Eine Rückschau

 


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Die vierte Wand ist heute ein Spiegel, ein halb-blinder, Klang und Einsichten durchlassender.
Davor entsteht ein Gespräch mit der Erinnerung.
Eine Wiederbegegnung mit dem Leben. Was war da? Was kam dann? Und wie …

Ich nähere mich dem Spiegel, alles darin ist Vergangenheit. Auch die Zukunft.
Das Dazwischenliegende lebe ich.
Noch, und wieder und wieder …

Theater eben.

 

Anker

Ansichten eines Autodidakten

Ein Annäherungsversuch als Orientierung.

 

Index:
1   Ich gehe in die Rückschau, Eine Suche
2   Berufswahl, Erste Jahre
3   Ein Fenster zum Theater, Eine Einladung. Eine Verführung
4   Vorsehen, Ahnen, Zukunft denken
5   Der achte Tag der Freude

6   Kultur-Oekologie als Lebensform
7   Die Provokation als Haltung? 
8   Die Nähe der fernen Kulturen
9   Generationen folgen prägen öffnen
10   Räume, Farben
11   … und noch ein Wort
12   Gedanken, Gedenken, Nachrufe

 

 

Eine Probesituation als Klangsuche.
Klang als Ahnung und Erinnerung,
als Vermutung.

Die Behauptung ist die Testphase der Befragung.

Ich will nur verstehen, was es braucht, um das Nächste zuzulassen.
Das nahe-liegend Nächste,
das gedanklich Nächste, jeweils darauf Folgende.
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Ich    bin der Spiegel
I c h  treffe auf meinen Inhalt
I c h  bin Bild und Inhalt

Wie war das?
woher kam es,
und wo wollte das hin?

Ein Gespräch entsteht, wenn man es begrüsst.
ein Gespräch … als Welt-Klang-Bild-Bezugs/Be-zieh-ung-s-Spie-gel
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Ein Nachklang …

Was fehlt, wenn nichts mehr kommt …?
Ab wann reden andere …? Ab wann kann man sich eigenes Schweigen leisten …?
Und was heisst Schweigen, wenn der Rest bereits Schweigen ist …?

 

50 Jahre Theater, fast ein Leben …  und?

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>>>  Für Fragen, Kommentare, Bemerkungen

Anker

1    Ich gehe in die Rückschau, Eine Suche

 

Es begann nicht hier. Hier wurde das Suchen nur theatralsich definiert, weiter gegeben, gelebt:

Sommer 69, Perugia, Piazza San Matteo, nachmittags,  eine Wandertruppe:

Ein Vater, einige Kinder … Hunger herrscht.
Ein mittleres Kind sieht, seit langem, eine Fliege, auf der Tischplatte … eine! Fliege!
Nur das ‘Kind’ sieht sie … die anderen sind mit dem Leben beschäftigt, um nicht an den Hunger zu denken.
Hunger ist das Thema, sie palavern, scherzen, singen, hoffen und träumen – um nicht da-ran-zu-den-ken …

Bis alle nur die Eine Fliege sehen: … Ein Tisch! … Eine Fliege!

Eine gesetzte Unendlichkeit später … Geht Die Fliege, Der Hinteren Langen Tischkante Ent-Lang …
und alle sehen … wie die Fliege … da, dort! dort … gerade eben … war die noch da! – und schauen sich an: da, da und da war sie, eben noch.

Kurze aktive Blickfolgen, Neugierde steigernd – bis sich die Arme und Schultern, die Blicke enttäuscht senken …

 

Da habe ich verstanden was ein Lazzo ist. Die kurze ‘geistige, spielerische Ausschweifung’ … ‘das Spielen damit’
gibt zum Beispiel ‘Arlecchino’ die Möglichkeit, seinem Hunger und seiner Enttäuschung ob der entgangenen Mahlzeit Ausdruck zu verleihen. Die Szene könnte ausgeweitet werden … mit dem Fangen der Fliege könnte er seinen Erfolg geniessen, was dann auch seinen Hunger stillen würde … und er eine lebende Fliege im leeren Bauch hätte … usw.

 

>>>  Exkurs ins Begriffliche  Lazzo, Motto, das Spiel mit der Kommunikation

 

War ich da noch Schüler? oder bereits Autodidakt in der “Commedia dell’Arte”?

Jedenfalls sagte dann   >>> “Giorgio Strehler” fast 5 Jahre später: Magie!  “la magia del Teatro”, “la ricchezza della semplicità” …

… in dem Moment ging es organisatorisch um den Pfiff der Lokomotive einer Spielzeug-Eisenbahn, die der Bühnenkante entlang fahren sollte … zwischen den “Riesen vom Berge” und dem Publikum … rhythmisch ging es um die Breite und Spannung der Szene: “perdendosi accellerando …” – “il carattere della magia siete voi che lo dovete creare: solisti – coristi”

 

Die Szene:

Im Hintergrund geht gitarrespielend Epichodov über die Bühne.

L . . . . nachdenklich Da geht Epichodov …
A . . . . nachdenklich Da geht Epichodov …
G . . . . Die Sonne ist untergegangen, meine Herrschaften.
T . . . . Ja.
G . . . . nicht laut, als deklamierte er O Natur, du wunderbare, du strahlst in ewigem Glanze, du herrliche und gleichgültige, du, die wir Mutter nennen, vereinigst in dir Leben und Tod, du gebierst und zerstörst …
V . . . . flehend Onkelchen!
A . . . . Onkel, schon wieder!
T . . . . Sie sollten lieber den Gelben mit Doublette in die Mitte.
G . . . . Ich schweige, ich schweige.

… ein entfernter Ton, wie vom Himmel, der Ton einer gesprungenen Saite, ersterbend, traurig.” (Übersetzung Peter Urban)

 

 

Magie. Ja, die Magie … der Äusserung, des Seins, des Werdens und des Vergehens … Diee Magie der Ausschweifung und des spielerischen Denkens.

Wie war das? Wann, und wie hat dieses Interesse … angefangen?

Vor allem der Beginn einer Idee, die Situation eines Einstiegs, der Zufall (und was ist schon Zufall) einer neuen Ahnung … für Neues? was dem Davor hätte folgen können? Oder ganz einfach nach “etwas” … was aus mir? oder aus meiner Welt? werden könnte – im Alter von … 5? … 10? … früher? später? … wieder und wieder.

Man könnte die Götter (durchaus auch mehrere davon) heranziehen und sie dann befragen: “wie kam es, dass es dann so kam …”, “wie kam einer von Euch … wie? wann?” dass aus einer Sehnsucht? ein Projekt? eine Ahnung? eine Existenz? … ein Sein wurde? Welche Erfolge waren nötig, welche Enttäuschungen ver-Kraft-bar … oder … gar: Kraft-bringend?

 

Die vierte Wand ist heute ein Spiegel, ein halb-blinder, Klang- und Einsichten-durchlässiger. Daraus entsteht ein Gespräch mit gesetztem Wort aus der Erinnerung, Dokumentation oder Annahme. Es ist eine Darstellung, kein Theater, keine Theatralisierung. Es ist meine Wiederbegegnung mit meinem Leben. Was war da, was kam dann, und wie …

Annäherungsversuch als Orientierung. Eine Befragung, den Erinnerungen und Akten entlang, um die Ideen wieder zu finden. Dem/den Gedanken nach. Und was wäre gewesen, wenn …

 

Mein Leben war das Theater – und vom ganzen Theater war es mein Leben – befragt, berücksichtigt, bedacht werden die gut dreitausend Jahre, die dieses ’nachgriechische’ Arbeitsgebiet definieren. Oder erst möglich machen. Dreitausend Jahre, 120 Generationen … mit vielen Tausenden davor mit Hoffnungen und Einsichten. Eine ‘Kleinigkeit’, die man als ‘das Leben nach der griechischen Hochkultur’ definiert. Eine Folge von 120 Ahnen – das sind zehn 12-er Reihen – das sollte doch fast überblickbar sein …

Eine Probesituation als Klangsuche. Klang als Ahnung und Erinnerung, als Vermutung. Die Behauptung ist die Testphase der Befragung und die Skizze der Zukunft … Der Schauspieler könnte jetzt zwei Knöpfe öffnen und die Wirkung beobachten – aber ich bin kein Schauspieler, ich will kein Schauspieler sein – ich will nur verstehen, was es braucht, um das Nächste zuzulassen – zurückschauend, also rückwirkend ‘was war, und wie kam es’ und vorwärtsgerichtet ‘was könnte dann … folgen’. Das Nächste wovon …? Das nächstliegendste Nächste, das nächst-gedankliche darauf Folgende. In nur 60 der letzten 120 Generationen haben wir, was wir sind, erreicht … und weitestgehendst auch wieder zerstört … um Weiteres zu erreichen …?

 

In der Übung betrachte ich mich, nicht als Bestandteil des Spiegel-Bildes. Ich bin der Spiegel selber, ich treffe auf meinen Inhalt, auf mein eigenes Bild, und bin bereit, es zu befragen.

Dies ist eine Sammlung von Aussagen, Begegnungen. Einsichten …? auf der Suche nach dem Klang der Existenz.
Ein Leben, drei Generationen von 60? von 120? …
Ach … “… wie weit treibt mich noch der Geist vom Leben weg?” (aus   >>>  TemPest  2010) … zum Leben hin?

 

Ein Gespräch entsteht, wenn man es begrüsst.

 

Zuerst: eine Ordnungsmache

Sollen Gedanken zum Leben ausformuliert werden? Zwischendurch, davor, danach … und wie weiss man, dass sie dann zwischendurch, davor oder danach wirklich auch Gedanken sind, mit Relevanz zum Leben, das dann bereits war, oder noch werden kann? Und was ist Vergangenheit im Leben, wenn sie noch präsent ist und einwirkt ins Sein? Und Zukunft, wenn sie bereits Teil ist vom Jetzt? – ist sie bereits Zukunft oder noch Gegenwart? – und wie viel Zukunft muss in der Gegenwart stecken, damit sie noch als Leben wahrgenommen werden kann (und nicht als tot vor dem Tod)?

Ich sondiere aus dem Jetzt: in die noch gegenwärtige Vergangenheit … “was hingewirkt hat auf … / es dahin gebracht …” und in die noch gestaltbare Zukunft – “Der Rest ist Schweigen” sagt Hamlet/Shakespeare/Günther/Schlegel vom Tod, ‘alles und doch nichts’ – also lassen wir das auch so sein, und bescheiden uns im noch lebendigen Gedanken.

 

Wenn schon Theater – was war wichtig in der Reihe der Ereignisse? (für andere Berufsrichtungen wäre es dasselbe gewesen):

  • Etwas sagen: Etwas sagen wollen. Etwas zu sagen haben, es sagen können, sagen dürfen – sich Gehör verschaffen
  • Etwas tun: Die Entscheidung der Mittel, dann damit das Wesentliche suchen, das Nötige finden, die Form geben – was macht mich aus
  • Etwas sein: Die Definition vom Sein, die Verbindung der Möglichkeiten – das weitere Leben ermöglichen
  • Die Bescheidenheit behalten in der Extravaganz der Möglichkeiten
  • Die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden, Lebensansichten, Utopien, Erfahrungen
  • Die Unterstützungen, das schlussendliche Verständnis – oder sogar Würdigung – zur Wahrung der Energie
  • Die Einsicht, dass jede Zeitspanne, die man beeinflussen kann vergänglich ist
  • dass man alleine nicht alles wahrnehmen kann, und was alle angeht, auch von allen gestaltet werden soll
  • dass Wege auch Umwege sein können, Chancen, Sachzwänge, Verführungen, und
  • dass Begegnungen, Erfahrungen, Wünsche und Befürchtungen auch Richtungen und Inhalte mit-definieren
  • Was bleibt wichtig und wie zeigt sich das? Für wen? Für wann?

 

Eine Ordnungs-mache zum Doppelspiel:
Ich will selber der Befrager in meinem Gespräch sein.
Ich bin Mein Gespräch. Meine Zeit Will Ich Denken.

 

“An-denken gegen mein Vergessen …” sagt   >>>  KASSANDRA  (nach Christa Wolf) … “das ist mein Los …”


Für die Proben stellte ich einzelne Punkte und Dimensionen der Konfrontation zusammen, die irgendwie für die Inszenierung aller drei Fassungen nach und nach ergänzt und bedacht werden sollten … Haltungen, Fähigkeiten, Orientierungen … im Angesicht des eigenen Sterbens: ‘Wie gehe ich mit meiner Zeit um, mit meiner Situation, mit meinem Wissen, Anliegen … Sterben.’ Das waren die Fragen zur Situation. Die Spiel-Haltungen zum Thema.

 

Kassandra, im Angesicht des Todes: Was, womit, wie, wofür, wohin –  INSZENIERUNGS– / ORIENTIERUNGS–THEMEN:

 

1.  DIE  POSITION

Sensibilität, die mögliche Veränderung wahrnehmen, vorwegnehmen
“Der Ton der Verkündigung ist dahin”
Lebenseinstellung
Begrüssung des Raumes, der Umgebung
Das neue, das letzte Land
Die neuen, die letzten Menschen
Die Räume
Die Räume im Raum
Innenräume, Aussenräume
Die Richtungen
Der Tod Als Das Letzte Neue

 

2.  DIE  UMFASSENDE  WAHRNEHMUNG

Erinnerungen
Aus sich – zu sich
Einstieg ins Leben
Ausstieg aus dem Leben
Ordnen, Einordnen, Sortieren
Vorbereitung für die neue, letzte Verabschiedung

 

3.  DIE  UMFASSENDE  VERABSCHIEDUNG,  die Loslösung von:

Formen
Redewendungen
Stimmlagen
Bewegungen
Behauptungen, Selbstbehauptungen
Positionen, Strukturen
Beziehungs-Haltungen
Eindrücken
Sichtweisen alter und neuer Bilder
Verhaltensformen
Einsichten

 

4.  DIE  VERABSCHIEDUNG  VON  SÄMTLICHEN  SINNEN

Gesicht
Gehör
Geruch
Geschmack
Gefühl

… (dazu nach Čechov: die 95 weiteren)

Assoziationen
Erinnerungen
Erfahrungen
Vermutungen
Kombination
Wissen
Intuition
Leitfähigkeit
Musikalität
Telepathie
Sensibilität
usw.

 

5.  EMOTIONEN  (nach Carroll Ellis Izard, Human Emotions)

Angst, Furcht, Schrecken
Wut, Zorn, Ärger
Aggression
Ekel, Abscheu
Scham, Demütigung
Trauer, Melancholie, Unbehagen, Depressivität
Leid, Mitleid
Freude, Vergnügen, Anerkennung
Glück
Liebe
Eifersucht
Interesse, Erregung
Erwartung
Überraschung, Erschrecken
Lust, Unlust
Verachtung, Spott
Stress
Elend, Schmerz
Schuld

 

6.  INTELLIGENZFORMEN

Sprachliche Intelligenz (verstehen, verbalisieren)
Analytische (Erkennen, Selbstkritik)
Logistisch-mathematische (Gesetzmässigkeiten)
Musikalische (Rhythmik, Harmonie, Schwingungsgefühl)
Zwischenmenschliche (persönliche Beziehungsfähigkeit)
Räumliche (Orientierung, Überblick)
Körperliche (Beweglichkeit)

 

7.  KÖRPERLICHE  WAHRNEHMUNGSFÄHIGKEITEN

Augen
Sehen nach aussen
Sehen nach innen
Nächste Bewegungen und Aktionen
auch nur in der Idee zur Vorbereitung derselben sehen

Ohren
Hören nach aussen
Hören nach innen
Hörerlebnisse auswerten, abschätzen

Hände
schützen
halten
anhalten
anspornen
testen
berühren
Ein-Ausströmen von Kraft
Wärmeaufnahme, -abgabe
Aussagen symbolisieren
Aussagen, Gedanken kommentieren

Füsse
Bodenhaftung, Schritt denken, fürchten, wagen
Schritt zurücknehmen, Gewicht testen
Gleichgewicht ausloten, Grenzen, Realität abgehen
Die “neue Welt” kennen lernen, Boden, Raum, Materialien und Funktionalitäten erkennen, erahnen
Wahrnehmung über weitere Körperteile je nach Kostümierung (?)
Menschen, Tiere, Menschen, Orte, Räume, Tiere, Menschen

Geist
Wissen
Vermutung
Erinnerung
Ahnung
Furcht
Hemmung
Mut
Taktik

 

8.  LETZTE  KULT-BESCHÄFTIGUNGEN  IM ANBLICK  DES  EIGENEN  TODES

Opferung
Gedanken
Handgriffe
Ordnung machen oder sein lassen
Ahnungen
Vermutungen
Behauptungen
Zukunft
Blicke
Wahrnehmungen
Einsichten
Ängste
Traditionen

Aktionen als Symbol-Tat
Beobachtungen
Opferungen
Einhüllungen, Ausbreitungen
Klang als Zeichen
Begegnungen und Stimmungen … ermöglichen, zulassen und abschliessen

Aktionen
Opferung
Ölung
Grenzen wahrnehmen, verdrängen, annehmen
Säuberung
Waschung
Haare kämmen
Kostüm ordnen
Schuhe ausziehen

Wahrnehmung von Licht, Wärme, Schatten, Kälte
Tun als Symbol
Aufsparen der Tat für den richtigen Moment, für noch etwas später

… und sämtliche Widersprüche dazu, wie:

Bereit sein, den Baum endlich zu pflanzen oder als Pendenz sein zu lassen und zu verabschieden
Gefühle, Stimmungen aufkommen lassen, darauf eingehen, wahrnehmen, verabschieden
Neue Gedanken Und Erinnerungen Wagen und verabschieden
Bewegungen trotzen und verabschieden

Sand-Erde, Korn, Wasser, Pflanze, Mensch, Himmel … Bewegung, Klang, Stimmung wahrnehmen, erkennen, verabschieden

 

Gian Gianotti, April 1995 und später

 

 

Das wären Stimmungen … ein Ablauf-Programm als Orientierung …
zu befolgen? für mein Leben? auch für mein Spiel? … jetzt? … und dann?

… mit welchen Eigenschaften ausgestattet will, kann ich mich meinem Leben stellen? (vor meinem Tor der Löwen von Mykene).

 

 

 

Schnitt!  Reden wir über Calderon  … wenn schon ‘Ordnungsmache’:  EINER  HAT  GEPLANT !

 

>>>  DAS  GROSSE  WELTTHEATER
S
tadttheater Luzern, Spielzeit 1987/88 die Produktion zur Eröffnung der Osterfestspiele der Internationalen Musikfestwochen, IMF 1988. Der Intendant Horst Statkus hat mich (!) mit dieser Inszenierung “beglückt? beauftragt?” oder ganz einfach: hat mir dieses Stück vorgeschlagen. Mir: der protestantische „Calvinist“, der aus der Kirche ausgetreten war, um dem Gedanken (auch des Glaubens) ohne Tabus, umfassender nachgehen zu können, der bereits damals von der Poesie der Reduktion, der Minimal Art fasziniert war … Ich war herausgefordert, den Worten der ‘comedia divina de los autos sacramentales’ Form, Inhalt und Klang zu geben. Mehr Herausforderung (denke ich jetzt, über dreissig Jahre später) war damals inhaltlich-theatralisch für mich gar nicht möglich, und schon gar nicht in meiner bereits damals sehr psychoanalytischen Annäherungsweise an die Inhalte und Figuren, den Text voll akzeptierend als die alleingültige Basis der Arbeit. Ich empfand es so: “Das biete ich an, lass mal sehen was Du daraus machst!” also: Mach mal!

Nach einer Text-Erarbeitungsphase, eine rigorose Strichfassung, die dem Inhalt aber ganz entsprach und alles weitere offen liess, folgten erste bühnentechnische Vorproben und 8 für mich anspruchsvolle Probewochen mit dem ersten Ensemble einer neuen und doppelten Übergangsdirektion von Basel und Luzern … kein leichtes Unterfangen – aber warum sollte es auch leicht gehen? Das war die Situation.

 

Meine Ordnungsmache: Während der Inszenierung ‘befragte’ mich der Chefdramaturg Toni J. Krein für das monatliche Magazin SL nach dem Schema von

“Der FRAGEBOGEN” (den der Schriftsteller Marcel Proust in seinem Leben gleich zweimal ausfüllte, war in den Salons der Vergangenheit ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Wir spielen es weiter: heitere und heikle Fragen als Herausforderung an Geist und Witz …), das war der Einstieg, also “darf ich? bereit?”

 

WAS  IST  FÜR  SIE  DAS  GRÖSSTE  UNGLÜCK ?
Von einer mir wichtigen Person ignoriert zu werden.

WO  MÖCHTEN  SIE  LEBEN ?
Wo ich gewünscht und gebraucht werde.

WAS  IST FÜR  SIE  DAS  VOLLKOMMENE  IRDISCHE  GLÜCK ?
Runde Zufriedenheit.

WELCHE  FEHLER  ENTSCHULDIGEN  SIE  AM  EHESTEN ?
Die begangenen und als solche eingesehenen.

IHRE  LIEBSTEN  ROMANHELDINNEN ?
Die dagegen und trotzdem da sind.

IHRE LIEBLINGSHELDINNEN  IN  DER  WIRKLICHKEIT ?
Bea und Aurelia.

IHRE  LIEBLINGSHELDEN  IN  DER  DICHTUNG ?
Iphigenie, Antigone / Faust, Galilei.

IHRE  LIEBLINGSMALER ?
Die Natur, die Zeit.

IHR  LIEBLINGSKOMPONIST ?
Der Wind, die Temperatur.

WELCHE  EIGENSCHAFTEN  SCHÄTZEN SIE  BEI  EINEM  MANN ?
Respekt- und Liebenswürdigkeit.

WELCHE  EIGENSCHAFTEN  SCHÄTZEN  SIE  BEI  EINER  FRAU ?
Liebes- und Respektwürdigkeit.

IHRE  LIEBLINGSTUGEND ?
Sein können.

IHRE  LIEBLINGSBESCHÄFTIGUNG ?
Sein.

WER  ODER  WAS  HÄTTEN  SIE  SEIN  MÖGEN ?
Ich selbst.

IHR  HAUPTCHARAKTERZUG ?
So und auch anders.

WAS  SCHÄTZEN  SIE  BEI  IHREN  FREUNDEN  AM  MEISTEN ?
Ehrliche Freundschaft.

IHR  GRÖSSTER  FEHLER ?
Immer wieder Ganzheit.

IHRE  LIEBLINGSFARBE ?
Die dazu passende.

IHRE  LIEBLINGSBLUME ?
Die die blühen darf (und will).

IHR  LIEBLINGSSCHRIFTSTELLER / -DRAMATIKER ?
Handke.

IHR  LIEBLINGSLYRIKER ?
Dante, Tarkowskij, Mahler.

WAS  VERABSCHEUEN  SIE  AM  MEISTEN ?
Kompensation und Lüge.

WELCHE  NATÜRLICHEN  GABEN  MÖCHTEN  SIE  BESITZEN ?
Natürlichkeit.

IHRE  GEGENWÄRTIGE  GEISTESVERFASSUNG ?
Suchend.

IHR  MOTTO ?
Immer wieder ganz, trotzdem.

 

Das war 1988, ein Standort-Fragebogen – in der Zeit einer Arbeit am katholischsten Inhalt des Theaters: eine ‘Mission Calderon’ … für mich, der sich damit dem Publikum der Osterfestspiele! in Luzern! In der Nähe von Einsiedeln! stellt! … eine sehr komplexe Herausforderung. Also: „Spiel das Spiel“ – „Spiele Dein Spiel!“ Heute, 2020 würde die Befragung anders ausfallen, womöglich. Soll ich die Fragen und Antworten vergessen wollen und neu beantworten? Vielleicht später, in den nächsten Jahren, wenn sie nicht mehr präsent sind – also kopiere ich jetzt den Fragebogen, lösche die Antworten und verschiebe den Fragebogen in den Ordner ‘Pendenzen’.

 

Für das Jubiläum 150-Jahre-Stadttheater Luzern bat mich Heinz Stierli, Redaktor des WOCHENEND JOURNAL vom VATERLAND, um “einen kurzen, ganz persönlichen Beitrag” über meine Arbeit und Erfahrungen am Luzerner Theater … Daraus wurden diese ERINNERUNGEN AN LUZERN, zu   >>>  IPHIGENIE 86 und zu   >>>  DAS GROSSE WELTTHEATER 88 erschienen am Samstag 4. November 1989, Seite 4:

 

WORT  UND  TAT

In Erinnerungsstimmungen über das Stadttheater Luzern versuche ich mich zurechtzufinden: zwischen dem “Iphigenie”– und dem “Welttheater”– Gespräch. Beide waren möglich im Haus und mit dem Haus, das jetzt seine Entstehung feiert – und das Gespräch ist noch nicht abgeschlossen, es liegt noch mehr drin. Und das ist wohl das Wichtigste.

Allmählich fühlt sich “Iphigenie” in ihrer Vergangenheit zurecht, sie kann sie vermuten (es “entnebeln” sich ihre Gedanken), sie wird darauf gestossen, wird brutal damit aufgeschreckt – damit sie ihre Gesprächsfähigkeit in der Koexistenz entwickeln kann. Weit, bis hin zur Lebensfähigkeit entwickeln kann. Sie wird das “Woher”, das “Was” und das “Wohin” angehen und formulieren, den Partner überzeugen, den nächsten “machbaren” Schritt vorbereiten und dann tun (können und dürfen) – das alles war Teil der  “Iphigenie”, war Teil der Konfrontation mit diesem Inhalt, in diesem Haus. Das Gespräch in Weiss bleibt mir in Erinnerung. Markant und nötig.

Und dann das andere, jenes in Blau vielleicht, jenes um End-Dinge, das Gespräch um Geist und Materie … Ein langer Versuch, ein langes Abtasten und dann Abnabeln … Ein Gespräch um die Ästhetik des Seins. Mit dem grossen Religionskomplex einer Glaubenskultur “à la Gegenreformation”: Ein womöglich verstandenes Kind, nach einer eher schwierigen Geburt eines falschliegenden Fötus … das war “Das grosse Welttheater”. Ein Spiel in einer sehr anspruchsvollen Ausstattung für das Personal, das sich hier meisterlich und mit Liebe für die Musikalität einer Bewegung und Form eingesetzt hat.

Das „Haus“, in dem das Suchen, Sein und Reden möglich war, das “Haus” als Möglichkeit und Angebot, als Ort der Konkretisierung und der Darstellung von Gedanken, das “Haus” als Schutzraum für die Entstehung neuer Einsichten und Äusserungsformen – das Theaterhaus in Luzern wird gefeiert, wie mit jeder Premiere: erneut und wieder, mit Wort und Tat. Ein Fest!

Allen Ermöglichern einen Dank, und allen Machern einen Gruss!

 

 

Erst 2015 habe ich mich wieder mit einer derart religiösen Aussage und Haltung beschäftigt. Die Zeit war anders, die Komplexität und Herausforderung selbstgewählt: Bei der   >>>  CAVALLERIA  RUSTICANA  konnte ich Nayden Todorov überzeugen, Rossinis   >>>  STABAT  MATER  gegenüber zu stellen. Die Zeit, der Ort und das Thema spielten mit an ihrem jeweiligen Spiel – ein Leben, ein Theater, eine Lebensform und fast ein Theaterleben später … wiederum: „Spiele Deine Rolle“. “Definiere Deine Möglichkeiten”.

 

Eine Verneigung vor Max Frisch (FRAGEBOGEN) und Peter Handke (DAS SPIEL VOM FRAGEN):
SIND  SIE  SICHER,  DASS  SIE  DIE  ERHALTUNG  DES  MENSCHENGESCHLECHTS,  WENN  SIE  UND  IHRE  BEKANNTEN  NICHT  MEHR  SIND,  WIRKLICH  INTERESSIERT ? (Frisch, Fragebogen I-1)

Und weitere … noch (?)
… Regeln, Gesetze, Gebote, Aussagen, Richtlinien, Ordnungs-Anweisungen, Erwartungen … Konfrontationen: “… wie verhalten Sie sich da-zu?”

 

Schnitt !
und …

 

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Anker

2    Berufswahl, Erste Jahre

 

Zurück zur Berufswahl, während und direkt nach dem Lehrerseminar in Chur: “was soll, was darf … und was muss sein?”

Malerei? … oder doch Musik? Schulamt und Familie im Bergell? Ich entschied mich für Theater. Und in dieser Richtung für ein Sprachstudium Richtung Theater, Theaterwissenschaft? also Germanistik – Sprache und Analytik, Psycho-Analytik? Einige Semester zur vertieften Orientierung … Die beiläufige Frage einer Kommilitonin in den ersten Tagen oder Wochen “ist diese Lektüre prüfungsrelevant?”, gestellt als sei sie die natürlichste Frage der Welt erstaunte mich. Was heisst das? Ein Studium, eine Orientierung, eine Entdeckung vor Augen und der “optimierten” Mittellinie folgen? Da waren mir Czerny-Übungen eine freiere Vorlage … ein Buch lesen, weil prüfungsrelevant? Kann man “abschlussorientiert” das Leben angehen? verstehen  wollen? In meinen Interessen wollte ich sondieren, wühlen, mindestens grenzenlos angehen: Geschichte? Philosophie? (mit einem kurzen Gastspiel in der “Phänomenologie des Geistes”, wenn schon …) – Sprache? Welche? Was ist Presse als Studium? Kombinationen mussten es sein, auf der Grenze zwischen Recht und Medizin besuchte ich drei ‘Vor-Stellungen’ der Gerichts-Medizin bis ich mich (mit anderen!) Richtung Toilette retten musste. Das rettete mich zurück in die psychologische Welt der Kommunikation, der Analyse, der Beobachtung, der Gestaltung der Wirkung und der Folgen – also: des Theaters. Mit Musik? Mit Ausstattung? Als ‘Sein In Um-Gebung’, als Teil des Ganzen, mit allen möglichen Mitteln.

Gründe? Was mich daran faszinierte? – die Arbeit daran, die Öffentlichkeit dadurch, einige Erfolge damit – bereits aus den ersten Lebensjahren: spielen, einrichten, beobachten, erzählen, zuhören, verstehen. Lernen lernen. Menschen spielen, Geschichten, Bilder umsetzen, und daraus wieder lernen – ein Werde-Gang.

Daneben Theaterluft aufnehmen im Schauspielhaus. Diverse Aufführungsbesuche bereits ab 1968 von Chur aus, so auch die Inszenierungen von Peter Stein “Early Morning”, “Kikeriki”, “Changeling”, später dann 1971 in Zürich das Gastspiel von “Peer Gynt” aus Berlin, zum ersten Mal aus nächster Nähe in der Gessnerallee, dann Horst Zankl am Neumarkt mit dem “Ritt über den Bodensee”, “Die Unbekannte aus der Seine”, die Beschäftigung mit Horváth, das Bread and Puppet/Living Theatre aus New York im Theater 11, das Opernhaus, das Ballett, das Theater Basel … Sbigniew Stok suchte einen ‘Mitarbeiter für alles’ im Kellertheater am Hirschengraben Zürich … also Bertolt Brecht, “Was kostet das Eisen?” und ‘was kostet das Leben …’

Da war die Richtung bereits sehr genau abgesteckt – und der Weg dahin?

Eine Ausbildungsmöglichkeit Richtung Theaterregie war 1972 in der Zürcher Schauspielakademie “im Gespräch”, aber noch lange keine Tatsache: Ein Einstieg in den ersten Ausbildungsgang wäre möglich gewesen, die Bedingungen dazu wurden mir von Felix Rellstab persönlich “schmackhaft” gemacht: ich sollte mich für drei Jahre, für einen Lehrgang in einer angedachten Ausrichtung, bei ihm in der Schauspiel-Akademie verpflichten, im ersten Jahr den Vorkurs Schauspiel absolvieren, dann so etwas wie eine Regie-Assistenz übernehmen … Bedingung: mit der UNI aufhören, das Kammertheater und auch weitere Pläne (er sagte: “Träume”) mit anderen Theatern aufgeben … und ich solle mich möglichst bald entscheiden. Ich entschied mich: Nein! Das war alles keine Option.

Also doch lieber weiter so, wie “man früher lernen konnte”, wie das Lernen von “Vorbildern” möglich war. Sagte man dem schon damals “Autodidaktik”? Oder einfach “Lernen”? Sehen, versuchen, ausprobieren, lernen, weitersehen. Theater/Spiel/Spielen: hatte mich schon immer fasziniert. Dazu vielleicht ein Beitrag zur Kindheit im Bergell und Engadin?  >>>  Vorinformationen.  Dann in der Mittelschule im Studenten- und Laientheater mitgespielt, auch versucht eigenes zu “organisieren”, und einiges im Theater gesehen … Dann Anfragen und Bewerbungen um Regieassistenzen bei Theatern platziert, Absagen erhalten … bis Manfred Wekwerth vom Berliner Ensemble eine Inszenierung von “Jegor Bulytschow” am Schauspielhaus plante, also ‘Bertolt Brecht’, das wäre attraktiv … bis zur Entscheidung von Harry Buckwitz: “Der Mann kommt mir nicht ins Haus!” – ohne mich je gesehen zu haben – also doch: Ernst Cincera! Zürich! … alles klar! Und Nein! Auf nach Berlin! zu Peter Stein! (“Assistenz nein, Hospitanz ja”) das war klar! … Lernen beim Sehen, Sehen beim Lesen, Bibliothek und Proben. Vorstellungen und Proben. Wie macht man das – Wie Machen Die Das? Was machen sie … dass dann ‘diese Magie’, diese Konzentration alles beherrscht?  WAS  IST, UND  WIE  GEHT:  THEATER ?  Peter Stein, Klaus Michel Grüber und das ‘ANTIKENPROJEKT’ ÜBUNGEN FÜR SCHAUSPIELER / DIE BAKCHEN … Das interessierte mich ganz grundsätzlich, insbesondere nach einer ersten eigenen Fassung mit drei Aufführungen einer  >>>  SCENA RITMICA PER SES ACTUORS 73, einer ‘Rhythmischen Szene für sechs Schauspieler’ mit Freunden und Studenten im Engadin, einer Vorarbeit zu  >>>  SZENEN  FÜR  SECHS  SCHAUSPIELER 74, ein Jahr später dann, nach dem halben Jahr in Berlin und die zwei Monate in Mailand, als erste Eigenproduktion in der Klibühni in Chur.

Also: Berlin! Eintauchen! Sechs Monate Hospitanz – Proben. Sehen, Lesen. Proben: Meine Heimat waren die zwei Probebühnen der Schaubühne am Funkturm und in der Cuvrystrasse, die Amerikanische Gedenkbibliothek, gleich um die Ecke wo ich wohnte, für die Musik und für die Notenabteilung und hinter dem Theater am Halleschan Ufer die Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz an der Potsdamer Strasse für die weiten Räume der Freihandbibliothek für die Literatur, das Theater, die Geschichte, die Politik und dann, für einige Luxusmomente: die Kunsthalle gleich daneben und günstigere Plätze in der Philharmonie: eine kleine grosse Welt!

Und wie macht es Peter Zadek? und Besuch in Bochum. Und Peter Palitzsch? und Besuch in Frankfurt, auf der Rückreise in die Schweiz … und Italien? … cosa fa l’Italia? Auf die Bewerbung kam die Antwort: “vieni se passi” (“schau vorbei wenn Du da bist”) und daraus wurde die Assistenz bei Giorgio Strehler, GIARDINO DEI CILIEGI am Piccolo Teatro di Milano … dann neben ersten eigenen Theaterversuchen, Schul-Stellvertretungen, um mich über Wasser zu halten, oft mit kleinen szenischen Aufführungen … noch eine Assistenz im Opernhaus bei Imo Moszkowicz bei der “Zauberflöte” … und weiter am Aufbau der Klibühni in Chur. Erste Erfolge sogar Kritiken, und weiter Richtung ‘Konzentration’ im Schauspiel, “Der Leere Raum”, Peter Brook! Also auf nach Paris, Les Yks zuerst – wo denn sonst? Und wieder selber machen … wie geht Lernen? “Wie geht Auto-Didaktik”? Verstehen wollen, selber machen wollen … weiter versuchen – auch scheitern, was soll’s – “wieder versuchen … besser scheitern” sagte Beckett. Also warum noch warten? auf …? … Godot?

Die Welt schien offen zu stehen, sogar der Kanton Graubünden – kleiner Anfang – dann grösser und noch grösser …   >>>  GÖ  DA  CUMÜN 76, Lia Rumantscha 77-85,   >>>  LA  STRIA 79,   >>>  IL  PITSCHEN  PRINZI 79, …   >>>  DER  VEREIN  FREILICHTSPIELE  CHUR 81-84, 86-91  … Schauspiel und dann Oper … wieder Musik …? … wieder Magie … und … ‘Siebenmeilenstiefel’.

 

Nach 10 Jahren stehen mehrere Theater offen, Staatstheater, städtische und private, verwendbare Strukturen … Stuttgart:   >>>  PERIKLES 81,   >>>  CAMPIELLO 81, wiederum Stuttgart und   >>>  MUTTER  COURAGE 83, … dazwischen   >>>  DAS  WALSERSCHIFF 84  und   >>>  FREIHEIT  IN  KRÄHWINKEL 84, Kinder- und Schultheater … Wie War Das? Der Erfolg war greifbar, schien vorhanden zu sein … also was könnte man im Kanton Graubünden Besseres machen, als die Erfahrungen auszuwerten und zugänglich zu machen, auch für andere – vor allem für andere? … die Erfahrungen, Wünsche und Bedürfnisse für ein kräfteschonenderes, besseres Arbeiten in ein Konzept für ein neues Theater für den Kanton Graubünden zu giessen? Das Churer Stadttheater dümpelte so vor sich hin, dem reinen Tourneetheater oder der endgültigen Schliessung entgegen … und so wurde die Idee formuliert für das   >>>  Rätische  Theater,  rtr ! … das musste her, für ein breites, volksnahes Schauspiel in allen drei Sprachen und Idiomen und Dialekten des Kantons  … und für Musiktheater? Tanz? … und Oper? …   >>>  IL  CERCHEL  MAGIC 86,   >>>  IPHIGENIE 86,    >>>  ROMEO  UND  JULIA  AUF DEM  DORFE 87,   >>>  IN  DER  SACHE  J. R. OPPENHEIMER 88  und   >>>  DAS  GROSSE  WELTTHEATER 88,   >>>  BÜNDNER  WIRREN 89, Musiktheater, Oper mit Schauspiel in drei Sprachen und mehreren Dialekten mit 600 Beteiligten, Schauspieler, Sänger, Chöre, Musiker, Orchester, Laiensdarsteller, Bewegungschöre, Kinder, Helfer/innen (grösser geht’s ohne festere Strukturen nicht mehr) … dann Strasbourg, Fribourg:   >>>  Romeo & Juliet 89 … und mehrere weitere.

 

Und nach 15 Jahren mehrheitlich aufbauender ‘Erfolge’ kam ein Wunschprojekt, wieder in Bern:
>>>  DER  KIRSCHGARTEN 90 – und mit dem Traumprojekt kam der erste grössere, wirkliche Knick …

 

Eine Chance … und daraus ein Einbruch! … und was hat das bewirkt?  –  EIN  EXKURS

 

>>> DER  KIRSCHGARTEN  in Bern war so etwas wie ein Zielprojekt. Ich habe ihn analytisch vorbereitet auf der Erfahrung der Assistenz am Piccolo Teatro in Mailand und bin ihn so angegangen – von der Analyse der Figuren, der Begegnungen bis hin zur Verhaltensdefinition in der Beziehungspsychologie … Es war alles mit grosser Freude vorbereitet … alles? Nein, nicht alles: ich kannte das Berner Schauspiel-Ensemble nicht, nur Heidi Maria Glössner von der   >>> IPHIGENIE  in Luzern her, und mit ihr besprach ich es und wollte den Čechov machen, und zwar integral und sensibel nach der fein ziselierten, genauen Sprache, und wie es sich in Mailand gezeigt hatte auch genauen Übersetzung von Peter Urban! In der psychologischen Definition der Rollen suchte ich die “Identität zwischen Sehnsucht und Projektion” bis in die Beziehungs-Problematik der ‘Figuren’ hinein. Damit reizte ich die sehr komplexen, psychologisch/systemischen Strukturen und Schwierigkeiten der ‘Personen’ im Ensemble … und kollidierte mit der schwierigen Mischung von Kommunikationslosigkeit und ‘Kommunikations-Unwilligkeiten’ – und scheiterte bravourös mit einer in der Theorie, ästhetisch durchaus vertretbaren Inszenierung. Aber in der Praxis blieben die Generationenkonflikte, enttäuschte Hoffnungen, Mankos in den Perspektiven, fachliche Grenzen und Egoismen, Drogen, Seilschaften, Sprachlosigkeit … unausgesprochen. Ein Chaos und ein zu stilles, egozentriertes Theater. Im wohligen Ambiente der sensiblen Sprache blieb der provokative Ansatz des Konzeptes kraftlos stecken.

Da hat mir die “inszenatorische Schulung” im Umgang mit Konzept und Provokation gefehlt, oder mindestens das, was ich heute (2020) als wichtige Komponente einer Regie-Ausbildung in diesen Bereichen erwarten würde. In dieser Situation konnte ich die Charakter-Analyse nicht ins künstlerische Konzept drehen. Die analytische Definition des Verhaltens der künstlerischen Figuren implodierte vor den individuell-persönlichen Perspektiven oder Hoffnungen mehrerer Darsteller*innen. Im “Harmonie-Bedürfnis des Wohlwollens” (als Utopie der Vorstellung eines “Ensembles” gegenüber) erlebte ich die Makos und Grenzen meiner Autodidaktik existentiell.

Und gefehlt haben mir dann darauffolgende Projekte im Haus, mit dem Ensemble (oder mit Teilen daraus), um daran weiter zu arbeiten, um dieses Wissen zu erlangen, oder darauf gestossen zu werden … Diese Möglichkeiten haben sich, gegen gewisse Hoffnungen nicht ergeben. Der Tod von Markus Wille gab noch den Rest. Die Umbesetzung musste gegen Teile des Ensembles erkämpft werden und erreichte später eine gewisse “Zusammenarbeits-Neutralität”, was für die Inszenierung auch nicht wirklich vorteilhaft war – und drei Vorstellungen im Theater Winterthur [sic!] vor ‘meiner’ Zeit.

Presse und Publikum haben die Arbeit sehr divergent wahrgenommen: Bekannte und Kollegen pickten freundlich Anerkennungswürdiges heraus und suchten die Distanz (auch neu und verletzend für mich). Das breitere Publikum, ‘freundlich’ … und für die regionale Kritik blieb die Arbeit in “Undeutlichkeit”, “Kraftlosigkeit” und in einer gewissen homoerotischen Ablehnung stecken – gerade in der Zeit als das deutschsprachige Theater in die Veränderung drängte, die Stücke/Aussagen/Beziehungen zu “brechen”, “aufzubrechen”, zu kommentieren, mit Kommentaren zu spielen/erzählen/deuten, weiter zu denken – Ich wollte damals die Stücke gar nicht aufbrechen, das empfand ich als zerstörend, ich wollte sie vorzeigen, auslegen, darlegen, damit spielen – mit den “werk-treuen” Figuren, mit ihren genau definierten und poetisch ziselierten Texten … und das war zu jener Zeit bereits ein Manko … mein Manko?

… So blieb die Chance einer weiteren Zusammenarbeit in Bern für beide Seiten brach.
Hier, am Spiegel … in meinem Angesicht … muss ich eingestehen: Ein Knick … bis dato: Der Knick! … Und der wurde ‘mit Arbeit’ verdrängt, mehr denn je, statt als Chance genutzt zu werden.

 

Und noch mehr: Mit meinem über Jahre anhaltendes, stetes Arbeiten und mit dem  KIRSCHGARTEN (90!)  lief ich “unvorbereitet” und im Alleingang überfordert in die Weggabelung der deutschsprachigen Theaterformen der 80-er Jahren hinein, und kippte … So empfand ich die Situation, damals … und die Erfahrung hat mich gelähmt.

… Ich stellte nur fest, nahm wahr, dass etwas an Kraft und Zukunft in der Produktion fehlte … Die Inszenierungs-Vision? Nein …  die Vision des Inszenierens!  Und mir fehlte die Möglichkeit, weiter zu gehen. Die Begleitung? … womöglich. Die “führende, bildende Provokation?” … sehr wahrscheinlich. Von später aus betrachtet, von jetzt aus betrachtet, vor Ihnen … muss ich es zugeben … JA … die “Begleitung” im weitesten Sinn, die Agentur womöglich (?), das Ensemble (?), die … Nein: … Meine! Geschulte, Provozierende, Haltung in der Arbeit hat mir da zum ersten Mal gefehlt! – Und dies, sehr wahrscheinlich, weil ich ‘Arroganz’ im Leben und so auch in der Arbeit bewusst ablehne, seit immer schon.

Mir fehlte die mutige Frechheit und der aggressive Biss in der Arbeit: die Sicherheit der Notwendigkeit. Die ehrliche, strategische Provokation …

… und mindestens der ’strategischen Planung’ wurde von der Bündner Politik mit der Blockade der Idee für das   >>>  Rätische  Theater,  rtr  noch vollends der Boden entzogen.

 

Trotz alledem habe ich weiter inszeniert und mehr oder weniger Erfolg gehabt. Ich rettete mich in bekannte Strukturen und Umgebungen und sehnte mich nach weiteren:

>>>  König Ödipus 93  ein Wagnis als neuer Oberspielleiter blieb zu bescheiden im poetischen Krimi stecken,
>>>  Johanna & Co. 94  hätte durchaus etwas werden können, mit der ersten   >>>  KASSANDRA 95  erreichte ich insbesondere mit Leontina Lechmann eine sehr engagierte, politische, analytische, selbstbewusste Produktion mit viel Aufwand und Energie – formell maximal reduziert in der Minimal Art, mit einer wunderbaren Cello-Musik von Martin Derungs. Eine “Studio-Produktion” in einer einfachen aber technisch aufwändigen Einrichtung mit erstaunlich vielen Vorstellungen in der Schweiz  –  Aber: die zweite und dritte Dimension der weiteren Fassungen (in Frankreich und in Italien) fehlte, weil das Projekt aus finanziellen Gründen ‘unterbrochen’ werden musste.

Die Oper   >>>  Il semiader 96  hätte als zweite Oper in Graubünden schon fast einen gangbaren Weg aufgezeigt und machte Hoffnung auf mehr
>>>  Robert Walser ASCHENBRÖDEL 97  war gepflegt und mutig im grossen Raum der Shethalle in Zürich, bewegte sich aber im OFF-Theater der Roten Fabrik, derart weit vom etablierten Musiktheaterbereich entfernt, dass sich der vor allem finanzielle Erfolg nicht einstellen konnte
>>>  Sastre/Tell 98  … wäre wieder eine klare, volksnahe, auch politisch nötige, engagierte Richtung der Freilichtspiele in Schaffhausen gewesen, insbesondere im Umgang mit dem grossen Raum der Stahlgiesserei und der Musik von Fabian Neuhaus …
>>>  Ein Hort, dahin ich immer fliehen möge 01  … war eine wichtige Produktion im Musiktheaterbereich mit Schauspiel verbunden, ein optisch, inhaltlich und kulturell engagiertes Projekt in den Kantonen Schaffhausen und Zürich zu den koordinierten Jubiläumsfeierlichkeiten zur 500. und 650. Jahrfeier ihres jeweiligen Beitritts zur Eidgenossenschaft – Alte und neue Musik, sowie Rezitationen von Texten zum ‘Sicherheitsdenken im militärisch/verteidigungs, kirchlichen, musikalischen und theatralischen Bereich’.

Weitere Produktionen, und “hundert” weitere Vorlagen und Ideen hatte ich um mich gesammelt, als ich dann, 1999, zum Künstlerischen Leiter des

>>>  THEATER  WINTERTHUR  gewählt wurde, und dann zehn Jahre lang als Theater-Regisseur, mit einer angebotenen und nicht angenommenen Kündigung 2004,  Theater im ‘Dienste Anderer’  machte, mit vielhunderten Vorlagen, Vernetzungen, Kontakten, Beziehungen, Aufgaben und Möglichkeiten. Ein anderer Beruf nach dem Prinzip der gleichen Autodidaktik. Einige “Freunde”, “freie Theaterschaffende”, auch Kritiker und Weggefährten fühlten sich vor den Kopf gestossen, sozusagen “verraten”: einige wichtige blieben, viele kamen dazu und das Theater Winterthur etablierte sich mit den Jahren als “Haus der Gäste” zum wichtigsten Gastspieltheater weit und breit im ganzen deutschsprachigen Gebiet. Viele erstklassige Häuser aller Theatersparten fanden sich zum Gespräch am offenen Fenster der Schweiz wieder. Und die Schweiz erlebte/lebte eine Europäische Dimension. Bis 2010.

Die neun eigenen Inszenierungen in dieser Zeit und bisher sechs weitere danach (vor allem im Musiktheaterbereich und in der Oper) blieben leider nur die Ausnahmen, und respektierten örtliche, kulturelle und strukturelle Eigenschaften und Bedürfnisse. Die Position und das Label “Küstlerischer Direktor” erschwerte mir als Theater-Regisseur den Anschluss am etablierten Theater in der Schweiz und in Deutschland, und für die freie Theaterszene war ich nicht mehr kompatibel und so, sehr wahrscheinlich, auch nicht mehr ‘ansprechbar’.

 

Eine Einsicht? Ich muss nicht mehr alles selber machen. Andere machen es auch … und einige besser.
Mich um Arbeit aktiv bewerben wollte ich nach über 40 Theater-Jahren nicht mehr. Und so ‘inszeniere’ ich seitdem in Gedanken und   >>>  Bilder  und pflege das private ‘Leben danach’.

 

 

 

Zu meiner Zeit am
>>>  Theater Winterthur
können Sie auch hier weiterlesen:
>>>  Beiträge, Gespräche, Kontexte, Gedanken

 

 

Max Frisch, Aus dem Fragebogen:

“Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden,
oder meinen Sie’s noch?” (Angabe des Alters) (Frisch, Fragebogen I-15)

Auch ein ‘ruhigeres Leben’ kann im Älterwerden “klüger” sein. (71).

 

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3    Ein Fenster zum Theater, Eine Einladung. Eine Verführung

 

Hääärrrreinspaziert, meine DAMEN und HERREN :    h ä r r r r e i n   s p a z i ä r t  … !

 

Ist das Theater
… eine Einladung ?  –  oder  … eine Verführung ?

Unterhaltung oder Konfrontation?
Kunst oder Spiel? und wenn ja zu beiden: wieviel jeweils?
Wahrheit oder Fantasie?

Leben?
Utopie?

oder Chance?   … Erziehung?   … Orientierungs-Hilfe?   … Provokation?   … oder Ruhigstellung?

 

 

Wie war die Frage von Max Frisch über das Interesse an der Erhaltung des Menschengeschlechts (Frisch, Fragebogen)? Ob ich sicher sei, dass seine “Erhaltung” mich wirklich interessiere, auch wenn ich und meine Bekannten nicht mehr sind … Fragen-Fragen, Spiel das Spiel … Erfrage Deine Existenz. Was heisst schon ‘Interesse haben’ in der Zeit danach, was heisst “meine Bekannten” – sind Sie “Meine Bekannten”? Gehören Sie dazu? Kenne ich Sie? Kennen “Sie” “Mich”? … Bin ich als Mensch Überlebens-relevanter als andere? Nein! Bei der ‘Erhaltung’ des “Menschengeschlechts” (?) müsste ich … in solchen Dimensionen gesehen … zugeben … dass mich explizit diese Gattung “Lebewesen” … dann (eher) nicht mehr wirklich interessieren könnte – aber für die Er-Haltung des “Lebens” wäre ich bereit alles zu geben, unbedingt – als Teil des Lebens, als “eine biologische Art in einer biologischen Welt …” (Fritz Habekuss, DIE ZEIT vom 14.1.2021, Seite 1, “In Ruhe lassen”).

Ich lebe damit, dass der Vorhang irgendwann einmal aufgeht, und dann auch wieder fällt. Solange er offen ist berichten wir vom Leben … und so lange bleibt die Frage bestehen: Wie geht Theater? wie geht Kommunikation? wie geht Gestaltung? Und zur Planung:  Wie denkt man Zukunft … ?

Wie stellt man sich der Zeit, dem Leben, der Hoffnung? Wie stellt man sich der Kultur?
Wie steht man zur eigenen Haltung?

 

Max Frisch, Fragebogen IV-23:

“Wonach richten Sie Ihre täglichen Handlungen,
Entscheidungen, Pläne, Überlegungen usw.,
wenn nicht nach einer genauen oder vagen Hoffnung?”

 

Ein Kontext:

Kultur ist ein Bestandteil unserer Gesellschaft, ohne sie sind wir im besten Fall “Funktionierende”, “Erfüllende” und “Massen-Nachahmer” ohne Eigenschaften und Eigenimpulse. Ohne Kultur tragen wir keine Verantwortung weder für unsere Gegenwart noch für unserer Kinder Zukunft. Ohne Kultur können wir natürlich auch nicht beschuldigt werden, eine eigene Entscheidung/Position nicht ergriffen/eingenommen zu haben und ohne Kultur, haben wir auch gar nicht das Recht, eigene Bedürfnisse zu formulieren, denn wir kennen keine Utopien, haben keine Visionen, keine Tatsachen ausser den diktierten. Ohne Kultur kennen wir nur was wir müssen, und Müssen muss dann sein. Ohne Kultur sind wir anspruchslos und können uns nicht einmal die Frage stellen ob wir damit zufrieden sind … erst die Kultur setzt “menschliche” Bedürfnisse, “glückliche” Perspektiven, “lust-schaffende” Identität und die Fähigkeit, uns eigene Grenzen zu geben – Frei zu sein, uns eine eigene “Vorstellung” der Welt zu leisten. Kultur ist das, was uns eigen macht im “Erkennen von Zusammenhängen und Grenzen”.

Kultur muss sich leisten wollen, wer zu Sein wagt.

 

Diese Kolumne vom 6.10.2004 finden Sie unter  >>>  Kontext.  Der Text wurde hier minimal angepasst.

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So kam ich in die Position der Planung. Meine früheren Projekte richteten sich nach dem Lustprinzip, nach der Faszination der Literatur, nach den Realisierungsmöglichkeiten, nach den Wünschen einer Theaterdirektion, eines Ensembles oder nach der Finanzierung oder Besetzbarkeit einer Vorlage … nun musste ich planen, das heisst Zukunft lesen. Ich musste nicht nur Wünsche von Theaterabonnenten erfüllen, sondern Wünsche definieren, anbieten und umsetzen – die vermutete (angenommene) Interessenslage als Markt verstehen. Das wollte unter anderem auch gelernt sein, ohne weitere Kenntnisse zu haben was die Zukunft dann ausmacht.

Der ‘lebenspraktische Anfang’ meiner Theater-Planung fing fast zeitgenau an mit dem nachmittäglichem Bericht aus New York am 11. september 2001 … :

Biete etwas an, was Du im besten Fall (weil neu) noch nicht ganz kennst (die Inszenierung steht noch nicht), einem Publikum (vor der ersten Vorstellung), das sich noch nicht definiert hat (Abonnements wurden noch verkauft), in einer Zeit (und Jahrtausend), in Auf-, Ab- und Umbruch (oder wie konnte man sie damals definieren?) – “Mach was!” Äussere Dich dazu! (‘Mach mal’, hatte Horst Statkus vierzehn Jahre früher in Luzern gesagt und gab mir “Das Grosse Welttheater” in die Hand).

Und es sollte jeweils (und immer wieder!) neu, gut, wichtig, richtig, nötig, günstig, nachhaltig, motivieren, bereichernd, überzeugend, frisch, erfrischend, neugierig, bestätigend, wie immer und nartürlich auch ganz anders (‘wir sind ja nicht so’, und ‘wir leisten uns das’). Wie soll ‘man’ da vorgehen anders als nach den eigenen Interessen? und Sensibilität? und in eigener Verantwortung? Bezüglich Qualität, Inhalt und Form war ich ja frei, ich konnte (musste!) entscheiden mit wem ich zusammenarbeiten möchte, welche Gäste und welche Kultur ich in meinem Haus wie definieren wollte. Mein Theatergeschmack musste unendlich viele, mir noch unbekannte Geschmäcker befriedigen können – ich konnte nur denken an  “BEFIEHL DU DEINE WEGE” und an Moses im Pharaonen-Ägypten, eine Reise antretend, um ‘eine Lebensspanne später’ mit dem ‘erst dann’ neuen Volk im “neuen’ “im verheissenen Land” anzukommen. ‘Mach was’ – Zeitrahmen: eine Direktion.

 

Erst Jahre später konnte ich diese gesuchte und angenommene ‘Herausforderung’ künstlerisch ausformulieren und Prospero anbieten. Er hat sie als eine Möglichkeit der Suche angenommen.

 

 

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4    Vorsehen, Ahnen, Zukunft denken

 

Wo lang? Und wie dann? … wie plane ICH, was dann nötig sein wird? Neu? Genau zur richtigen Zeit und am richtigen Ort? Für das dann genau richtige Publikum, das man noch gar nicht kennt? Wie plane ICH Zukunft? und mit welcher Lockerheit behaupte ICH Sicherheit ?

Und wenn sie sich dann einstellen, Zukunft und Planung, und sie dann beide auch bereits Vergangenheit sind … wer glaubt sie dann nicht als das ‘einzig mögliche’?

Wer glaubt dann noch an ‘Zufall’? … Wer glaubt dann nicht an Zufall?

 

Prospero (für sich und für Miranda):

[denn] wie soll Sicht sehen übers Meer
und was dann-ach an-steht,
und
kömmt
und sich dann neu ergiebt?

Ahn-ung sieht, und sieht: es wird das Leben sein …
und dieses wird das Leben werden …
… Dein …

So und anders
immer so und immer anders, wie es sich dann
als einziges … ein-stellt
möglich war und sich [… dann …!] ergab,
wenn – dann – später!
Du es … siehst

(aus:   >>>  TemPest, Zitat, weit nah bei Shakespeare, 2013)

 

Wenn Miranda das dann ‘hört’, in der Erinnerung – was ist das? Lernen, ahnen? Vermuten? oder bereits Wissen? … und ist gelernt, geahnt, vermutet, vielleicht gewusst, eine Ahnung? oder eine Möglichkeit, die sich dann einstellt als Realität einer gesuchten, gewünschten und dann erkämpften Abfolge von Vor-Stellungen? und also zur sichtbaren Vorstellung wird, ein-seh-bar, ein-sichtig auch für andere? Für anderes?

Ist das Leben ein Zu-Fall? oder eine Ab-Folge?
Ist Lernen Zufall? oder Deduktion?
Weiss ich bereits, wenn ich es erfahre? Oder muss ich ‘es’ bereits wissen um es wahrzunehmen, wenn ich ‘es’ erfahre?
Und was soll ich überhaupt ‘verstehen’, wenn ich ‘es’ noch nicht weiss?

Wann stellt sich Lernen und Wissen als Tätigkeit ein?
Wann wird aus Wissen eine Tat?
Wann funktioniert noch … oder, nur noch: Autodidaktik? um, wenn schon, auf dieses ominöse Wort der ‘Selbst-Rettung’ zurück  zu kommen.

 

Max Frisch: “Sind Sie sich selber ein Freund?” (Frisch, Fragebogen VII-25)
Peter Handke: “Wir haben uns auf das Fragen eingelassen, und ohne Fragen kommen wir aus dem Fragen nie mehr heraus.” / “Mit  Fragen aber wohl?” (ebenda S. 47)

 

Ich  sehe Vergangenheit
Ich  sehe Gegenwart
Ich  sehe Wissen
Ich  sehe … Unwissen

Ich  sehe Angst
Ich  sehe Licht und Dunkel
Ich  sehe Wünsche
Ich  sehe … und Zukunft

Unsicherheit
Hoffnung
Schmerz

und Wut, ja …

Wie pflege ich meine Hoffnung – für andere, weitere?

 

Immer weiter: ‘Mauer-Schauer’ …  (Peter Handke, Spiel vom Fragen) … ‘über die Dörfer’ hinweg in die Zukunft, nach Griechenland, dem “Griechen-Land” nach, 500 v.Chr.

… hast Du nur Fragen? oder versteckst Du darin Antworten? – Seherin, Pythia … rätselredende Vor-Sehung?
Wer treibt, wer wird getrieben … und wer hütet?

 

Der Mauerschauer war eine neue Positionierung des Theaters als Kunstform, weg von der religiösen Funktion des Anlasses. Spielerisch eröffneten sich dadurch neue Perspektiven, dass jemand mehr sieht als andere (real und symbolisch) und er sein Wissen auch subjektiv auswählen und deuten kann. Dem gegenüber stand der Bote, der eine Information einbrachte – so konnten weitere Räume behauptet und bespielt werden.

Exkurs:  >>>  Der Mauerschauer

Es war kein Zufall, dass mich das Antikentheater interessierte – das war das Spiel … wo sind die Grenzen, nach hinten: wo und wie fing es an? Nach vorne: Wo und wie wird das wohin führen? Und was hat die Antike mit dem neuen Leben und Theater zu tun?

Peter Handke: “Wie ist das Wegstück, das vor mir liegt?” (S. 154)
Max Frisch: “Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?” (Frisch, Fragebogen I-16) … “Freund?” (VII-25)

 

Es war in Zürich, 1971, 72, 73 (siehe  >>>  Ausbildung) und von dort aus Berlin? Schaubühne? – oder Wien? Burgtheater? “Luca Ronconi” plante in Wien Euripides “Die Bakchen” im Burgtheater zu inszenieren – und “gleichzeitig” planten Peter Stein und Klaus Michael Grüber auch dieselben “Bakchen” in der Schaubühne. Sollte ich die griechische Tragödie über das italienische Theater angehen? oder über das deutsche? Aus Berlin kam eine Antwort, die Burg blieb stumm – also!

Die Antikenbeschäftigung musste irgendwie von der Urgeschichte her angegangen werden, und da kamen mir Vaters Bücher gerade recht: da lagen doch neben der italienischen Literatur, der Europäischen und Welt-Geschichte auch 7 Bände KULTUR-GESCHICHTE von Will und Ariel Durant … und da grübelte ich mich durch und wollte erfahren wie der Mensch zum Menschen wurde, woher, womit, und wohin – bis zu den “Grenzen des Wachstums”, inklusive “Masse und Macht”, der “Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung” und “Die Gesellschaft und Das Böse” … Kultur-ANTHROPOLOGIE eben: Vision aus Deduktion, und möglichst autodidaktisch und theaterorientiert.

Mit dieser Aussicht fing das Theater an. Und auch nach 50 Jahren bin ich mit dem ganzen Programm ’noch nicht wirklich’ durch.

>>>  Sent, Ardez:  SCENA RITMICA PER SES ACTUORS – Theaterformen und Erneuerung, die Vorbereitung für Berlin
>>>  Berlin:  ANTIKENPROJEKT, DIE BAKCHEN – vom gesellschaftlichen Rhythmus zum Kult
>>>  Milano:  Giorgio Strehler und DER KIRSCHGARTEN – die Magie, weiter hin zum Beruf
>>>  Chur:  SZENEN  FÜR  SECHS  SCHAUSPIELER – der Beruf, die “erste Inszenierung”

 

Spiel das Spiel …

“Mauerschauer: Der Palast des Fragens muss neu aufgebaut werden. Die steinernen Strandbilder der Fragen müssen Atem holen und die Ohren spitzen. Die Phantasie des Fragens darf nicht gefesselt bleiben. Der  Frage-Kirschgarten  darf nicht abgeholzt werden.” (Peter Handke, Das Spiel vom Fragen, Seite 53, Hervorhebung G).

“Spielverderber: Wie ist das Wegstück, das vor mir liegt?
Mauerschauer: Friedlich.” (Ebenda, Seite 154).

 

Theatergeschmack ist keine Wissenschaft und Geschmack ist individuell, wie Freude, Trauer, Schmerz und Hoffnung … Was also tun? 600 Vorlieben können nicht auf Befehl befriedigt werden. Um schon nur 600 Vorlieben wahrzunehmen braucht es Zeit, viel Zeit – und was ist ‘Zeit’ und was ‘die Zeit’ um sie dann auch noch zu ‘verstehen’?

Da greift also erst wieder Autodidaktik – was tun. Zusammenzählen, um zu dividieren und sich der Sicherheit hingeben, dass man dann objektiver handelt ist sicher falsch. Und das Projekt, das noch gar nicht produziert wurde, kann man schwer einem Publikum zueignen, das noch gar nicht feststeht – das wäre Trug und nur per Zufall Programm. Andere Kriterien müssen greifen, und da ich als “Gastgeber” schon die Programmverantwortung habe, dann muss ich mein Vorschlagsrecht wahrnehmen und entscheiden, was meine Gäste als Programm bekommen. Ich bin verantwortlich für meine Wahl, also stehe ich ein für meinen Geschmack und entscheide. Der Kompromiss ist keine halbe Lösung, aber immerhin mehr als noch weniger.

Ich definiere die Leitplanken der Programmierung und stehe ein für die Qualität und für den Inhalt. Das Publikum wählt sich dann die Angebotsgruppen aus – so könnte ein Gespräch entstehen … vielleicht eher im freien Verkauf als im Abonnement … weitersehen – was siehst Du Mauer-Schauer? (… wer mit wem, warum, wofür und wohin.)

Es gibt Schulen und Studiengänge für Regisseure, Dramaturgen, Intendanten und auch für Kulturmanager und für Kultur-Kritiker … aber haben sie dann mit dem Studiengang-Abschluss auch die Kompetenz? den Geschmack? und das Engagement? mitbekommen? Lernen sie Wissen oder Konzepte? – und ‘definieren’ dann und “nur sie” was Theater ist? Mehrfach weit gefehlt! Für mich konnte ich einsehen: Das Leben, das Theater, das Publikum und die Zeit waren dann “meine Universitäten” (um Maxim Gorki zu zitieren). Die Arbeit ging immer leichter “von der Hand” und erreichte … Mit–Menschen.

 

Für die Zukunft planen
FürDie Zukunft planen

Für die Zukunft
Für die Angehen.

 

Also, wie soll die Zukunft aussehen, die man ‘erreichen’, anstreben, ‘angehen’ und, warum nicht? auch ‘gestalten’ möchte!

Der Autodidakt Saint-Exupery schrieb: “Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.” (Die Stadt in der Wüste / Citadelle)
>>>  IL PITSCHEN PRINZI

Im gleichen Buch werden auch die Grundgedanken des “Vaters” zur Kultur als Lebensbedürfnis der Gesellschaft: “Die Kultur schenken, sagte mein Vater, heisst den Durst schenken. Das übrige wird von selber kommen … Die Liebe ist ein Ruf nach Liebe. So ist es auch mit der Kultur. Sie beruht auf den Durst selber. Wie aber soll man den Durst pflegen?” (Abschnitt 181).

 

 

 

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5    Der achte Tag der Freude

 

KULTUR: Aus der Vergangenheit kommen, die Zeit angehen, die Zukunft denken.
Johann Heinrich Pestalozzi hat dazu noch seine Mittel benannt: “… mit Kopf, Herz und Hand” (mit Denken, Fühlen und Geschick).

 

Liebes Publikum, geehrtes

(… so fing die Begrüssung zur Spielzeit 2009/2010 im 10. und letzten Saisonprogramm vom Theater Winterthur unter meiner künstlerischen Direktion an, dabei schien mein Abschluss oder eine ‘Kündigung’ noch ‘meilenweit’, mindestens drei Jahre entfernt zu sein.)

 

Liebes Publikum, geehrtes

Dieses Jahr begrüssen wir Sie aus der Haltung der Verbeugung, wissend, dass Sie sich für uns interessieren und dass wir Ihnen dankbar sind dafür. Danke für Ihren allabendlichen und alljährlichen Applaus – er zeigt, dass ein Gespräch stattfindet. Darauf sind wir angewiesen.

Ohne Sie gäbe es uns nicht, sagt der grosse Theatermann Peter Brook, der jeden Gedanken noch und nochmals kompakter äussern kann, “Theater ohne Publikum gibt es nicht, … ist kein Theater”. Und an anderem Ort erzählt er, dass, nach der Ruhe, Gott am achten Tag das Theater erfand, das Spiel: Die Darstellung der eigenen Ansicht.

Mit neuer Kraft, neu-gierig, was sich da alles noch tun kann im Gespräch über die Sicht der Dinge … verbeugend vor dem guten Gedanken, vor der schönen Tat, vor der klaren Haltung.

Willkommen, Gäste! in der Welt der Vorstellung.

Bienvenue
benvenuti
beinvegnits, und auch
welcome

in Ihrem Haus der Gäste!

12. Mai 2009

 

 

 

Und so blieb ich an der Arbeit, wie täglich, jährlich

… ORA ET LABORA (denke und arbeite “danach”)

Mit dem Auftrag, der mir/uns angeboten wurde, den ich/wir wiederholt angenommen hatten verpflichteten wir uns, das Programm zu gestalten, das Theater offen zu halten, das Gespräch zu führen.

Mit dem “ora” einher stand immer auch die Frage, wie mache ICH das? wie lade ich noch einen weiteren Mitmenschen ein, das Leben, sein “unseres” Leben zu bereichern? und damit vielleicht doch noch einen Baum zu pflanzen?

Wie erreiche, und wie unterstütze ich Freude als Ziel?
Also ‘oramus’ et ‘laboramus’ weiter, mit “Herz, Kopf und Hand” Richtung ‘Freude’.

Kitschiger geht’s nicht mehr … aber anders schon gar nicht!

Und wenn wir schon da sind, warum nicht auch noch mit Platon ergänzen:
für das Gute, Schöne, Wahre – und für die Freude am lebendigen Dasein –

 

… doch: Freude? Ist es Freude – oder ist es eher Glück, was man dem Leben wünschen kann?

 

Eine Regierung hat die Aufgabe, sich um das Wohl und Glück ihrer Bürger zu bemühen. Dazu – so glaubt man in Bhutan – reicht es nicht aus, nur auf den Wohlstand, also auf das Bruttosozialprodukt zu schauen. Glück geht weit über den Wohlstand hinaus. Glücklichsein bedeutet neben der Bereitstellung von genügend Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten auch kulturelle sowie religiöse Identität zu bewahren. Es bedeutet, die Natur zu erhalten und eine gute Regierungsführung sicherzustellen. Diese Kerneigenschaften des Bruttonationalglücks bemüht sich die Regierung Bhutans zum Wohle ihrer Bürger umzusetzen – mit großem Erfolg. Ein Modell? für uns?

 

>>>  Exkurs  zur Entstehung des Begriffes  “BRUTTO-NATIONAL-GLÜCK

 

Löst ‘Freude’ Glück aus oder ist ‘Glück’ erst die Basis für die Freude?
Jedenfalls ist Freude die bessere Basis fürs glücklichere Leben, und das ist das kulturelle, das ich gerne als KULTUR anstrebe.

Genug Konzepte und Aufzählungen von Fakten, jetzt geht’s zur Freude, die ich mit der Arbeit fast einen ganzen Werdegang lang bereits erfahren durfte mit Gedanken, Bezügen zum Leben, zu der Geschichte des Werdens, des Denkens, und des Umgangs, der Kommunkation und der Sprachen, der Menschen im weiten Umfeld meiner Tätigkeiten. Ich rede jetzt, zu Ihnen, Freunde, Fragende, Suchende, zum Genuss Bereite … von der Faszination der Theaterarbeit als achter Tag der Schöpfung, laut Peter Brook, vom “Tag der Freude”.

 

Ich setze an, und der Spiegel, der halb-blinde scheint durchlässiger zu werden, die Erinnerungen, die ferneren und die nahen scheinen abrufbar zu sein. “Komm Du, Erinnerung des Wünschens”, “Komm auch Du, Hauch der Ahnung der Tat”, und “Du, Furcht vor dem nächsten Schritt” – Kommt, seid uns Zeugen, dass es sich zu leben lohnt, täglich  … für Sekunden der Freude am Sein …

 

“Ihr naht euch wieder … schwankende Gestalten …
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt …
Versuch’ ich wohl, euch diesmal festzuhalten …?

Ihr drängt euch zu! nun gut … so mögt ihr walten …
… Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage …
Und manche liebe Schatten steigen auf …”

 

Das Ratespiel wollen wir jetzt nicht – wir suchen das Rätsel dahinter, bis es dann heisst:

“So geht …” und … “Lebt … wohl!”

 

 

 

 

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Die noch immer weiter-gehende Befragung …

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Anker

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wird Weiteres bringen … bis 

 

 

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Wie er von diesem Land träumt, tags gut und nachts schlecht
träumt von seinem Land, das er doch längst hinter sich gelas-
sen hat, für immer, aber immer wieder davon träumt. Und
wenn er jetzt zurückgekommen ist, ist das kein Zurück-
kommen. Das ist nur ein Besuch, eine Reise.
“Nein, kein sightseeing, kein Tourismus, zum Teufel!”
An diesem Ort, in diesen Orten ist er kein Tourist, kein
neugieriger, kein enttäuschter oder begeisterter Fremde.
“Ich bin von hier. Ich gehöre hierher, wenn ich irgendwohin
gehöre. Obwohl ich nicht hierbleiben möchte.”

“Vergiss nicht, dass du nicht hierbleiben kannst!”

 

Das “zitiere” ich mit Anpassungen nach dem Roman ‘Engste Heimat’ von Erica Pedretti, Seite 150, erschienen im suhrkamp taschenbuch 3323

ün citad sco ün’aigna admoniziun sü dal plü profuond da mia temma  … ingiò sun eu rivà?   … ÜBER DIE DÖRFER … über die Dörfer … sun eu rivà.
Grazia duonna Erica per Sia, mia orientaziun!
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