Kommunikation steht zur Disposition. Können keine Uhren verkauft werden dann kann der Markt sich auf Windmühlen spezialisieren, auf Wasserpumpen oder auf Geschäftstüchtigkeit, und schon kann es irgendwie weiterbestehen. Kann das Theater nicht kommunizieren steht die Tätigkeit an sich, nicht das Produkt, zur Disposition. Im Strukturen-Vergleich wäre die Uhrenindustrie auf der Stufe der Theater-Sparten, die Uhren auf jener der Inszenierungen oder Choreographien. Eine gleichwertige Stufe höher bei der Industrie wäre vielleicht die “geistige menschliche Existenz an sich”, und wenn die zur Disposition steht, dann helfen natürlich auch keine Alternativen in der Produktgestaltung mehr.

Es wäre schlecht zu denken, dass wir mit unseren durchaus vorhandenen, realen finanziellen Problemen in der Schweiz und in der Stadt Winterthur an die Grenzen der menschlichen Existenz an sich angelangt wären. So weit sind wir hoffentlich noch lange nicht. Bei uns fehlt es an Kommunikationsfähigkeit, wenn schon, an Lust und Motivation neu auf Inhalte zuzugehen, an Fantasie, unsere Gewohnheiten und unsere Rechte in neuem Kontext wahrzunehmen. Nicht an zu wenig Finanzen. Wir müssen wieder eine Daseins-Identität finden, dann finden wir auch die Energie, uns diese zu leisten. Wir müssen endlich wieder aus der allgegenwärtigen und alles dominierenden, ständigen Wahlkampfhaltung herauskommen, nach der Wahl sei vor der Wahl – nicht nur bei den “Volksvertretern”. Das Denken in unserer Gesellschaft ist im ständigen Konkurrenz- und Wahl-Kampf. Mit der Unterordnung sämtlicher Gespräche über Inhalte und Utopien unter die finanzielle Verwaltungs-Kontrolle lähmen wir die Lebensidentität an sich, die Lebenskraft, die Lebenslust. Und dann “grounden” wir sehr wahrscheinlich schneller als uns lieb ist, und wir es wahrhaben wollen.

Sind das Aussichten? Perspektiven? … Dann soll daraus Haltung entstehen: Wir brauchen mehr Kommunikation, Fantasie, Offenheit und eine höhere Qualität der Auseinandersetzung mit unseren menschlichen Möglichkeiten – wir brauchen  “Einblicke und Einsichten …”  um auf weitere Ideen und Energien zu kommen, wie wir mit uns umgehen können – wir brauchen mehr und nicht weniger Theater – wir brauchen mehr solches Theater, das diese Qualität der Lebensgestaltung pflegen und provozieren kann. Dann sind wir offen für eine weitere Runde. Bainvegnits!

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und noch die grössere Begrüssung zur Jubiläums-Spielzeit 2004-2005 als Abschluss dieser Theater Winterthur–eigenen Positionierung

 

Zur Spielzeit 2004-2005
Solidaritätspakt Theater – Abo-Zeitung  2004-05

 

Liebe Abonnenten, liebe Abonnentinnen, liebes Publikum

Das Abo-System ist für beide Seiten eine Form von Verpflichtung, von Garantie: unsererseits verpflichten wir uns, Ihnen in einem System von Aufführungsprogrammierung (koordiniert nach Daten, Inhalt und Sparte/Form) eine interessante Erlebnisreise durch eine Theaterspielzeit zuverlässig zu vermitteln – bei vielen Abonnent/innen sogar über mehrere Jahren hinaus. Sie verpflichten sich Ihrerseits, uns das Produkt im Voraus abzunehmen, zu kaufen. Das gibt uns eine gewisse Sicherheit in der Einspielung des Geldes für die weiteren Einkäufe. Als unsere ersten Gäste geniessen Sie die Plätze Ihrer Wahl und haben vielfältige Gründe, uns treu zu bleiben. Das beruht auf Gegenseitigkeit!

Im Theaterlexikon (Brauneck/Schneilin, Rowohlt 1986) findet man unter dem Stichwort “Abonnement” neben den Angaben “Vertrag”, “Preisnachlass”,  “Festplatz” im 19. Jahrhundert auch die Formulierung “zunächst Miete eines Platzes für jeden Aufführungstag” und “…ein Premieren-Abonnement, um – ökonomisch abgesichert – das Publikum durch Vorzugspreise für Novitäten zu interessieren” (im Burgtheater Wien, 1880). Schön wäre es, wenn wir Zuschauer/-innen fänden, die jeden Tag ins Haus kommen möchten. Gäbe es so etwas noch? Sollten wir ein General-Abonnement einführen?

Wir könnten sagen – davon redet der Artikel jedoch nicht – dass wir mit dem Abonnement eine Form von “Solidaritätspakt” eingehen und dass beide Seiten davon profitieren. Die Ermässigung, die Sie geniessen, ist für viele Zuschauer/-innen relevant – die Grundauslastung, auf die wir bauen können, ist uns eine Notwendigkeit und mehr als nur willkommen. Der Grundstock an Publikum sichert uns die Basis für zusätzliches und neues Publikum im freien Verkauf – und damit natürlich für neues und potentielles Stammpublikum.

Als grösstes Gastspieltheater der Schweiz verpflichten wir uns zudem der internationalen Qualität und der Repräsentanz der neueren Theaterentwicklungen in den unterschiedlichsten Theatersparten. Grosse, berühmte und wichtige Ensembles und Künstler/-innen treten bei uns auf und sind bei uns aufgetreten. Grosse und gute Namen waren und sind auf unserer Bühne zu Gast  – und das seit nunmehr 25 Jahren! Ein richtiges Haus der Gäste.

Nicht, dass wir alle Tendenzen abdecken wollten oder müssten, aber interessante Entwicklungen sollten in der Schweiz gezeigt werden. Festivals haben und geben sich die Verpflichtung, einem spezialisierten Publikum eine Werkschau zu einem Thema, zu einer Ästhetik oder zu einer Sparte vorzulegen – wir können als “ständiges Festival” ruhiger vorgehen und übers Jahr Rosinen streuen, Perlen, und diese nach dem Geschmack der Unterhaltung und dem Prinzip der guten Mischung leichter oder engagierter zu einem Programm zusammenfügen. Nicht jede Vorstellung ist für jeden Geschmack immer willkommen, eigene und individuelle Meinungen berücksichtigend geniessen Sie unsere Umtauschrechte nach einem Reglement, das Ihnen mit den Abonnements zugestellt wird. So können Sie im Rahmen der Regeln “rutschen” von einem Tag auf einen anderen, von einer Vorstellung auf eine andere, und so eine Ihnen noch passendere und schöne Spielzeit „büscheln“. Und so sollten alle zufrieden gestellt werden können – auch in dieser Jubiläums-Spielzeit 04-05.

In der letzten Spielzeit 03-04 erreichten wir eine wiederum etwas verbesserte Auslastung. Zudem beobachteten wir mit anderen Theatern eine verstärkte Tendenz weg vom Abonnement und hin zum freien Verkauf. In der nächsten Spielzeit bieten wir fast 100 Produktionen in 20 inhaltlichen und 2 Vergünstigungs-Abonnements sowie im freien Verkauf an. Dank städtischen und kantonalen Subventionen können Sie erneut über 150 internationale Vorstellungen in allen Sparten und in grosser Vielfalt erleben – zu Theaterpreisen so günstig wie nie und nirgends.

In der vorliegenden Abo-Zeitung finden Sie in Kurzform aufgelistet, was im Saisonprogramm 04-05 ausführlich vorgestellt und beschrieben wird – bestellen Sie dieses 100-seitige Buch kostenlos mit nebenstehendem Talon oder per Telefon in unserem Sekretariat (052 267 50 67). Da finden Sie alle nötigen Informationen, die Sie brauchen, suchen und schätzen, um sich für eine stärkere Anbindung an unser Haus zu entscheiden oder Ihre Freunde und Bekannten zu überzeugen.

Erst so könnte der allfällige “Solidaritätspakt” aufgehen. Beide Seiten müssen “… ankommen.”, damit wir alle eine gute Spielzeit erleben können. – Seien Sie dabei, wieder, neu oder kommen Sie dazu. Immer wieder und immer wieder neu.


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Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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Kolumne vom 6.10.2004 – Zur Kulturgesellschaft

Kultur ist ein Bestandteil unserer Gesellschaft, ohne sie sind wir im besten Fall “Funktionierende”, “Erfüllende” und “Massen-Nachahmer” ohne Eigenschaften und Eigenimpulse. Ohne Kultur tragen wir keine Verantwortung weder für unsere Gegenwart noch für unserer Kinder Zukunft. Ohne Kultur können wir natürlich auch nicht beschuldigt werden, eine eigene Entscheidung/Position nicht ergriffen/eingenommen zu haben und ohne Kultur, haben wir auch gar nicht das Recht eigene Bedürfnisse zu formulieren, denn wir kennen keine Utopien, haben keine Visionen, keine Tatsachen ausser den diktierten. Ohne Kultur kennen wir nur was wir müssen, und müssen muss dann sein. Ohne Kultur sind wir anspruchslos und können uns nicht einmal die Frage stellen ob wir damit zufrieden sind … erst die Kultur setzt “menschliche” Bedürfnisse, “glückliche” Perspektiven, “lust-schaffende” Identität und die Fähigkeit, uns eigene Grenzen zu geben. Frei zu sein, uns eine eigene “Vorstellung” der Welt zu leisten. Kultur ist das, was uns eigen macht.

Kultur muss man sich leisten wollen, wenn man Mensch zu sein wagt.

 

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Gian Gianotti
Theater Winterthur, Künstlerischer Leiter

 

 

TheaterZeitung 04-05 Nr. 1 – KONTEXT: Das Gastspieltheater

Die TheaterZeitung beinhaltet jetzt mehr Projekte als früher, die Nummern mussten aus Produktionskosten- und Verteilgründen reduziert werden. Statt ca. acht Projekte vorstellen zu können müssen es jetzt doppelt so viele sein. Das bringen wir zustande mit einer grösstmöglichen Konzentration der Informationen und mit einer etwas konzentrierteren Auslegung. Natürlich möchten wir Ihnen weiterhin jedes Projekt vorstellen, damit Sie sich vorbereiten und sich auf die Vorstellung freuen können: hier finden Sie die Namen der Hauptbeteiligten, Angaben zum Inhalt und zur Inszenierung. Auch wird meistens ein typisches Bild eingefügt. Wie bisher, nur etwas kompakter. Die Seiten sollten attraktiv gestaltet sein, unsere Grundgrafik ähnlich bleiben. Unsere TheaterZeitung geniesst breiteste Zustimmung.

Und in dieser Kolumne stellen wir einzelne Projekte noch besonders in den Kontext des Spielplans und schlagen Bögen zwischen verschiedenen Aussagen, Formen und Konzepten. In dieser ersten Nummer: Die Eröffnungsoper, das Jubiläumsfest und das Eröffnungsschauspiel.

Der Opernball wird zur Eröffnungsoper, die Beteiligten sprechen für sich, die leichte Oper, oft auch grosse Operette genannt zieht ein breites Publikum an – gute, leichte Unterhaltung auf der grossen Bühne. Dieses Jahr wieder in Zusammenarbeit mit dem Opernhaus Zürich und mit dem Musikkollegium Winterthur. Die Produktion wird in unserem Haus in den letzten Wochen der Sommerpause inszeniert und eingerichtet, sie ist also fast wie eine „eigene Produktion“ – eine Produktion zu Dritt: Jeder gibt hier seinen Teil in die Zusammenarbeit und jeder gewinnt. Und Sie können sich freuen.

Das Jubiläumsfest zur 25. Spielzeit des „neuen Theaters“ Winterthur am Stadtgarten wird gross und breit vorgestellt in einer eigenen Werbebroschüre und Homepage. Es ist das Zentrum des Jubiläumsmonats und der Auftakt zum Jubiläumsmonat September. Geniessen Sie das Fest und wenn Sie unser Haus noch nicht kennen, dann kommen Sie dazu und lassen Sie sich packen für 25 Sachen für alle Altersstufen. Ganz besonders freut uns das Mit-Fest des Theaters am Gleis, das auch sein 25-jähriges Bestehen feiert. Zusammen unterstreichen wir die kulturelle Dimension unserer Stadt: Rund um den 11. September machen wir breiteste theatralische Erkundungen. Gerne gewinnen wir Sie für die nächsten 25 Jahre.

 Das Eröffnungsschauspiel kommt aus München und wir arbeiten dafür zum ersten Mal mit dem Residenztheater zusammen: das Bayerische Staatsschauspiel zeigt eine ehrwürdige und programmatische Inszenierung. Der Intendant Dieter Dorn hat die Inszenierung seines „Lehrers“ Hans Lietzau (1913-1991) aus dem Jahre 1988 wieder aufgenommen und nacheingerichtet, als Würdigung und als Dokumentation einer Arbeitskonzeption. Hans Lietzau arbeitete immer vom Text heraus und stelle immer den Autorentext als Kunstprodukt ins Zentrum seiner Bühnenarbeit. Weil sich das konzeptionell in der jüngeren deutschen Theatergeschichte mehr und mehr verändert wollen wir diese Arbeit hier an prominente Stelle setzen. „Der Theatermacher“ symbolisch als das Stück zum Gastspieltheater. Es menschelt tierisch über alle Beziehungs- und Lebenswidrigkeiten (der Autor ist Thomas Bernhard!) hinaus doch Theater muss sein: als Faszination des zwischenmenschlichen Spiels. Überall. Und immer.

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TheaterZeitung 04-05 Nr. 4 – Kontext: Vom Ziehen und Reissen in der Zeit des Kaukasischen Kreidekreises

“Ab jetzt muss alles anders werden”, “mit mir wird alles gut” … oft hören wir das, eben hallte es aus Übersee, morgen finden woanders Wahlen statt, und so werden die Würfel weiter fallen. Wer damit nicht einverstanden ist haut auf den Sack, meint den Teufel und trifft den Esel. Drehung nach Drehung, Runde um Runde, nach und nach.

Doch dann schiebt sich eine Blüte ins Bild, ein Duft bringt Wohltat, ein Berg beherrscht den Horizont, vielleicht regt sich auch nur ein Gletscher, jedenfalls wird ein anderes “Leben” Tatsache und jeder weiss, das kann man nicht kurzfristig mit Hau-Ruck ins optimalere Nutzungslicht schieben, wahlgünstig: “Ich bin also bin ich, bitte sehr!” Dann geht das Schieben und Ziehen erst recht los, das freundliche bis rabiate, die überzeugende und so oft Tatsachen behauptende Position wird verkündet … vieles rumort, und nichts wird sich vom Fleck rühren.

Dass jeder etwas vom Welt-Kuchen haben möchte ist reine Behauptung, ist reines Wunschdenken. “Gehören” wird das Leben immer den Nachkommenden, und von diesen Nach-Kommenden immer wieder auf Zeit denen, die dann “für es gut sind, also / Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen / Die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird / Und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt.”

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Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

PS Auf Zeit wird bestimmt wer, wann und wofür verantwortlich ist: der Esel fürs Tragen, der Händler für den Inhalt, der Besitzer für die Verwaltung.

PPS Das Parkhaus im Theater gehört der Stadt, die es der Stadtpolizei zur optimalsten Verwaltung übertragen hat.

PPPS Sie alle sind uns willkommen, zu Fuss, mit öffentlichen oder mit privaten Verkehrsmitteln. Das Theater gehört den Nutzern.

 

 

TZ 04-05 Nr. 5 – Kontext: Der musikalische Monat Januar von neu bis alt

Die möglichst optimale Platznutzung, die wir auch in unserer TheaterZeitung erreichen müssen verzerrt manchmal gewisse Spielplanrhythmen, im Überblick gesehen geht es auch im neuen Jahr mit einem breiten und umfassenden Angebot weiter. Ausformuliert heisst das: zwei Minnas, drei Tänze, zwei zeitgenössische Musiktheater, vier Operetten, wiederum ein Schauspiel, zwei alte Musiktheater, eine Nocturne, eine Jazz-Matinee, ein Tango-Musik-Schauspiel, wiederum drei Operetten, zwei grosse Opern und ein Kaffee-Haus-Orchester als Sonntagsmatinee … ein umfassendes Programm, nach einer umfassenden ersten Spielzeithälfte einer richtigen Jubiläumsspielzeit. Und Sie sind dabei.

Zweierlei sei herausgegriffen: Greek und Karlos.

Greek ist die schweizerische Erstaufführung der zeitgenössischen Oper vom Engländer Mark-Antony Turnage, geboren 1960. Thematisch ausgehend vom alt-griechischen Oedipus-Mythos behandelt er heutige Blindheiten mit zeitgenössischer, ernster Musik. Er stellt den individuellen Menschen ins Zentrum seiner Beschäftigung. Seinem musikalischen Ausdrucksbedarf besonders zuträgliche Quellen fand er bereits in den ersten 80-er Jahren im Jazz, und besonders bei Weltklasse-Leute wie Thelonious Monk, John Coltrane, Miles Davis, die aus der Musikgeschichte noch weitgehendst ausgeklammert wurden. 1988 gelang ihm mit diesem Werk den internationalen Durchbruch.

Was legitime Beziehungen sind und wie sie das Individuum prägen und erschüttern wird auch mit Don Karlos angegangen: unter dem Eindruck der französischen Revolution gelang Schiller nach seinen Räubern wiederum ein wichtiges Beziehungsbild. Thematisch sei hier ein Bogen geschlagen und ein Kontext erkannt. Zum 200. Todesjahr von Friedrich Schiller bringen wir seinen “Verdi – Don Karlos” aus Dessau, wie immer in der Inszenierung von Johannes Felsenstein und wie immer in deutscher Sprache.

Alles Gute und Theatralische zum neuen Jahr!

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Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

TheaterZeitung 04-05 Nr. 6 – Kontext: Menschen-Paare, der Himmel und die Hölle

Beziehungen sind dazu da, den Menschen zu erheben und zu verankern, ihm ein Zuhause zu geben, einen Ort, eine umfassende Existenz.

“Erheben” aus der klebrig-wonnigen Monotonie der Gewohnheit, aus dem gleichbleibenden Rhythmus der erreichten Kompetenz, erheben zu neuen Flügen und Dimensionen, zu neuen Sphären und Möglichkeiten. Flug, Freiheit, Relevanz, Utopie … über sich hinaus, die Kraft des Lebens spüren, erleben, fühlen: die Dimension des Lebendigen werden.

“Verankern” im Leben der Realität, der lebensfähigen Gewohnheit, der konstanten, sich einpendelnden Lebensstruktur. Herunterholen auf die Basis der Realität, den Hochflug im grösseren Kontext relativieren und einbetten in Lebensfähigkeit.

Jedes “Herunterholen” ist auch Enttäuschung, jedes “Erheben” ist auch Beweis, dass man es trotz allem kann, trotz allem einzigartig ist, eigen in der Vielfalt der Umgebung, trotz allem. Erheben zulassen aus der Masse und verankern helfen im Finden der eigenen Dimension – das sind die Kräfte, die das Leben ausmachen: die Schizophrenien nicht explodieren lassen in unkontrollierbaren Psychosen und die Energien bündeln in verkraftbaren Dimensionen, die dem Leben gerecht und den Möglichkeiten zugeneigt sind.

Alleine ist der Mensch schlecht begleitet – mindestens einen “Partner” sollte jedem gegönnt sein. So entstehen Paare, Seilschaften, Cliquen und Strömungen – so entsteht die Kraft, um sich im Innersten zu bilden und zu finden, im intimsten Kern der privatesten Lebensmotivation: hin zum höchsten Kraftakt des Seins, zur Ausgeglichenheit in der Balance am Tor zum Glück … Jedem Faust, Ikarus und Orpheus und jeder Iphigenie, Johanna und Maria sei das gegönnt.

Theater-Paare: der Himmel, die Hölle. Und immer wieder das Leben.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

TheaterZeitung 04-05, Nr. 8 – Kontext: Jubiläumsspielzeit – haben wir gejubelt?

25 Jahre TW am Stadtgarten – wir hatten das ganze Jahr zur Jubiläumsspielzeit erkoren und unsere Vielfalt, unsere Position im Gastspielbetrieb in der Schweiz und im deutschen Sprachraum nochmals aufs Exempel ausgebreitet und aufgezeigt. Eine Vielfalt von Begegnungen hat stattgefunden, grosse und kleine Überraschungen und Irritationen haben wir erleben, geniessen und ablehnen können. Wir sind einige Monate älter geworden … klüger? reifer? enttäuschter? Was war der Beitrag des Theaters dazu? Und was war unser Beitrag dazu, die Welt zu verstehen, besser zu machen, bewohnbarer, lebendiger? Was ist kultureller Jubel? So viele Fragen, viele … und noch einige mehr, Stückbezogene:

Was war der Theatermacher aus dem Hause Dieter Dorn für uns? Was war sein Bedürfnis nach Dominanz in seiner eingeschrumpften, ihm noch gebliebenen Minimalgesellschaft? Und wie dominieren wir weiter in unseren “Künstler”-Familien?

Was war in der Savannah Bay los und wo ist unsere Sensibilität dem Lebensverlust gegenüber?

Was war die absolute Entscheidung des Käthchens von Heilbronn für unsere Treue einer Entscheidung oder Person gegenüber? Was die Sehnsucht der drei Schwestern nach Familie, Leben und etwas Wahrnehmung? Was war unsere Akzeptanz einem eingepflanzten Tartuffe in unserer Gesellschaftsfamilie gegenüber? Konnten wir unsere Wertvorstellungen hinterfragen? Und unsere Familie um Mit-Rat bitten?

Hat uns der Tanz aus Korea neue Energien in der Suche nach einer eigenen Körper- und Klangsprache auf der anderen Seite der Welt nachhaltig bereichert, bestätigt, beglückt?

Hat uns der rebellische Don Juan die Verführung vermiest? Und haben die Schlager aus Ost und West unsere Position auf dem Gold-Dach Europas wirklich nur humoristisch gekitzelt oder irritierend genervt?

Hat der grosse Kaukasische Kreidekreis unser Rechtssinn aus der Position der Stärke gegenüber den Ausländern in unserem Land hinterfragt? Oder sind wir nach wie vor auf der Flucht davor?

Und was war mit dem singenden Don Karlos, den einhüllenden Rheinnixen, dem swingenden Jungvolk aus den 40-er Jahren, mit der Jüdin Shylock und der eingebildeten Kranken?

Was haben uns die weiteren hundert Produktionen gegeben? Was das Theaterfest im September 2004 und jetzt die Theaterausstellung? Die Einführungen und die Lesungen? Was war in den letzten Monaten unter diesem Bleidach denn eigentlich los? Haben wir das wirklich wahrgenommen? geschätzt? – oder haben wir unsere Bedürfnisse bereits mit der Bezahlung der noch immer und zum Glück so preisgünstigen Abonnements und Einkaufskarten vollständig quittieren und vergessen können?

Theater… Theater! Ein Jahr des Jubels geht zu Ende, ein neues Jahr des Jubels steht vor der Tür: Applaus… Applaus!

Gründe zur Freude haben wir mehr als genug.

 

 

Das Ohr beim Publikum – Kolumne 03-04, März 04

Nach der Vorstellung von Rusalka sagte mir meine Frau, in der Pause habe sich eine Zuschauerin sehr angeregt, sogar schwärmerisch in einer Gruppe unterhalten und unterstrichen, wie das Publikum ein Wunschrecht habe und haben sollte, ja sogar ein Mitspracherecht. Und sie schwärmte von der romantischen Oper, von der Musikalität der Einrichtung und von den Singstimmen insbesondere der Rusalka aber auch … sie kaprizierte sich sogar auf die Aussage: “ja der muss machen was wir wollen – wenn er uns haben will” und mit dem “der” meinte sie sehr wahrscheinlich mich, der Programmierer, der Anbieter, der … usw.. Mich hat dieses Engagement gefreut, derart klar hatte ich die personifizierte Erwartungshaltung des Publikums noch nicht formuliert gehört. Ja, wir haben einzustehen für unsere Qualität und wir müssen unserem Publikum das geben was es will, wenn wir das Publikum bei uns haben wollen.

Wir haben 20 Abonnements, 18 davon sind inhaltliche, das heisst, wir bieten mit diesen 18 mögliche Programme an (die zwei weiteren sind reine Ermässigungsabonnements). Die Spartenwahl spielt hier eine grosse Rolle, aber auch die Durchmischung und die Vielfalt, die Spezialisierung genau so sehr wie die reine Unterhaltung. Dieses Jahr haben wir fast keine Vorstellung nur im freien Verkauf. Die Planung findet also statt mit einem Auge auf den Zuschauer, und bis Ende der Spielzeit habe ich auch einen Eindruck entwickeln können was der jeweilige “Zuschauer” als kollektive Bezeichnung und als Charakterisierung des wiederkehrenden Publikums (im Abonnement ist das auch weitgehendst der Fall) haben möchte oder mag. Freude herrscht wenn auch ich in der Vorstellung erfahre, wie das Publikum positiv die Vorstellung erlebt und mitgeht, wie es in der Pause erfreut ist und gespannt ist auf die Fortsetzung. Dann grüssen mich auch die Zuschauer bereits aus den Reihen, dann suchen sie Blickkontakt und wollen es mir sagen, wie es ihnen gefällt. In diesen Momenten, und wenn die theatralische Qualität der Vorstellung auch für mich stimmt dann strahle ich gerne zurück und merke, dass wir uns gefunden haben, dass der Abend steht. Dann gehe ich auch gerne zur Truppe und auch sie hat bereits alles gemerkt.

Aber wie ich mit guten, top guten Produktionen umgehe, die nicht (noch nicht?) angenommen werden … das weiss ich noch nicht. Stücke und Titel, die im Vorverkauf überhaupt nicht laufen, derart nicht laufen, dass wir sie (am liebsten) absagen möchten oder müssten. Neues Musiktheater hat hier den schwierigsten Stand, an neuerem Schauspiel hat sich unser Publikum bereits mehr und mehr angefreundet (vielleicht auch mit einer hochstehenden kulturellen Duldsamkeit). Tanz und neue Formen geniessen eine gewisse Aura der Neuigkeit.

Wir haben einen Auftrag, Ihnen (liebes Publikum) Theater in allen Sparten anzubieten, Mehr- und Minderheiten berücksichtigend, unterhaltsames und mutig innovatives, jedenfalls professionell kompetentes. Und wenn Sie genau das haben wollen, dann sagen Sie mit Recht, dass “der ja machen muss was wir wollen – wenn er uns haben will” … mache ich gerne (wenn ich damit gemeint war), schaue gerne hin, um das Publikum kennen zu lernen und habe gerne ein offenes Ohr, um Stimmungen und Erwartungen wahr zu nehmen. Denn “ich will (und muss) Sie haben!”

Gian Gianotti

 

 

Abo-Zeitung 2004-05
Solidaritätspakt Theater

Liebe Abonnenten, liebe Abonnentinnen, liebes Publikum

Das Abo-System ist für beide Seiten eine Form von Verpflichtung, von Garantie: unsererseits verpflichten wir uns, Ihnen in einem System von Aufführungsprogrammierung (koordiniert nach Daten, Inhalt und Sparte/Form) eine interessante Erlebnisreise durch eine Theaterspielzeit zuverlässig zu vermitteln – bei vielen Abonnent/innen sogar über mehrere Jahren hinaus. Sie verpflichten sich Ihrerseits, uns das Produkt im Voraus abzunehmen, zu kaufen. Das gibt uns eine gewisse Sicherheit in der Einspielung des Geldes für die weiteren Einkäufe. Als unsere ersten Gäste geniessen Sie die Plätze Ihrer Wahl und haben vielfältige Gründe, uns treu zu bleiben. Das beruht auf Gegenseitigkeit!

Im Theaterlexikon (Brauneck/Schneilin, Rowohlt 1986) findet man unter dem Stichwort “Abonnement” neben den Angaben “Vertrag”, “Preisnachlass”,  “Festplatz” im 19. Jahrhundert auch die Formulierung “zunächst Miete eines Platzes für jeden Aufführungstag” und “…ein Premieren-Abonnement, um – ökonomisch abgesichert – das Publikum durch Vorzugspreise für Novitäten zu interessieren” (im Burgtheater Wien, 1880). Schön wäre es, wenn wir Zuschauer/-innen fänden, die jeden Tag ins Haus kommen möchten. Gäbe es so etwas noch? Sollten wir ein General-Abonnement einführen?

Wir könnten sagen – davon redet der Artikel jedoch nicht – dass wir mit dem Abonnement eine Form von “Solidaritätspakt” eingehen und dass beide Seiten davon profitieren. Die Ermässigung, die Sie geniessen, ist für viele Zuschauer/-innen relevant – die Grundauslastung, auf die wir bauen können, ist uns eine Notwendigkeit und mehr als nur willkommen. Der Grundstock an Publikum sichert uns die Basis für zusätzliches und neues Publikum im freien Verkauf – und damit natürlich für neues und potentielles Stammpublikum.

Als grösstes Gastspieltheater der Schweiz verpflichten wir uns zudem der internationalen Qualität und der Repräsentanz der neueren Theaterentwicklungen in den unterschiedlichsten Theatersparten. Grosse, berühmte und wichtige Ensembles und Künstler/-innen treten bei uns auf und sind bei uns aufgetreten. Grosse und gute Namen waren und sind auf unserer Bühne zu Gast  – und das seit nunmehr 25 Jahren! Ein richtiges Haus der Gäste.

Nicht, dass wir alle Tendenzen abdecken wollten oder müssten, aber interessante Entwicklungen sollten in der Schweiz gezeigt werden. Festivals haben und geben sich die Verpflichtung, einem spezialisierten Publikum eine Werkschau zu einem Thema, zu einer Ästhetik oder zu einer Sparte vorzulegen – wir können als “ständiges Festival” ruhiger vorgehen und übers Jahr Rosinen streuen, Perlen, und diese nach dem Geschmack der Unterhaltung und dem Prinzip der guten Mischung leichter oder engagierter zu einem Programm zusammenfügen. Nicht jede Vorstellung ist für jeden Geschmack immer willkommen, eigene und individuelle Meinungen berücksichtigend geniessen Sie unsere Umtauschrechte nach einem Reglement, das Ihnen mit den Abonnements zugestellt wird. So können Sie im Rahmen der Regeln “rutschen” von einem Tag auf einen anderen, von einer Vorstellung auf eine andere, und so eine Ihnen noch passendere und schöne Spielzeit „büscheln“. Und so sollten alle zufrieden gestellt werden können – auch in dieser Jubiläums-Spielzeit 04-05.

In der letzten Spielzeit 03-04 erreichten wir eine wiederum etwas verbesserte Auslastung. Zudem beobachteten wir mit anderen Theatern eine verstärkte Tendenz weg vom Abonnement und hin zum freien Verkauf. In der nächsten Spielzeit bieten wir fast 100 Produktionen in 20 inhaltlichen und 2 Vergünstigungs-Abonnements sowie im freien Verkauf an. Dank städtischen und kantonalen Subventionen können Sie erneut über 150 internationale Vorstellungen in allen Sparten und in grosser Vielfalt erleben – zu Theaterpreisen so günstig wie nie und nirgends.

In der vorliegenden Abo-Zeitung finden Sie in Kurzform aufgelistet, was im Saisonprogramm 04-05 ausführlich vorgestellt und beschrieben wird – bestellen Sie dieses 100-seitige Buch kostenlos mit nebenstehendem Talon oder per Telefon in unserem Sekretariat (052 267 50 67). Da finden Sie alle nötigen Informationen, die Sie brauchen, suchen und schätzen, um sich für eine stärkere Anbindung an unser Haus zu entscheiden oder Ihre Freunde und Bekannten zu überzeugen.

Erst so könnte der allfällige “Solidaritätspakt” aufgehen. Beide Seiten müssen “… ankommen.”, damit wir alle eine gute Spielzeit erleben können. – Seien Sie dabei, wieder, neu oder kommen Sie dazu. Immer wieder und immer wieder neu.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

TheaterZeitung 05-06 Nr. 1: Kontext

Am 4. September nachmittags um 5 wird die erste Hälfte unseres Programms vorgestellt, die Hauptausrichtungen und Schwerpunkte. Information ist die eine Hälfte der Annäherung, die andere ist dann der Gang in die Vorstellung, und der wird – das wünsche ich Ihnen und uns – zur Freude. Unsere Spielzeit ist wieder gespickt mit Rosinen und Exklusivitäten. Das Besondere daran: Sie brauchen, um das Beste zu sehen, nicht die halbe Welt zu bereisen. Sie brauchen kein Geld einzuplanen für teure Kulturevents im Ausland. Sie können bequem mit dem öffentlichen Verkehr und einem Fussweg von 3 Minuten ab Hauptbahnhof Winterthur in unser Theater spazieren oder aber Ihr Auto im öffentlichen Parkhaus “Theater” abstellen und nach wenigen Treppenstufen sind Sie bereits an Ihrem Sitzplatz. Die Ensembles aus aller Welt sind in den Startlöchern und wir haben unsere Bühne wieder für sie fit gemacht mit einer neuen Inspizienten- und Tonanlage. Die nächste Spielzeit kann also über die Bretter gehen – es ist die 26. in diesem Haus, die 6. unter meiner Leitung, die 5. in meiner Verantwortung … alles Gründe zum Feiern, auch in der Nach-Jubiläumsspielzeit

Freuen Sie sich zuerst auf die Eröffnungsproduktion mit dem Opernhaus Zürich und dem Musikkollegium Winterthur, Lucio Silla, die “Anstossproduktion” in zweifacher Hinsicht: Der 16-jährige Mozart hatte seine Oper auf einem Libretto von Gamerra 1772 in Mailand vorgestellt. Der 38–jährige Johann Christian Bach hörte davon und liess das Libretto von Mattia Verazi für seinen eigenen Lucio Silla in Mannheim 1774 anpassen. Den Silla von Mozart hören und sehen wir immer wieder auf unseren Bühnen, derjenige von Bach hat unbegründeten Seltenheitswert und findet gerade deshalb den Platz in unserem Spielplan.

… Dann kommt wie alle zwei Jahre das Ballett-Theater Boris Eifman wieder mit der neuen Choreografie … dann die augenzwinkernd-spöttische Komödie in französischer Sprache von Labiche … dann das raffinierte (politische) Engagement in Thomas Manns Zauberberg … und dann ist noch das Ballett Jazz de Montréal bjm-danse wieder bei uns, auf unserer Bühne mit der Tourneepremiere! – und das alles im ersten September-Block …

Freuen Sie sich mit uns – wir freuen uns auf Sie – herzlich willkommen!

G

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

 

 

Kolumne zur Aufführungen 25. und 26. 9.05 – Der Zauberberg

Die Frage wäre hier und immer wieder “Sein oder nicht Sein”, nur gehört sie nicht zu meiner Rolle. Trotzdem sei sie hier gestellt und gerichtet sein auf das Leben, auf mein Leben: Ich …

Hans Castorp …

diplomierter Schiffbauer, Kurgast, zur Zeit im Davos Zauberberg. Eine Routine-Untersuchung, so per Zufall eingegangen, ein Kurzaufenthalt bevor es dann wieder runter in die Welt geht, ins aktive Leben, in den Beruf und in die Verteidigung unserer Vormacht in der Welt, unserer Reich- und Besitztümer. Ein kleiner Schatten sei hier “feststellbar”, eine kleine Nichtigkeit, eher eine Neugierde meinerseits als eine medizinische Notwendigkeit, mal hinein lugen zu lassen in die Innenwelt, Atmungs- und Pumporgane, die diese meine Weltmaschine in Gang halten. Schiffgleich. Fürs Grosse geboren.

Mein junger Körper macht eine Einstiegspause bevor es “vom Stapel” läuft und eintaucht in den Sinn des Lebens. Zufällig erhalte ich die Möglichkeit, meinem Kurzbesuch hier eine wissenschaftliche Dimension zu verleihen. Günstig und sinnvoll, ungefährlich. Zauberberg, eine irreführende Bezeichnung in dieser glänzenden, flirrend-klaren Luft und Landschaft. Der Zauber hier könnte einen gefangen nehmen, wäre man nicht klardenkend und für die genaue Weltbetrachtung vorbereitet. Also trete ich in den Dienst der klinischen Medizin, und gebe ein Beispiel ab für die Funktionstüchtigkeit unserer Anlage. Das lassen wir uns gewinnbringend angedeihen.

Was mich zu interessieren scheint in meiner Lebenszeit könnte umschrieben werden mit grundsätzlicher Orientierung. Wissen um die groben Zusammenhänge im Leben, was das Innerste zusammenhält. Eine angenehme Freizeitbeschäftigung, die für eine sehr kurze Zeit in den Vordergrund tritt, mehr eine Bestätigung der Richtigkeit des Bisherigen als eine Herausforderung, Grundlegendes in Frage zu stellen. Ich würde fast sagen interessiert unbeteiligt, denn ich bin jung, gerade eben 22-jährig, gesund und auf der Schwelle der Lebensaufgabe. Richtig kann nicht plötzlich falsch sein, und wir können nicht von heute auf morgen mehrere Sprossen auf der Erfolgsskala überspringen, weder hinauf noch hinunter. Es liegt in der Natur der Welt, dass die Schritte klein sind, allmählich, und dass sie uns zur höheren Bestimmung verhelfen. Zu gut haben es unsere weisen Väter gedacht und eingerichtet, als dass es schlagartig anders sein könnte. Wir sind oben und da bleiben wir auch, wir sind in guter Gesellschaft. Was bleibt ist die Perfektionierung, die Detailkorrektur des Wohlstandes und da sind alle grossen Kräfte gefordert Geschick zu zeigen, um unsere Vormachtstellung zu untermauern. Jetzt sind wir gefragt, unser Tun entspricht der Notwendigkeit, wir sind bereit und gefordert. Unser grosses Jahrhundert bricht an zur Festigung und Bestätigung unserer Vormacht in der Welt.

… noch lange nicht fertig und bereits viel zu lang.

G
Gian Gianotti
KL

 

 

TheaterZeitung 05-06, Nr. 2: Kontext vom 11.9.2003

Warten …

… immer warten. Ein Leben lang. Vergegenwärtigen wir uns das mal:

Wie wartet das Kind auf seinen Freund, auf den Kindergarten, auf den Sandmann, auf die Geschichte, auf den Schulanfang, auf die Herbstferien, auf den Reise- und auch auf den Geburtstag, auf Weihnachten, den Osterhasen, auf die zweite Klasse, auf die Dritte. Und dann wartet es auf seine Freundin (immer auch im anderen Geschlecht zu verstehen), auf die erste Uhr, auf die erste Rose, aufs Essen, aufs Ausgehen, auf die Beurteilung des Lehrers, des Lehrmeisters.

Und dann wartet der Jugendliche erst recht auf die Sehnsucht, auf die Liebe, auf die Rache, auf den 25., den 26. auf den 30. des Monats! Und wie er und auf die Ferien wartet, auf den Theaterbesuch. Auf den Brief, aufs Telefon, auf die Katze, die noch immer auf die Maus wartet, auf die Mutter, die auf den Vater wartet, der an der Bushaltestelle auf den Bus wartet. Und wenn der Bus dann endlich kommt wartet er, dass die Leute eingestiegen sind und dass die Tür zugeht und dass der Bus endlich abfährt … und wartet, dass die Ampel auf Grün schaltet, und wartet auf den Regen. Und auf den Abend. Und auf die Nachrichten, und auf die Sendung danach. Und aufs Nachhausekommen der Tochter. Warten, warten … immer warten.

Warten …

Wart auf die Begebenheit vor dem nächsten Warten, und wenn sie dann kommt hat alles Warten einen Sinn, lebenslang. Und man vergisst das Warten, für Momente.

Und jetzt warten wir auf Godot, auf den 4. und 5. Oktober, danach auf die Herbstferien und auf den Diener zweier Herren, und aufs Ballett, auf die Lesung, auf die Oper und auf des langen Tages Reise in die Nacht und auch der Eisberg wartet bis die Titanic die Fahrt antritt und mit der Bordmusik des Weges kommt … so spannend wenn der Vogel mit dem ersten Zwitschern auf den Morgen wartet.

G
Gian Gianotti

Künstlerischer Leiter

 

 

TheaterZeitung 05-06, Nr. 3: Kontext zu COSÌ FAN TUTTE

Wir müssen es nicht alle gleich machen, und im Theater eh nicht, das Theater ist noch der Ort an dem, Schattierungen von Gefühlen, Innovationen von Verhaltensweisen gezeigt werden können (müssen), fernab von der Realpolitik Leben und Überleben, wo die Kommunikation nicht über die Leiste der Realität gezogen werden muss. Und überhaupt wo “Verallgemeinerung” nur zur Unterstreichung des Besonderen Geltung hat, zur Potenzierung der Aussage. Kultur will Sensibilität unterstützen und da steht jedes Verallgemeinern bereits konträr dazu. Trotzdem COSÌ FAN TUTTE! Die von Mozart veredelte Oper, das Thema, bei dem komödiantisch alle gemeint waren (sind) und wenn sich einer als Ausnahme verstand sah er sich sehr schnell wieder gefangen in den Stricken der Lebenspraxis.

“Das Schauspielhaus.” … (auch der Punkt nach dem Haus ist wesentlich) so heisst jetzt neuerdings das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, ist das grösste Schauspielhaus Deutschlands, mit 1’200 Plätzen als GmbH organisiert und in den letzten 20 Jahren nur im freien Verkauf zu besuchen … Der “Schwan” hat jetzt den Delphin als Icon erhalten. Die Leichtigkeit des Theaters soll die Verbindlichkeit der utopischen Kommunikation prägen: Utopie “Leben” über die Tatsache “Theater” angeboten. Es geht um die optimale Form und um die klarst-verständliche Auslegung der Inhalte: Theater als schnelles live Medium. So machen’s noch lange nicht alle, aber immer öfter. Und jetzt das, in der ersten Zusammenarbeit mit uns, Das Schauspielhaus. zum ersten Mal in Winterthur – und dann mit einer “männlichen” Oper.

Und dazu kommt dann die Originalbesetzung mit Orchester im Mai 06 zu uns. Das ist das Theater Winterthur!

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

Nach Besichtigung der Premiere in Hamburg muss diese Umschreibung korrigiert werden: Diese Così fan tutte muss neu als Oper mit singenden und spielenden Schauspielern für ein Schauspiel-Ziel-Publikum definiert werden. Die Vorstellung ist aber auch für Opernliebhaber ein Genuss.

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TheaterZeitung 05-06, Nr. 4: KONTEXT (zu Weihnachten?)

Wenn die Mutter stirbt dann wird sie ersetzt. Punkt.

… das hört sich menschlich nicht sehr sensibel an – auswechseln und weitergehen … so aber im Theater, immer wieder, und so in Köln, aus Notwendigkeit, aus Entscheidung eine Zusage einzuhalten, aus Respekt und Achtung der toten “Mutter” gegenüber? Jedenfalls aus Gründen der Erhaltung einer gültigen Theaterarbeit. Die Gertrud ist gestorben, die Gertrud muss leben.

Die Gertrud Claudia Fenner war nicht der Grund aber ein Vorwand (unter anderen) für einen Kontakt, für einen Theaterbesuch, für eine zweite Einladung einer Produktion aus dem Schauspiel Köln: Hamlet, hier bei uns am 10. und 11. Dezember. Die Einladung wurde im Nachhinein zur Vorstellung zum Gedenken an Claudia Fenner. Was nie gedacht war traf ein, was nie geahnt hätte werden können, befürchtet (denn gar nicht vorstellbar) gar nicht denkbar, ja nicht einmal als denkbar gedacht sein konnte … Derart weit weg befand man sich im Zeitpunkt der Einladung von dieser Wendung des Lebens, sich freuend auf die erneute Begegnung … Und nun ist alles anders, und die Begegnung findet doch statt. Auch das vermag nur das Theater.

Der Schauspielerin Anja Laïs fällt eine neue Rolle zu … als junge Frau zu übernehmen den Stand der jungen Mutter eines genialen Sohnes, der alles sieht und ahnt, weit bevor es bereits für andere erahnbar sein könnte. Hamlet, der “gradliner”, der Spiegel des eigenen Lebens in der nächsten Generation. Bei Sophokles (Oedipus) heisst es “die Zeit wird es zeigen”, bei Shakespeare ahnt es Hamlet aus Achtung vor der allzu schnellen “Umbesetzung” des eben gestorbenen Vaters. Die allzu kurze Zeit der Trauer machte ihn hellhörig und mit kriminalistischer Skepsis hörte er auf den “Geist” des Vaters, spielte seine Rolle und spiegelte die Beziehungen (und wenn hier jemand die Beziehungen getürkt hat dann kommt er/sie und reisst auch noch andere mit in den Strudel …).

Die Zeit, die zwischen Einladung und Gastspiel verstrichen ist hat uns mit unserer eigenen (allzu schnellen) Endlichkeit konfrontiert. Wir betrachten dies im Theater als eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir anderen Berufen gegenüber als Vorteil für unser eigenes Leben erleiden können. Es gehört zum Beruf, zum Spiel, zum Leben, die Endformen der Gedanken abtasten zu müssen. Und dazu gehört der ständige Umgang mit dem (auch eigenen) Tod. Ist es eine Utopie, dass man sich darauf vorbereiten kann? Jedenfalls ist es eine Chance, dass man sich damit auseinandersetzen muss.

Claudia ist weder daran noch darum gestorben, aber wir haben durch ihren Tod die Ahnung, dass ein Spiegel kommen wird, und uns uns zeigt – nicht religiös, fatalistisch oder sogar apokalyptisch, nein, nur menschlich offen, so freundschaftlich wie wir uns selber ehrlich entgegen-treten. Tief das Leben und die ständige Arbeit daran liebend. Und wissend, dass es am Menschen liegt, Mitmenschen zuzulassen.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter
Theater Winterthur

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KONTEXT (zum Neujahr 2006, oder zum grossen Geburtstag)

Wenn der Kontext zur Reklamespalte degradiert wird dann steht es mit der Qualität unserer TheaterZeitung recht im Argen. So weit sind wir, dass wir unsere Qualität zur Verfügung stellen müssen, um unsere kulturelle Chance zu verteidigen. Wie das sein kann? Lesen Sie weiter, der Anfang ist ja schon gemacht.

Unser Haus und das ganze Jahr 2006 und wir und hoffentlich auch Sie feiern jetzt zwölf konzentrierte Monate Mozart. Der kleine Wolfgang Amadeus wurde am 27. Januar 1756 in die musikalisch ehrgeizige Musiker-Familie Leopold Mozart von und zu Salzburg hinein geboren … ganze Bibliotheken von Biografien feiern das gefeierte Wunderkind, den irritierenden Erneuerer der hoch künstlerischen Musik, den provozierenden Beobachter der menschlichen Schwächen, den unbequemen Egozentriker und quirligen Neudeuter der musikalischen Lebensrhythmen. Und wir feiern mit! Also wäre der Bogen zum Kontext wieder hergestellt…

Freitag 27. Januar 2006
Mozart – Don Giovanni – GALA
Ab 18.00 Uhr: Die Sonatinen am Flügel im Foyer – Risch Biert (… oder Musikschüler/innen der Musikhochschule Zürich-Winterthur)
18.45: Einführung ins Werk von Prof. Dr. H-J. Hinrichsen, Musikwissenschaftliches Institut der UNI Zürich,
19.30: Vorstellung DON GIOVANNI vom Anhaltischen Theater Dessau, Musikalischer Leiter Golo Berg, Inszenierung Johannes Felsenstein, Ausstattung Stefan Rieckhoff
In der Pause: Überraschung, Überraschung … mit dem Theaterverein Winterthur
Nach der Vorstellung: Feier, Feier … mit Musik und sonstigen Rosinen usw. …

Mozart wurde bei uns in Ihrem Theater Winterthur am Stadtgarten bereits im Oktober mit einer ersten relevanten, wichtigen und provozierenden, männlichen Einrichtung von COSÌ FAN TUTTE aus dem Schauspielhaus Hamburg gefeiert, eine zweite COSÌ kommt im April, und weitere Werke folgen im Herbst und in der nächsten Spielzeit … Grund und Möglichkeiten genug, das Jubiläum nicht nur über Massenmedien und Konserven zu erleben, so gut sie auch sind – das Theater bringt Ihnen die Werke live, das Erlebnis exklusiv für Sie und für die Zeit Ihrer Präsenz in unserem Haus.

Reservieren Sie den 27. Januar für unsere exklusive GALA-Veranstaltung und buchen Sie den Abend über unsere Kasse.

Ihnen allen ein gutes neues Mozart-Jahr!

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter
Theater Winterthur

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TheaterZeitung 05-06 6, Kontext: “Der Bluff als Kapital” oder “Wer keine Chancen hat muss sie nutzen”

Ist es in unserer Zeit bereits wieder so radikal aussichtslos, auf einen neuen grünen Zweig zu kommen? Sind wir in der momentanen “gesellschaftlichen Unsicherheit” derart zur Vorsicht und zur Bewahrung des Erreichten erpicht, dass wir nichts mehr wagen, nicht einmal die kleinste Abweichung von der Norm und vom ersessenen Recht?

Grosse Krisen haben solche Bewegungslosigkeiten für eine gewisse Zeit zur Folge, dann pflegt sich wieder die Aktivität zu legitimieren. Jedoch wie lange die Unsicherheit währt weis niemand trotz aller gut gemeinten, periodisch wiederkehrenden Fortschrittsprognosen. Es sei dahingestellt ob der Krieg wirklich der Vater aller Dinge sei, aber es scheint zu stimmen, dass ein Handlungsbedürfnis auslöst, eine Handlungswelle – jede und jeder muss anpacken und die Zukunft gestalten, alle sind gefragt, alle gefordert.

Der Hauptmann von Köpenick (demnächst auf unserer Bühne) überschreitet gewisse Regeln der Besitzstandwahrung – viele unserer Gesetze sind nur darauf aus – aber er zeigt sich erfinderisch im Umgang mit den Sackgassen unserer depressiven Zeiten. Vielleicht ist es eine Aufgabe der Kunst (und also des guten Theaters) gerade diese Impulse zu geben, zu wagen “Wage! Dann wagt es sich!” Vieles wird hier von uns verlangt, wer aber weniger sucht, meldet sich gerade in der Zeit einer gewissen Erstarrung und Depression ab und lässt andere “geschäften”.

So lange der Hauptmann nur in Köpenick seine Träume und Utopien auslebt zieht er zumindest keinen Krieg vom Stapel, auch wenn dieser dann vielleicht mal Energien auslöst. Mir passt die kulturelle Provokation mehr – aber mindestens diese müssen wir uns schon leisten.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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TheaterZeitung 05-06, Nr. 7 – 15.2.06, Kontext zur ITALIANA IN ALGERI

Fast in eigener Sache, oder mindestens mit eigener Identität

Wenn für Sie liebes Publikum mit der Opera Buffa “Italiana in Algeri” die Theaterrechnung aufgeht, dann geht sie doppelt auf. Programmiert wurde sie sowohl für M1, G1 wie auch für G5 inkl. Theaterverein – und eine Opera Buffa ist sowohl musikalische Komödie wie auch grosse Oper. Wir sprechen damit eine maximale Bandbreite unseres Publikums an, und hoffen, jedem Abonnement dazu ein schönes Theatererlebnis zu bieten. Das trauen wir diesem Projekt und ganz besonders dem jungen Rossini zu. Und Ihnen. Und ich mir, fast in eigener Sache.

Gerade 21-jährig war Gioacchino Rossini als er dieses Werk massgeblich auch im Libretto mitprägte, in 27 Tagen (andere Quellen reden sogar von 18!) komponierte und ein Meisterwerk der musikalischen Komik schuf, aufbauend auf der italienischen Komödie des 18. Jahrhunderts (Goldoni, Gozzi, Commedia dell’Arte, Wortwitz, Verwechslung, Verkleidung, Situationskomik, Revolutionskraft und Frühromantik in quicklebendiger, südländischer Schnelligkeit). Alles was diese Zeit des frühen 19. Jahrhunderts hergab.

Diese Produktion ist eine besondere Zusammenarbeit zwischen Bulgarien und der Schweiz, die Kultur-Agentur Ardente (La Chaux-de-Fonds/Sofia) hat sie initiiert und organisiert. Ich wurde als Regisseur angefragt und als künstlerischer Leiter gebeten, diesen Austausch zu ermöglichen und zu unterstützen. Die Proben haben Mitte Januar angefangen, die 2 Premieren sind am 11. und am 14. März in Sofia (1. und 2. Besetzung). Nach zwei weiteren Aufführungen dort kommt die “Italiana in Algeri” zu uns für drei Vorstellungen 4., 5. und 6. April, geht dann nach Vevey weiter, nach Biel und La Chaux-de-Fonds. Und das ist dann die erste kleine Schweizer Tournee. Bei Erfolg kommt sie nächstes Jahr wieder in die Schweiz, fährt dann nach Frankreich und Spanien weiter … und hoffentlich auch nach Italien. In Winterthur sind wir wieder einmal Pioniere und nehmen als erste die Produktion ab.

Ihre Meinung dazu ist uns also wichtig, und ich stelle mich persönlich Ihrer Kritik, mehr als sonst, denn mit der Inszenierung habe ich diese Opera Buffa so gestaltet, wie mir eine musikalische Komödie gefällt: kritisch und komödiantisch. Beim Einkauf einer fremden Produktion ist es nicht immer möglich, eine solche persönliche Identität zu übernehmen.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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TheaterZeitung 05-06, Nr. 8, Kontext 5.4.06: Emilia Galotti

Es gibt Theaterprojekte und es gibt Kunstprodukte. Manchmal, selten genug, sind Inszenierungen beides – zu selten, als dass man sich daran gewöhnen könnte. Solche Inszenierungen fallen auf, bleiben eine ganze Zeitlang schräg in der Landschaft hängen und man kommt schwer an ihnen vorbei. Und wenn man sich an ihnen “vorbei wähnt”, fehlt noch lange etwas und man sehnt sich nach mehr davon.

Das Theater-Konzept von Regisseur Michael Thalheimer ist die Konzentration auf das Wesentliche einer Vorlage. Seine Arbeit ist das Herausschälen von Inhalt und das Setzen von Akzenten. Seine Inszenierung der “Emilia Galotti” am Deutschen Theater Berlin ist ein Konzentrat eines Konzentrats – wertvoll und süchtig machend in der künstlerischen Stringenz. Der Abend lebt für sich, ist eine Perle und als solche in sich abgeschlossen. Da braucht es nichts mehr drum herum.

Das Theater von Lessing ist bereits ein poetisches Konzentrat, sein letztes (Nathan der Weise) nannte er dann auch in aller Klarheit “dramatisches Gedicht”. Die Emilia Galotti – sein vorletztes Stück – ist nicht weniger konzentriert und gedichtet.

Diese doppelte Dichte veranlasst uns, sie für unser Publikum zu öffnen und zugänglich zu machen – die integrale Lektüre des Stückes am 4. Mai 20.00 Uhr, eine Woche vor den zwei Vorstellungen am 10. und 11. Mai, soll Ihnen zu einem freudvollen und umfassenden Zugang zum Stück und zur Inszenierung verhelfen. Wir bieten Ihnen die Lesung gratis an – als Literatur- und Schauspiel-Interessierte geniessen Sie dadurch ein optimales Vorbereitungsangebot. Und mit den Einführungen (jeweils 45 Minuten vor den Vorstellungen) haben Sie die umfassendste Publikumsbetreuung, die Sie sich als Konsumierende, weltweit! nur wünschen können.

Mit der Diskussionsrunde “Ohr am Publikum” vom 17. Mai um 19.00 h wird unsere Spielzeit 05-06 abgeschlossen. Kommen Sie dazu – Ihre Meinung interessiert uns. Ansonsten: Auf Wiedersehen bei der Eröffnung der Spielzeit 06-07 im nächsten September!

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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18.7.2006, Winterthur, zu Beginn der Spielzeit 2006-2007

Willkommen, bainvegnits in der neuen Spielzeit!

Sie haben unsere neue Ausrichtung der Werbung und des Auftritts sicher gesehen. Die Erneuerungen wurden bereits mehrfach kommuniziert, jetzt geht es an die Praxis, an die Umsetzung, ans Ausformulieren der Kommunikationsform. Meine KONTEXT – Kolumne ist jeweils breit beachtet worden, immer wieder wurden wir darauf angesprochen: sie konnte bewirken, dass interne Strukturen der Spielplangestaltung sichtbar wurden und zum Nachdenken und Assoziieren ermutigten. Auf diese Kommunikation möchten wir nicht verzichten.

Überhaupt war die TheaterZeitung ein uns sehr liebes Werbemittel … aber leider ein sündhaft teures: es verschlang mehr als die Hälfte unseres Werbebudgets. So entschieden wir uns, die vorhandenen Finanzen breiter einzusetzen und vermehrt potentiell neues Publikum auf unser Theater aufmerksam zu machen. Das treue und bestehende Publikum ist uns wichtig und das soll in dieser Form persönlich angesprochen werden, in Briefform, und wir denken an eine kleine Folge von zwei Mal pro Halbzeit.

Diese hoffentlich verkraftbare “Vereinfachung” befreit uns Finanzen für Neues: Jeweils am Mittwoch werden wir mit einem halbseitigen Inserat im Landboten präsent sein – wöchentlich! Sie finden dort, wie von der TheaterZeitung gewohnt und sogar in kürzeren Abständen als bis anhin, die wichtigsten Informationen zu den Veranstaltungen der jeweils kommenden Woche. Mit diesem Auftritt erhoffen wir uns, neue Kontakte und neues Publikum zu erreichen. Die Entwicklung des Publikums vom festen Abonnement hin zum freien Detailkomsumenten ist allgemein zu beobachten, bei allen Theatern in der ganzen Schweiz und fast in allen Sparten auch in Deutschland. Dieser Trend hat die neue Ausrichtung unserer Werbung ausgelöst.

Ebenfalls neu produzieren wir ein Monatsplakat, welches Sie mit beigelegtem Talon bestellen können, sei es als pdf per mail oder sei es per Briefpost direkt in Ihren Briefkasten. Das Monatsplakat kann hervorragend an die Pinwand oder an den Kühlschrank gehängt werden. So sind Sie stets auf dem aktuellsten Stand und können sich – nebst Ihren Abo-Vorstellungen – spontan für weitere Theaterbesuche entscheiden.

Sollten Sie Fragen zu den neuen Werbemitteln haben, wenden Sie sich bitte direkt an unsere Verantwortliche Öffentlichkeitsarbeit Bea König, Tel. 052 267 50 67 oder beatrice.koenig@win.ch.

Sie steht Ihnen von Montag bis Donnerstag gerne zur Verfügung.

Dies die administrativen Informationen, welche ich Ihnen vor Beginn der neuen Spielzeit weitergeben wollte. Im zweiten Teil meines Briefes bereite ich Ihnen kolumnenmässig den Einstig in die ersten Produktionen des Herbstes vor:

      • Mozart (zum 250. Geburtsjahr), ● Ibsen (zum 100. Todesjahr), ● Dimitri (zur Familienfeier),
      • Europa Danse (zur Feier des europäischen Tanznachwuchses), ● Nathan (zur Kundgebung über die notwendige Koexistenzfähigkeit) … und vieles vieles mehr!

Mozart zuerst – eine der neun Produktionen und 25 Vorstellungen im Jubiläumsjahr! – eine selten gespielte, frühe Oper, die zur Vollständigkeit ganz einfach dazugehört: der zwölfjährige hat sie komponiert und sie erstaunt uns auch heute noch. Witzige Dialoge und charmante Flirtspiele auf der Suche nach dem Liebesglück … Carlo Goldoni, der grosse Komödienschreiber, hat das Stück zum Libretto geliefert.

Bei Ibsen gehen die Beziehungen ganz andere Wege und sie beschäftigen sich mehr mit den Folgen früherer Wünsche und Unterlassungen als mit der Komik des Lebens. Unser erstes Ibsen-Projekt (Klein Eyolf, später wird dann die Wildente folgen) wurde vom Staatstheater Stuttgart als schwebender Balanceakt definiert, zwischen den Welten und Polen der Beziehungsbedürfnisse.

Dimitri kommt wieder zu uns und bringt seine Familie mit: zur Lebensfeier hat er alles zusammen genommen was irgendwie zusammengehört – alle “Dimitris” haben für uns eine neue Produktion hergestellt, die bei uns die Uraufführung erleben und dann hoffentlich noch viele Jahre unterwegs sein wird.

Europa Danse lädt seit acht Jahren die jeweils besten Absolventen der ersten europäischen Ballettschulen zu einem ausgedehnten Sommerkurs in Südfrankreich ein und erarbeitet dort erste Choreographien der besten zeitgenössischen Choreographen. Nur das Beste ist gut genug für die beste Jugend, und der wünschen wir das Beste für ihre Kunst und Zukunft. Winterthur profiliert sich hier wieder als Ort des genauen Hinschauens (wie es die Presse formuliert hat): wir bringen das Theater auf die Bühne, das Zukunft und Bestand hat.

In Potsdam wird das Leben in den letzten Jahren und Monaten immer wieder wachgerüttelt von Aktionen der Rechtsradikalen, immer wieder überraschen uns die Nachrichten. Es ist eine Entscheidung und Konzeption des jetzigen Intendanten, ständig und erst recht das Leben trotzdem zu wagen und zu thematisieren. Nathan geht andere Wege, und er ist durch viel Schmerz über die Jahrhunderte reif geworden für ein anderes Zusammenleben. Wir sind gespannt auf die Eröffnungsproduktion des neuen dortigen Theaters (auch das passiert in Potsdam und wir unterstreichen es mit der Einladung).

Am 3. September um 17.00 Uhr erzähle ich bei der Einführung in die erste Hälfte der Spielzeit in unserem Foyer mehr zur ersten Halbzeit, und zeige Bilder und wir hören eine neue, kräftige, frische und hochwertige Stimme. Kommen Sie dazu – die Veranstaltung ist frei!

Die Kommunikation fängt wieder an – die Kommunikation geht weiter im grössten Gastspieltheater der Schweiz – im Haus der Gäste: Willkommen zur Spielzeit 2006-2007. Wir freuen uns auf Sie.

Theater Winterthur

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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TheaterZeitung 6.6.2007: Kinder und Jugendliche für das Theater gewinnen

Das Theater ist ein Kommunikations-Forum, und als solches ein lebendiges Beispiel für eine Gesellschaft, die Lebenskonzepte aufzeigt, angeht und hinterfragt. Unsere Erfahrungen mit dem jüngeren Publikum zeigen uns, dass es über den freien Verkauf und über Sonderaktionen durchaus möglich ist, Schulklassen und einzelne Kinder und Jugendliche für Vorstellungsbesuche sowie für eigene praktische Theaterprojekte zu gewinnen. Kinder und Jugendliche, die das Theater auch wenn nur minimal von innen kennen, haben einen erleichterten Zugang zur Beschäftigung mit dem “Auftritt in der Öffentlichkeit”. In Form von Unterhaltung thematisiert das Theater nichts weniger als das Leben an sich. Theater-Erfahrungen sind also zumindest künstlerisch gesehen auch Lebens-Erfahrungen. Wir müssen die Kinder und die Jugendlichen für die gesellschaftliche Kommunikation erreichen und gewinnen. Jede Anstrengung in dieser Richtung gehört zum Auftrag insbesondere der institutionellen Kunst in der Gesellschaft.

Die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft zwingt uns zudem, die Jugend auch als wichtigen Publikums­faktor ernst zu nehmen und einzubinden. Wir müssen sie über die Familien, Schulen, Klassen, Verbänden und Interessensgruppierungen erreichen, und wir hoffen, sie als Individuen für das Theatergespräch zu gewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen können wir es uns nicht leisten, pädagogisches und didaktisches Wissen zu vernachlässigen. Andere Städte und Theaterhäuser haben in den letzten Jahren ähnliche Einsichten gewinnen und umsetzen müssen. Diese Erfahrungen könnten für unsere Bedürfnisse analysiert und ausgewertet werden.

Die Fachbereiche der Pädagogik und der Didaktik haben in den letzten Generationen wesentlich zur Modernisierung unserer Gesellschaft beigetragen, und vor allem wurde einsichtig, dass auch keine Pädagogik als eine solche definiert werden muss. Ähnlich wie bei der Musik-, Kunst- oder Museumspädagogik müssen wir somit zur Einsicht gelangen, dass auch das Theater eine fachliche, praxisnahe und individuelle, altersgerechte Betreuung anbieten muss. Für die Gewinnung der Jugendlichen müssen wir auf die fachliche, pädagogische Kompetenz zurückgreifen können. Die hochstehende kulturelle Bedeutung unserer Stadt verpflichtet uns dazu.

Seit meiner künstlerischen Leitung im Theater Winterthur versuchen wir, über altersgerechte Produktionen und über die jährlichen Theater-Blocktage (erstmalig im Juni 2001), Kinder, Jugendliche und Schulklassen für das Theater und für unser Haus nachhaltig zu gewinnen, zu betreuen und zu begleiten. Über die Gespräche am Runden Tisch (erstmalig im Mai 2000) erfahren wir, dass andere Theater, Organisationen und Gruppen vor ebensolchen Bedürfnissen und Anstrengungen stehen. Bei der Grösse unserer Stadt mit den umliegenden Gemeinden und mit der Gesprächsfähigkeit der einzelnen Theatermachenden und –Anbietenden untereinander, könnte hier bereits mit einer minimalen, personellen Basisstruktur eine grosse Wirkung erzielt werden. Bereits mit einer einzelnen, interstrukturell arbeitenden Person, könnten ganz wichtige Energien gesammelt und unterstützt werden. Auch Kulturpolitisch wäre das ein Beweis unserer städtischen Kulturfähigkeit.

Gerne würden wir unsere diesbezüglichen Erfahrungen einbringen, sie eventuell im Runden Tisch besprechen und die allgemeinen Bedürfnisse sowie Kooperationsmöglichkeiten und Vernetzungen abstecken. Das Departement Schule und Sport wäre bereits stadtintern sicher ein wichtiger Gesprächspartner in der Grunddefinition und ersten Ausformulierung der Idee.

Gian Gianotti
Künstlerische Leitung
Theater Winterthur

Juni 2007

 

Unsere Erfahrungen können nach folgenden Stichworten aufgezeigt und diskutiert werden:

WER, Zielpublikum:

      • Kindergarten
      • Schulkinder Unterstufe
      • Schulkinder Mittelstufe
      • Jugendliche Oberstufe
      • Jugendliche Mittelschulen, Berufsschulen
      • Studenten bis 26
      • Junge Berufstätige

WIE, Zu erreichen als:

      • Einzelne
      • Klassen
      • Klassenteile
      • Seilschaften, Cliquen, Verbände
      • Interessensgruppen
      • Familien und Familienverbände

WAS, Zielprojekte:

      • Einzelne altersgerechte und geeignete Vorstellungen
      • Sparten, Reihen
      • Zeitblöcke
      • Festival
      • Sonderreihen
      • Abo-ähnliche Pakete

AKTIONEN und STRATEGIEN, immer wiederkehrend und bei jeder Gelegenheit neu startend

      • Information
      • Einladung
      • Gespräch
      • Einbindung
      • Betreuung

Vorgeschichte und Folgen:

      • Einzelne Vorstellungen werden einzeln, in der Kleingruppe, Familie oder Klasse besucht
      • Seit 2000 setzen wir altersspezifische Akzente für Kinder und Jugendliche im Theater
      • Seit 2001 veranstalten wir themenbezogene Blocktage Ende Mai-Juni
      • Ab 2007 bieten wir für besondere Projekte altersgerechte Einführungen an, im Theater oder auf Einladung in der Schule

Erfahrung:

      • Einzelne Kinder, Klassen und Familien lassen sich für das Theater gewinnen
      • Wiederholte Theaterbesuche verankern das Erlebnis
      • Der individuelle und personalisierte Kontakt ist Identitätsstiftend
      • Die Betreuung der Theaterbesucher durch Einführungen und Selbsterfahrung ist zeitintensiv

Handlungsbedarf:

      • Zielspezifische Aktionen
      • Kurswesen, Fortbildung der Erzieher
      • Theaterprojekte, Lernen übers Machen
      • Theaterpädagogische Kompetenz und Kontinuität

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TheaterZeitung 12.7.2007: Mit der neuen Spielzeit haben wir auch wieder die alte Ecke für Begrüssungsgedanken zum Monat.

September! Es ist angerichtet, wir bitten Sie zu Tisch!

Wer jetzt den Einstieg nicht findet hat es später schwieriger … das Menu ist dann angeknabbert und die Freude nicht so umfassend. Das Programm hat dann nicht mehr den ganzen Bogen, der gedacht war für eine “Jahresportion Theater” nach individuell abgestimmtem Geschmack. Jeder kann dann eher die Suppe mögen oder das Dessert, ein schönes Stück Fleisch oder auch Gemüse ist bei jeder Zusammenstellung mit dabei, und die besondere Anrichte mit Einführungen und Betreuung fehlt auch nicht. Freunde des Theaters haben es schon lange gemerkt was sie an uns haben: alle Sparten, Kontinuität, Qualität.

Greifen Sie zu, Sie können noch einen festen Platz haben am Fenster zum internationalen Theater.


G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter
Theater Winterthur

Das Haus der Gäste

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Zum Spielzeitbeginn 06-07    28. August 2006 (Erscheinungstag). Davon wurde eine kürzere Fassung verwendet.

Kennen wir das sommerliche Gefühl, sich hinaus zu wagen aufs wiegende Brett über dem stillen Wasser, vorsichtig zu wippen, die Schwerkraft zu spüren, schwer – leicht – schwer und überleicht den Sprung, nein “den Flug” zu wagen, durch die Luft zu tauchen (kurz aber doch) und hinein zu gleiten in die kühle Fläche? Den Sprung in die andere Temperatur zu wagen, in die andere Materie, in die andere Schwerkraft? Wenn wir es nicht aus eigener Erfahrung kennen dann doch aus der Beobachtung (und auch diese gelte gerade in unserem Haus als gültige Wahrnehmung), wie leicht Körper andere Ebenen erreichen … wie leicht es aussieht, im Erfolg zu strahlen.

Denken wir nicht an die gedopten Kämpfe, an die getürkten Massnahmen zur positiven Wirkung, an die Zwiebelhäute, die nach und nach geschält werden und wohl gehütete “Privatheiten” offen legen – denken wir an die Befreiung der Seele, denken wir an die Luft, die wir nach dem tiefen Tauchergang wieder erlösend einatmen, denken wir an die Lust, mit Hunger an den wohlgedeckten Tisch geladen zu werden: dann tut eine Anstrengung gut und eine Offenlegung ist Balsam.

Es ist Zeit abzuheben und einzutauchen in die neue Zukunft. Willkommen: wir begleiten Sie einige Schritte, wenn Sie es mögen und schätzen, wenn Sie es wagen, wenn Sie es wollen oder brauchen. Wir haben einige Begleitmassnahmen vorbereitet und geplant, damit Sie auch dieses Jahr wieder nicht einfach “ad acta” legen und als abgelebt abstreifen können: Sie sollen etwas haben von ihm, und wenn es das letzte wäre. Lassen Sie sich begleiten – begleiten Sie uns: seien Sie willkommen unter willkommenen Gästen in einer wieder neu willkommenen Zeit.

Wir bieten Theater an, seien Sie dabei, wenn Sie es mögen, und wenn Sie Theater in all seinen Formen mögen dann sind Sie unweigerlich dabei. Dieses kulturelle Angebot gilt als Lebensmassnahme und auch als Unterhaltung – und da klingt das Wort “Erhaltung” nach. Sogar mehr: “… UND Erhaltung!” (mit hartem D) und schon sind wir mitten drin in der Notwendigkeit, die süchtig machende, wohltuende, erfrischende Sportlichkeit im Angehen der eigenen Grenzüberschreitungen.

Neues steht an, und Altes nochmals, Geliebtes wieder, Erhofftes endlich, Gefürchtetes trotzdem. Lebenslustig wagen wir den Sprung, hungrig bestellen wir unsere Lieblingsspeise oder schreiten zur wohl bereiteten Tafel.

Das Theater Winterthur startet am Sonntag 3. September mit einer Übersicht über den ersten Menüplan, mit der Einführung in die erste Spielzeithälfte. Da können Sie erfahren was Sie erwartet, wie und wo es entsteht oder entstanden ist, und welche Wirkung was auf Sie machen könnte … Die erste Premiere findet am 8. statt, und Mozart wird noch immer gefeiert.

Kommen auch Sie nach Winterthur ins Opernhaus Zürich.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter
Theater Winterthur

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14.7.2008, Kontext September 08

“Settembre, andiamo.” So fängt das Gedicht “I PASTORI” von Gabriele D’Annunzio an im Zyklus “Sogni di terre lontane” – so fern sind die Ufer nicht, die sich die Hirten vornehmen, aber Aufbruch ist Aufbruch, und Ziele sind immer fern, besonders wenn der Weg bereits zum Ziel gehört. Ein neues Jahr fängt an, ab jetzt, ab hier wird das Jahr zum Schrittzähler unserer Existenz. Dem sagt man Leben. Ländlich-menschliches Leben.

“Die Spielzeit ist eröffnet” wird es am 5. September heissen, und die Reise geht über Zürich nach Luxemburg/Wien 1909/Berlin 1937, und über Berlin/Hamburg 1763 nach Rom/München 1760, New Orleans 2008, Wattwil 2008, Troja-Ithaka 700 v.Chr./Luzern 2007, Paris 1666 und Madrid 2008 … und das alles in 30 Tagen bis zu den Winterthurer Herbstferien. Dem sagt man Gastspielhaus. Grossstädtisches Gastspiel-Theater.

Und mit diesem Aufbruch wünschen wir Ihnen und uns eine gute Spielzeit 08-09.

Gian Gianotti
künstlerische Leitung
Theater Winterthur

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23.7.2008, Kontext 2008 Oktober

Gäste und Produktionen aus nah und fern …

… das ist ein Thema dieser Spielzeit, wenn wir schon eine Bezeichnung suchen wollen. Wir treffen auf Ensembles aus der nächsten und aus der erweiterten Nähe, und wie auch schon immer aus der weiteren Ferne – aber was ist schon Ferne in unserer heutigen Zeit, in der Europa zur Intimsphäre geworden ist und Wiesendangen zur Exotik? Da haben sich die Werte und die Wertungen komplett verändert. Schön wenn die Begegnungen gut und bereichernd sind, was soll’s, wenn sie nur aus Ballast bestehen. Wir wählen aus und bauen nach und nach unsere Vorlieben auf und stecken unsere internationale Solidarität ab. Aus 5’000 Fernsehprogrammen können wir unsere Präferenzen in einer Favoritenliste abspeichern, die wir dann als unsere Ausrichtungen zuerst konsultieren. Und dann gewöhnen wir uns daran und denken, dass unsere Favoriten auch schon die ganze Welt sind, und die Optik unserer Heimsender auch die globale Objektivität garantieren – aber “oha lätz”, wenn wir dann plötzlich merken, dass uns die Nähe fremd geworden ist und die Exotik nur Ballast bringt.

Dann brauchen wir wieder die Auswahl und die Subjektivität und die Freude an der Überraschung und an die Neugierde. Dann brauchen wir plötzlich wieder die eigene Sprache und das eigene Herz und ertappen uns beim Wegtupfen einer Freudesträhne, dass wir doch noch ganz in Ordnung sind und so durchaus noch einige Jährchen weiterleben möchten und können. Hier und ab sofort … und schon speichern wir unsere Adresse “Theater Winterthur” als der Hauptlieferant für unsere Lebens-Werte ab und sind dabei. Und gut, dass wir dabei sind. Einfach so, indem wir hier sind, ganz hier und jetzt.

Geniessen Sie unseren Antonio Marquez, unsere Operette aus Wiesendangen, unsere Virginia Woolf, unseren Puntila und unsere Übersetzungen, die wir uns von unserer Welt machen (lassen) dürfen und können.

Gian Gianotti

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29.10.2008, Kontext Dezember 08

Wenn im Dezember der Sankt Nikolaus die Jenufa ausgepackt und am 21. die himmelgrüne Familienweihnacht auf der Bühne gefeiert wurde dann ist das Jahr wieder mal in voller Frische in seine letzten Tage getreten.

Als Kinder sangen wir von fröhlicher Seeligkeit, die Schneeflocken gaben dem Auge den Rhythmus der Schwerkraft, die Engel waren öfter zu Besuch. Wünsche wurden mehr für das nächste Jahr als für den Moment formuliert, doch die Spannung steigerte sich bis zur weihnächtlichen Stimmung vor dem Offnen der Stubentür wenn es bereits nach Weihnachtsbaum roch und die Geschichte sich wiederholte.

Dona nobis Pacem … an einem Ort den wir uns für die kulturelle Bereicherung unseres Lebens ausgesucht haben – Dona nobis Glauben an den Wunsch, dass wir das nächste Jahr in aktivem Frieden und Einklang erleben dürfen.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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20.11.2008, Kontext Dezember 2008 für die Januarnummer

Was wir uns vom neuen Jahr wünschen können … sollen, dürfen:

Mit einem Wort kann der Jahreswunsch nicht mehr abgedeckt werden, es sei man wünsche sich Beweglichkeit – aber was ist das schon. Veränderbarkeit, Offenheit, Neugierde … und damit wird der Begriff des nächsten Glücks eingekreist, und wir sind mitten in der Selbstorientierung und Selbstverantwortung, die wir ständig mit der Kultur und mit dem Theater pflegen und provozieren.

Nichts ist schöner, als mit dem Jahreswunsch genau das Lebenskonzept zu unterstreichen, das wir uns eh als Freizeitbeschäftigung vorgenommen haben und nach dem wir bereits, ach schon so lange … leben.

Von “La Séduction” bis zu “Parsifal”, über De Filippo, Flöz, Rossini und Offenbach, an der Odyssee, an Courteline, an Arsen und Spitzenhäubchen vorbei, mit Jazz und Kaffeehausorchester … das ist ein voller Einstieg ins neue Jahr, eine würdige Bandbreite: eine Winterreise. Da hat man Offenheit, zeigt Beweglichkeit.

“Bun di bun on”, und alles Gute!

G
Gian Gianotti
KL

Ach ja: die “Winterreise” ist schon fast ein “Wintermärchen” und wird geschenkt, als Nachprogramm zur Einführung am Samstag 10. Januar …

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9.1.2009, Kontext März 09

März heisst Aufbruch, bei den Römern war das die Zeit des Neuanfangs, des Jahresbeginns – man stelle sich Rom vor im März mit den ersten Zeichen der neuen Vegetation … da will man schon gefühlsmässig ins Jahr hinein dringen. Das wäre ein Anfang für das Herz!

Wir laden uns den Frühling aus Cuba ein und eine temperamentvolle Truppe Havanna Rumba wird uns nicht ruhig in den Sesseln sitzen lassen. Frühling und Sonne … da ist auch Figaro mit seiner Hochzeit mit Susanna aus Sevilla nicht mehr weit und ich freue mich auch ganz persönlich darauf: Nach der Italiana in Algeri und Don Pasquale in den letzten Jahren ist das bereits meine dritte Inszenierung mit Nayden Todorov in Bulgarien: Le nozze di Figaro, die grosse Opera buffa von Wolfgang Amadeus Mozart, integral integer.

Mit dem König Lear in der Inszenierung von Luc Bondy am Burgtheater Wien kommt das grösste diesjährige Schauspiel zu uns. In Wien würden Sie dafür auf lange Zeit hinaus keine Karten mehr erhalten, hier können Sie noch vorne mit dabei sein: Gerd Voss! Birgit Minichmayr! Christian Nickel! Martin Schwab! Und weitere 40 Schauspieler/innen!

Medea in der Inszenierung von Ola Mafaalani aus Holland ist eine Inszenierung für Freunde des innovativen Schauspiels sei nicht nur genannt, sondern mehr als empfohlen – und aus Kiew wird die Bajadere mit grossem Live-Orchester die Herzen der Freunde des Tütü- und Spitzenballettes sehr hochschlagen lassen!

Willkommen in den Frühling!

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter
Theater Winterthur – Das Haus der Gäste

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29.7.2009   KONTEXT 2009-10, Nr. 1

Willkommen in die weisse Spielzeit – gemeinsam entdecken wir ihre und unsere Farben.

Die Eröffnung wird ein Selbstläufer sein, wer freut sich nicht schon auf das Opernhaus Zürich mit Salieri, mit unserem Winterthurer Symphonieorchester MKW und sogar unter der Leitung des neuen Chefdirigenten Douglas Boyd? – den möchten wir doch alle auch als Operndirigent gerne kennen lernen.

Und wer freut sich dann nicht auf die Gratistage TW30, Sie haben es richtig gelesen: vom 9. bis zum 12. September feiern wir unser 30-jähriges Jubiläum des Theater Winterthur an der Theaterstrasse mit 30 und mehr Produktionen im Puppentheaterbereich, die wir Ihnen zur Feier, zur Treue und zur Freude anbieten. Beachten Sie dazu das Sonderprogramm TW30 mit den Angaben zu den geeigneten Altersstufen, und die mit den sich ständig aktualisierenden Informationsangaben zu den Produktionen und Auslastungen in unserem Hauptfoyer: grosses Puppen‑, Marionetten-, Figurentheaterfestival in mehreren Formen aus der Schweiz, aus Deutschland und Italien – und alles sehr unkompliziert und GRATIS, es hat Plätze so lange es Plätze hat, im grossen Saal, auf der Hauptbühne, auf der Hinter- und auf der Seitenbühne, in den verschiedenen Foyers, bei schönem Wetter im Stadtgarten. Sie kommen ganz einfach dazu, Reservationsmöglichkeiten gibt es keine, und Sie geniessen nach Ihrem eigenen Gusto.

Dann geht es weiter mit einer besonderen Zauberflöte aus Halle als SN-Produktion und mit der Premiere der 25-jährigen Jubiläums­produktion von flamencos en route.

Ein Dreisprung in dieser Spielzeit (seien wir sportlich) Ein roter Faden in dieser Spielzeit sind bestimmt die drei Semi-Operas, eine Operngattung aus dem Barock, bei der die gesprochene Sprache neben der gesungenen Stimme ebenbürtig wirkt: King Arthur Ende September, Alessandro im März und Tempest im Mai … exklusivste Exklusivitäten bei uns im Abonnement: Krise hin oder her, jedenfalls ein günstigster Grund, bei uns einzusteigen – die beste Investition und ein sicherer Gewinn.

Und dann … wollen wir wieder mehr Zuschauer/innen, mehr Publikum im Abonnement und im freien Verkauf erreichen: unsere interne Messlatte ist bei +10% angesetzt, die Produktionen sind derart optimal zusammengestellt, dass dem nichts im Wege stehen sollte, helfen Sie mit, gewinnen Sie als erste Freunde des Theaters weitere Freunde: Alexandra Krell, unsere neue Mitarbeiterin in der Öffentlichkeitsarbeit, und Marc Baumann, unser neuer kaufmännischer Direktor, stehen mehr als motiviert in den Startlöchern, die der Zukunft erst die richtige Dynamik geben. Freunden Sie sich mit ihnen an, und das Weisse der Spielzeit wird schon rosig.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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Dazu: Diese folgende Skizze wurde verworfen:

Zugegeben, Theater muss nicht jeder mögen – weder Schauspiel, noch Oper, noch Ballett und auch nicht Operette oder Musical. Was soll’s, und wozu. Ich mag das Leben, direkt, so wie es ist. Fantastisches Zeugs, das sich so genannte “Künstler” ausdenken und als das Wichtigste im Leben verbreiten, das lasse ich mir nicht aufzwingen. Ich habe da meine eigene Meinung und die Kunst bringt mich nicht weiter.

Wer aber nicht ganz so sicher ist, dass seine Ansicht die einzig richtige ist und die allein Gültige, der wird sich fragen was es denn sonst noch auf der Welt gibt, es muss doch noch etwas über meine eigene Meinung hinaus geben was andere so denken und äussern, und sie ebenso wertvoll macht wie einen selber – und wie sie sich äussern, in Wort und Tat. Vielleicht liegt einiges drin, das auch mich weiterbringt, provoziert, Neues kennen zu lernen, mich anders zu verstehen, die Welt anders zu sehen und vielleicht zu begreifen. Dann brauche ich jede andere Ansicht, jede andere Meinung und Utopie. Es könnte ja sein, das das Leben um eine Haaresbreite andere Werte definiert, die auch für mich gültiger sein könnten als meine eigene “Meinung” … daran könnte ich mich messen wollen, damit könnte ich vielleicht Fragen zulassen, die mir Antworten eröffnen.

Die weisse Spielzeit bricht an, wir entdecken die vielen darin versteckten Farben, Schattierungen, Meinungen, und lassen uns von Uraufführungen, Premieren und Exklusivitäten mehr als nur überraschen. Ein Dreisprung in dieser Spielzeit (seien wir sportlich) sind bestimmt die Semi-Operas, eine Operngattung aus dem Barock, bei der die gesprochene Sprache neben der gesungenen Stimme ebenbürtig wirkt: King Arthur Ende September, Alessandro im März und Tempest im Mai … exklusivste Exklusivitäten bei uns im Abonnement: Krise hin oder her, jedenfalls ein ebenso exklusiver Grund, bei uns einzusteigen und neugierig zu sein.

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20.9.2009, Kontext Oktober 2009

Boris Eifman kommt dieses Jahr zum 10. Mal zu uns. Alle seine Choreographien seit der Wende wurden bei uns gezeigt! Dieses Jahr kommt er mit einem Symbolthema einer fixen Idee: “Ich, Don Quixote rette die Welt, ich … auch allein, und gerade allein – denn niemand will glauben, dass die Welt so ist wie ich sie sehe. Und ich sehe sie, also ist sie so wie ich sie sehe”. Diese Idee fixe wurde zum Symbol der verirrten Subjektivität – demgegenüber wurde die wissenschaftliche Objektivität gesetzt.

Im Theater und in der Kunst ganz allgemein spielt gerade diese unterschiedliche Wahrnehmung und Definition der “Realität” eine ganz wesentliche Rolle. Was ist wahrer im Theater? im Lebenssinn? in der Daseins-Energie? Ist es die allgemeingültige Empfindung, und was ist das? oder ist es die rein privatmenschlichste Lebenserfahrung und Perspektive, die die höhere Identität und Identifikation zulässt?

Was glauben Sie könnte mehr “Kunst” sein, das “nach-messbar Beweisbare” oder das spontan Nachvollziehbare und innerlichst Faszinierende?

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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17.9.2009, Kontext November 2009

Leichtes Schauspiel, die Krux als Herausforderung – Ende November.

Gutes Theater ist leicht, leichtes Theater ist schwer zu machen. Dabei ist leicht nicht dumm, gut nicht exklusiv, schwer nicht nur kompliziert – wir stellen uns diesem Komplex mit drei Stücken in drei Tagen, und allein diese Tatsache zeigt schon unseren Einsatz: “einfach” machen wir es uns in dieser Frage keinesfalls.

Die Boulevardkomödie Kein Sex, kein Mord, aber eine Leiche spricht schon fast für sich: flott, sexy, nicht primitiv, aber schnippisch und etwas frivol mit einem Schuss Spannung – das darf hier alles sein, sich nach normaltäglichen Verhaltensmustern bewegende Figuren inklusive …

Die Tote im Weiher ist eine Uraufführung und der Grundstein der neuen Theaterstruktur überLand im Kanton Bern. Im leichten berndeutschen Dialekt nach Gotthelfs Vorbild, fast ein Politkrimi um Allzumenschliches im schweizerischen Milieu. Kompetente und nachvollziehbare Typisierungen. Das Stück zum Gespräch mit dem Theaterverein vom 26.11. – und sogar mit Einführung …

Das Gedenken an Georg Elser. Allein gegen Hitler, dem Konstanzer Attentäter vor 70 Jahren (8. November in München!) ist das dritte Stück und zeigt eine historisch-kritische Aufarbeitung des Themas, ohne die Primitivitäten der Zeit und der volksnahen Stammtisch-Gesprächs-Versimpelungen zu verharmlosen – eine gefährliche Zeit mit Komödiantik nachgestellt, ein hoher Anspruch …

… und alles gut gespielt und verständlich in der Kommunikation, das sollte Garantie und Voraussetzung sein – und genau das ist schon die höhere Kunst.

Viel Freude am November!

Gian Gianotti

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15.11.2009, Museumseröffnung als Kulturakt, als Kontext gedacht – Die Kündigung als Künstlerischer Direktor / Künstlerischer Leiter des Theaters war bereits ausgesprochen

(Ein nicht verwendeter Bericht aus Berlin und Europa)

“Kiek mal, allet Mojelpackung” sagt eine junge Frau in der Warteschlange zur Eröffnung des Neuen Museums und taucht genüsslich ihren Zeigefinger in einen gerade geöffneten Yoghurtbecher … viel drum rum und wenig drin will sie sagen, und lutscht doch genüsslich am Finger. Nach wenigen Minuten fliegt der halbleere Becher zum Abfall, platscht auf den Strassenrand und bleibt da liegen, “allet jemogelt”. Genuss-Genuss, Inhalt und Form werden programmatisch volksnah präsentiert … und sogar preiswert, sagt Stadtpräsident W. in der Orts-Zeitung, verglichen mit der Staatsoper nebenan, die auch saniert werden will für denselben Preis, +/- 40 (Euro-Mio). “Allet Mojelpackung”, als werde die Kultur saniert und nicht vor allem die Bauindustrie, hier wie dort. Die Bestände des Museums, der eigentliche Inhalt der Kultur, lagen seit Jahren und Jahrhunderten meistens in den Kellern irgendwelcher Einrichtungen im In- und Ausland, zum Schutz vor dem zu gefährlichen Leben an der Oberfläche, jetzt haben sie eine richtige Plattform, und stehen da in Würde und pädagogischer Inszenierung. Zum Museum sei bemerkt: hier ist auch schon die Verpackung hohe Kunst und guter Geschmack.

Allet mit dem Finger, und was über die Messlatte von +/- 40 (Euro-Cents) hinausgeht ist eh jemogelt, was darunter bleibt sicher getürkt, wird fürs Protokoll weggesteckt und landet als Schnäppchen neben dem sonst auch schon Viel-zu-viel.

Und da soll Kunst eingekauft und vermittelt werden, mehr als für das Protokoll? Wonach richtet man sich anders als nach dem eigenen Geschmack nach Inhalt und Form, und lässt sich auf Zeit in die Pflicht nehmen für die Qualität, die dann eh nach Windrichtung und Fingergeschmack gemessen/goutiert wird? Auch wenn ich liebend gern das ganze Jahr über Weihnachtsgeschenke verteile.

Oh dankbare Zukunft komm, und sei auch uns gnädig.

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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19.10.2009

Dezember.

Zwischen Sankt Nikolaus und Weihnachten

Ein Adventskalender wie Sie es sich nur WÜNSCHEN können.

Und ein herzliches Willkomm dazu!

Das Theater Winterthur

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8.11.2009, Januar 2010, Kontext: Fragen, wieder und noch.

Sind “alte” Fragen (geschrieben im November 2009) noch aktuell im nächsten Jahrzehnt, oder erst recht? Wir versuchen im Voraus die Gegenwart für die Zukunft zu öffnen … und hoffen, dass uns das gelingen mag. Vielleicht einmal endlich, oder womöglich auch einmal wieder. Der “alte” Wunsch bleibt jedenfalls bestehen.

Unser Inhalt? Geschichten, Fantasien, Deutungen … und Konzepte von, über und zur Literatur und Kunst. Zur Gesellschaft. Zum Leben. Zu uns.

Und wie viel Form braucht dieser Inhalt? und erst recht: wie viel Inhalt braucht unser Leben und das Theater in dieser Form von Leben? … um unserem Konfrontations-Potential oder auch dem kulturellen Anspruch gerecht zu werden, den wir uns stellen?

Geniessen Sie unsere und Ihre Neugierde, Ihre und vielleicht auch unsere Fragen! Seien Sie willkommen im wiederum nächsten Jahr.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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Kontext Februar 2010

Anfang Februar zeigen wir in Zusammenarbeit mit der Südkoreanischen Botschaft in Bern und dem Kulturministerium in Seoul die Uraufführung von drei Tanztheater-Produktionen aus Südkorea. Das Projekt geht der Frage nach der dortigen Tradition und Moderne im Tanztheater nach: “MU IN GU”, Der Ahnentempel. Eine Premiere.

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Korea einen Bruch mit den traditionellen Werten und Formen. Die heutige Kultur geht wieder vermehrt auf die Wurzeln zurück und orientiert sich neu. So wird der traditionelle Tanz in die Moderne weitergepflegt. “Kontinuität trotz Diskontinuität” sagt Min-Sook Lim die Leiterin der Tanzplattform von Inter-Kult in Seoul, “es ist eine Strömung des modernen Tanzes bei uns, der versucht, einen Bezug auf das Traditionelle zu nehmen, mit der Musik und auch im Bewegungsmuster” – also vom Hofzeremoniell in den zeitgenössischen Tanz.

Zwei dieser drei Ensembles waren bereits im November 2004 bei uns, wir werden also Gesehenes vertiefen. Am ersten Abend mit einer Einführung vor und einer Diskussion nach der Vorstellung, zusammen mit dem Theaterverein (mit Apéro).

Und für die Freunde der grossen Operette kommt die Urfassung von “Im Weissen Rössel” zu uns, mit der neu rekonstruierten, im Nationalsozialismus verbotenen, jazzigen Musikfassung. Weite Teile der verloren geglaubten Partitur wurden in einem Musikernachlass wieder gefunden und ermöglichten die Rekonstruktion und die erste Nach-Inszenierung der Urfassung. Mit Einführung am ersten Abend und Diskussion nach der dritten Vorstellung.

Das und mehr im Sportferienmonat Februar.

Gian Gianotti

KL

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11.1.2010, Kontext März 2010

… und ganz zuletzt, nach einem reichhaltigen Monat, kommt noch eine grosse Oper:

ALESSANDRO von Gian Francesco de Majo, in mehrfacher Hinsicht aus Mannheim.

1766 wurde die Oper uraufgeführt als Auftragswerk des Mannheimer Kurfürsten, und das jetzige Nationaltheater Mannheim in der Leitung der Schweizerin Regula Gerber und ihres Operndirektors Klaus-Peter Kehr hat sie wiederentdeckt. Die gesprochenen Texte der “Semi-Oper” waren verloren gegangen, man hat sie neu von Friederike Roth schreiben lassen und Günter Krämer hat sie als Spektakel in Bollywood-Manier inszeniert.

Die Semi-Oper ist keine halbe Sache, das wird mit dieser Produktion mehr als bewiesen, sie verbindet die Arien- und Chor-Oper mit gesprochenen Schauspielszenen, nach beliebtem barock-englischem Muster. Und Mannheim macht daraus eine völker-umarmende Freundschaftsgeste wie der grosse Alexander, der sich nach den Eroberungskriegen (vom Mittelmeer bis nach Indien) neu in Freundschaft und Liebe probte.

Wir sehen griechisches bis indisches Theater in alter Form und modern gezeichnet, mit alter europäischer Barockmusik. Sitar und indisches Schlagzeug begleiten die Schauspielszenen.

Die Semi-Oper wird in dieser Spielzeit als ein kleines internes Programmschwerpunkt mit drei Werken vorgestellt: Im September sahen wir Purcells King Arthur, nach Alessandro wird im Mai noch TemPest von Matthew Locke folgen.

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

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4.5.2010, Zum Abschluss:

 

Liebes Publikum

Nach 10 Jahren kann man gut und gerne die Verantwortung der Planung und Betreuung der Gastspiele einem neuen Team überlassen, und ihm eine gute Hand wünschen. Insbesondere ein Gastspieltheater in dieser Grösse lebt von den unterschiedlichsten Auffassungen und Formen. Neue Gäste und Gastgeber werden weitere und andere Gastgeber und Gäste anziehen. Wer einladen kann und wer sich eingeladen fühlt, kann nur gewinnen, also: “guten Tag Begegnung”.

Für mich waren diese Jahre, hier und mit Ihnen eine gute Zeit. Wichtige Vorlagen in unterschiedlichsten Handschriften und Konzeptionen suchten das vielfältigste Gespräch, waren Angebote, Einladungen und individuellste Befragungen. Darüber hinaus konnten viele von Ihnen auch noch ihren ganz eigenen Vorlieben nachgehen … und dann waren und sind noch die Projekte für und mit unserer Jugend da! und die Lesungen, die Konzerte, die Matineen … die vielen Einführungen! die Gespräche … Ich hoffe, dass ich Ihnen allen, und immer wieder, auch in sich stimmende und runde Wunsch-Stunden in unserem/Ihrem Theater ermöglichen konnte. Erst die gute Erinnerung daran macht die eigentliche Qualität einer Begegnung aus.

Danke, dass Sie hier waren, schön, dass wir uns begegnen konnten.

Alles Gute! und Auf Wiedersehen.

 

G
Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

Theater Winterthur, das internationale Haus der Gäste

 

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Eine kleine Erinnerung an andere Zeiten:

 

Begrüssung im Saisonprogramm 2005-06:

Applaus, als einsichtiges Lächeln…

Die laute Stille oder das lebendige Schweigen wenn sich Faszination bildet, die innere, leichte Bejahung, die Verwunderung, die allseits beglückende Zustimmung beim unmittelbaren Erlebnis, beim süchtig machenden Glücksmoment der Identifikation: Das ist richtig, das ist gut, das tut mir in diesem Moment richtig gut… Applaus, Applaus!

Da brandet Energie in unermesslicher Fülle oder sie bereitet sich noch zaghaft vor als stilles Nicken aus einer Vorahnung von Richtigkeit: Gutes Wort, schöne Bewegung, beglückender Klang, positive Irritation, einzigartiger Zu-Fall…

Wahrnehmen und gemeinsames Nachempfinden wie zwischen Grossmutter und Enkelin. Weitergeben… und es geht weiter!

“Applaus… Applaus!”

Für das Theater Winterthur

G

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

9. Mai 2005

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Diese lange Fassung davon wurde nicht verwendet:

Die Glücksempfindung “Applaus… Applaus!” sei Ihnen oft bei uns gegönnt auch in der Nach-Jubiläums-Spielzeit 2005/2006, die 26. in diesem Haus und zum 5. Mal unter dieser Leitung.

… Willkommen, bienvenue, benvenuti, welcome und bainvegnits!

Applaus, als einsichtiges Lächeln…

Sie sehen es richtig: mit “Applaus… Applaus!” meinen wir nicht, und nicht in erster Linie, nur die tosende Verdankung am Schluss einer Vorstellung. Auch! Aber nicht nur! Das Bild auf der Frontseite zeigt uns ein Beispiel: Die positive Aufmerksamkeit als Ausdruck der Anerkennung, eine Fülle von stillem Applaus. Die grosse-kleine private und intime Anerkennung für eine erreichte Einsicht dem kleinen-grossen tobenden Applaus der Massen gegenübergestellt. In der kleinen Dimension liegt der persönliche Schritt, in der grossen liegt die Akzeptanz der Masse. Im Theater müssen wir die Balance zwischen diesen zweien halten können, programmatisch fokussieren wir dabei aber engagiert das Individuum.

Die laute Stille oder das lebendige Schweigen wenn die Faszination sich während einer Einsicht äussert, die innere, leichte Bejahung, die Verwunderung im intimsten Aha-Effekt, die allseits beglückende Zustimmung beim unmittelbaren, lebendigen Erlebnis, beim süchtig machenden Glücksmoment der Identifikation: Das ist richtig, das ist gut, das tut mir in diesem Moment richtig gut… Applaus, Applaus!

Da brandet Energie in unermesslicher Fülle oder sie bereitet sich noch zaghaft vor als stilles Nicken aus einer Vorahnung von Richtigkeit: Gut gesagt, schön gestanden, beglückender Klang, erbauender Widerhaken, wohltuende Dissonanz, positive Irritation, wunderbare Komplexität, einzigartiger Zu-Fall…

Wahrnehmen und weitergegeben vor allem mit Vorleben, mit gemeinsamem Nachempfinden (auf der nächsten Doppelseite zum Beispiel zwischen Grossmutter und Enkelin?), weitergeben… und es geht weiter!

“Applaus… Applaus!”

… Willkommen, bienvenue, benvenuti, welcome und bainvegnits!

Für das Theater Winterthur

 

G

Gian Gianotti
Künstlerischer Leiter

9. Mai 2005

(Die Glücksempfindung “Applaus, Applaus …” sei Ihnen oft bei uns gegönnt auch in der Nach-Jubiläums-Spielzeit 2005/2006, die 26. in diesem Haus und zum 5. Mal unter dieser Leitung.)

 

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Und so weiter … die Frage nach der  Konzept- und Planungsbegründung  wurde gestellt, sei immer wieder gestellt gewesen … :

Wie geht Theater? wie geht Planung? wie geht Gestaltung?

 

Wie geht Kultur?

und zusammengefasst:


Wie denkt man Zukunft …
Wie stellt man sich – der Zeit?

 

Darauf versuche ich in der
RÜCKSCHAU
weiter einzugehen