Sophokles, KÖNIG OEDIPUS

1994     S / D

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Schlosstheater Celle, Direktion: Serge Roon

OEDIPUS, ein König
In der Übersetzung von Kurt Steinmann

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Premiere: 15. Oktober 1993

 

 

Meine Kraft ist mein Sehen
mein Sehen Blindheit
meine Blindheit Licht

Gian Gianotti

 

 

Besetzung

Oedipus – Rainer Süssmilch
Kreon – Jürgen Lorenzen
Iokaste – Veronika Wolff
Antigone – Susanne Burkhard
Teiresias – Eberhard Hoffmann
Bote aus Korinth – Günter Adnan Köse
Hirte des Laios – Helmut Thiele

Chor:
Christine Passow
Christiane Pohle
Isabella Wolf
Bernd Lamprecht
Marius Marx

 

Leitung:

Inszenierung – Gian Gianotti
Ausstattung – Paolo Bernardi
Dramaturgie – Iwona Ubermann
Musik – Martin Lingnau

Regieassistenz und Chorkorrepetition – Marius Marx
Bühnenbildassistenz – Linda Kowsky
Kostümassistenz – Ursel Heinrich
Hospitanz – Annika Kippel

 

 

Zur Musik, aus der Vereinbarung mit Martin Lingnau
Ausgehend von ‘Teiresias’ möchte ich eine Gesprächsfähigkeit mit der übersinnlichen Ordnung erreichen/erzeugen/provozieren. Über die Musik soll eine ‘natürliche Sensibilität’ und ‘Aufmerksamkeit’ erreicht und gezeigt werden.

Dafür wünsche ich mir:

  • einen Grundteppich an natürlichen Klängen, Geräuschen (Wind, Wasser, Temperaturwechsel, tektonische Verschiebungen usw.) oder liegende, künstliche Klänge, die mit der Konsonanz, Dissonanz und Dynamik Räume aufmachen,
  • um darüber einzelne Wal-Klänge oder Wal-Pfiffe* als Akzente zu platzieren, die auf Textstellen und Situationen der Inszenierung zur Vor- oder Nachbereitung, Befragung oder Bestätigung einer Aussage oder Situation einwirken.

*CD Blackfish Sound – John Ford, Underwater Communication of Killer Whales in British Columbia, VACD 900, 1992 BANFF MUSIC

Gian Gianotti, 9.9.93

 

 

Oedipus und die Sphinx
Hellmut Flashar

Die Sphinx als Mischwesen mit Löwenleib und Menschenkopf ist orientalischen Ursprungs. Bei den Ägyptern wurde so die geistige und physische Macht des Königs dargestellt. Über Kreta und Mykene drang die Sphinx in die griechische Kunst ein, vor Tempeln als Wächter, aber auch in anderen Formen und Funktionen. In der literarischen Überlieferung ist sie nur mit dem Oedipus-Mythos verbunden. Die Ursprünge liegen im Dunkeln. In der Theogonie Hesiods (7. Jahrhundert v. Chr.) wird eine «Phix» als für Theben verderblich bezeichnet; vielleicht war sie ursprünglich eine alte, unheimliche Berggöttin, die später mit dem Bild der Sphinx verschmolzen wurde.

Warum die Sphinx Theben bedroht, geht aus der Überlieferung nicht mehr klar hervor. Jedenfalls erschien sie vor Theben, als König Laios, der Vater des Oedipus, abwesend war, um das Orakel in Delphi zu befragen. Sie nützte das Machtvacuum aus.

Der Oedipus – Mythos ist keine feststehende Größe; er wird in der Dichtung, in der bildenden Kunst und wohl auch in mündlicher Überlieferung ständig weiterentwickelt. Ob in einer frühen Fassung Oedipus die Sphinx im Kampf überwand, wie es griechische Helden (z.B. Herakles) gewöhnlich mit Ungeheuern tun, wissen wir nicht. Archäologische Zeugnisse erlauben den Schluß, daß die Sphinx im 6. Jahrhundert v. Chr. zur Rätselstellerin wird und sich selbst den Tod gibt, als Oedipus das Rätsel löst. Das Rätsel selbst ist uns erst durch spätere Quellen überliefert. Es lautet (im Griechischen in der Versform des Hexameters): «Es gibt auf der Erde ein Wesen, das ein und dieselbe Stimme hat, aber zwei, vier und drei Füße. Es allein verwandelt sich von allen Geschöpfen, die sich auf der Erde, in der Luft und im Wasser bewegen. Doch wenn es, auf die meisten Füße gestützt, geht, dann ist die Kraft dieses Wesens in seinen Gliedern am schwächsten».

Viele Thebaner konnten dieses Rätsel nicht lösen und wurden Opfer der Sphinx. Offenbar suchten sie nach einem Wesen, das die genannten Eigenschaften gleichzeitig besitzt. Oedipus hat entdeckt, daβ es sich um das Nacheinander eines solchen Wesens (Kindheit, Reife, Alter) handelt. Er hat damit die Dimension der Zeit entdeckt, die zuerst an der Lebenszeit erfahren wird, wie wir es in der frühgeschichtlichen Dichtung und Philosophie gerade des 6. und frühen 5. Jahrhunderts v. Chr. eindringlich und erstmals belegt finden. Daβ des Rätsels Lösung der Mensch ist, eröffnet zugleich die Möglichkeit, die Lösung des Rätsels mit dem Löser in Verbindung zu bringen, d. h. das Schicksal des Oedipus als Symbol für die Verfassung des Menschen zu deuten, zunächst wohl in dem Sinne, da6 der Mensch sich seiner Grenzen und Hinfälligkeit bewußt sein soll.

Dies alles ist bei Sophokles schon vorausgesetzt, vor allem durch das im Jahre 467 v. Chr. in Athen aufgeführte Oedipus Drama des Aischylos innerhalb einer Tetralogie, die als letztes Stück das Satyrspiel «Sphinx» enthielt, das uns ebensowenig erhalten ist wie der «Oedipus» des Aischylos.

Sophokles deutet in seinem Drama mehrfach auf die Besiegung der Sphinx hin. Diese Tat gilt als ein Zeugnis höchster Intelligenz, mit der Oedipus die Stadt gerettet hat. Weil er dies geleistet hat, soll er nun – das ist die Ausgangslage bei Sophokles die Stadt angesichts der Bedrohung durch die Pest noch einmal retten. Aber die Besiegung der Sphinx markiert zugleich den Weg ins Unheil. Denn als neuer König von Theben wird Oedipus zugleich Gemahl der Königin, seiner (unerkannten) Mutter. Der gro6e Rätsellöser wird letztlich das Opfer. Aber es bleibt in allen von Sophokles beeinflußten Zeugnissen abendländischen Denkens und Dichtens die Lösung des Rätsels der Sphinx durch Oedipus mit dem Rätsel Mensch, seinem Wesen, seinen Möglichkeiten und Grenzen verknüpft.

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(Hellmut Flashar ist ordentlicher Professor für Klassische Philologie an der Universität München. Sein Text «Oedipus und die Sphinx» wurde eigens für unser Programmheft geschrieben.)

 

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Die Pest
Kurt Steinmann

Der Anfang des OEDIPUS: Wehgeschrei, Flehen, Not. Theben treibt dahin wie ein Schiff im Orkan’ Die Stadt ist krank, stirbt. Ihr Immunsystem ist zusammengebrochen: das Getreide verfault, das Vieh verendet, die Frauen erleiden Fehlgeburten. Zu diesen Schrecknissen hinzu die PEST. Warum? Die Stadt birgt in ihren Mauern ein Miasma, eine moralische Befleckung. Das Hinsterben ist der somatische Ausdruck innerer Fäulnis’ Theben ist schuldig: die Mörder des Laios wurden nicht aufgespürt’ Oedipus soll helfen als Retter, als «Heiland» (sotér). Die Polis, keinen anderen Ausweg erkennend, wirft sich ihm blind vertrauend in die Arme. Wer schon einmal Unglück bannte, wird auch diesmal den Heilsweg finden’ Doch der vermeintliche Helfer entpuppt sich als «eine Herrlichkeit, darunter von Übeln eiternd»., als Verursacher der Katastrophe. Wehe dem Land, dessen Not so groß ist, daβ es seine Errettung von einem einzigen Heilsbringer erwartet !

Im Fortgang des Stücks wird die Fahndung dem Laios-Mörder abgelöst von Oedipus’ Suche nach seiner Identität. Damit wird auch die Pest ausgeblendet, ja, ihr Ende wird nicht erwähnt, nur stillschweigend angenommen mit der Aufdeckung des Laios – Mörders. Die Pest ist der Katalysator des Plots.

Der OEDIPUS wurde zwischen 429 und 425 v. Chr. aufgeführt. Die Athener im Dionysostheater erinnerten sich natürlich an ihren Übervater Perikles und an die Pest, die 429 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Viele hatten Angehörige verloren, und erschüttert dachten sie wohl an ihre Lieben, wenn der Chor von den Söhnen der Stadt sprach, die «unbetrauert am Boden liegen, todverbreitend, unbeweint».

Der OEDIPUS reflektiert das Geschehen der realen Pest, die wie Thukydides schildert, auch Religion und Moral untergrub.

Die Pest ist Chiffre für alles Destruktive und Nekrophile unserer Welt. Für «Pest» Synonyma zu finden, ist heute leider nur allzu leicht.

 

(Kurt Steinmann ist Mittelschullehrer für Altphilologie in der Schweiz. Er übersetzt und kommentiert für Reclam die griechischen Tragödien neu. Sein Text «Die Pest» wurde ebenfalls für unser Programmheft geschrieben.)

 

 

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Aus dem Programmheft:  Ein Gespräch mit dem Regisseur

 

Ist «König Oedipus» ein Schicksalsdrama oder ist es eher eine Schuldtragödie ?
Ich möchte keiner dieser Richtungen die Priorität geben. Das Zornige und Draufgängerische des Oedipus ist ein Teil seines Charakters. Impulsiv wurde er zum Mörder. Das ist Schuld. Ihm wurde aber immer auch Wahrheit vorenthalten. Das wirkt schicksalshaft.

Oedipus ist eine vielschichtige Person. Was interessiert Dich am meisten an ihm ?
Daβ er trotz der Lüge, die ihn umgibt, die Wahrheit sucht und sich dieser Sachlage stellt, offen und ehrlich. Und daβ er Konsequenzen daraus zieht und so eine neue Basis schafft für seine menschliche Definition und Verantwortung. In der Liebesbindung in der Familie findet er Geborgenheit und Lebensmotivation. In der Analyse seines Falls findet er Klarheit. Durch die Zerstörung seiner bisherigen Lebensform findet er Zugang zu einer höheren Lebenskultur und Weisheit.

Ist Oedipus ein emotionaler Mensch oder ist er vor allem Rationalist ?
Seine Form der Analyse ist emotional. Impulsiv. Ganz ist er nur mit seinen Gefühlen und mit seinem Denken. Ein liebender Denker, der neue Wege der Definition der menschlichen Abhängigkeit und Verstrickung durch bestehende Kulturwerte geht.

Du hast für deine Inszenierung eine eigene Schlußszene geschrieben …
Ja, als Einstieg in einen anderen Kontext. Als Hinweis auf den Antigone-Stoff, der in anderen sophokleischen Stücken weiterentwickelt wird, ober in «König Oedipus» bereits thematisch aufschaut.

Ist die alte Aufgabe der Tragödie, Katharsis, Reinigung, heute noch aktuell?
Nicht nur bei der Tragödie, beim Theater allgemein. Auch eine Komödie sollte etwas bewirken wollen. Unterhaltung ja, ober, dieses und jenes doch nicht verschweigen – oder wenigstens, dieses und jenes, was nicht unterstützt werden sollte, auch nicht unterstützen. Bei der Tragödie suche ich eine Ästhetik der Tiefe, eine Konfrontation mit Grundsätzlichem. Sicher spielerisch, leicht und locker, aber ins Grundsätzliche führend.

Planst Du eine weitere Beschäftigung mit dem antiken Drama ?
Wir planen weitere Auseinandersetzungen mit den Grundfragen des menschlichen Seins, dazu gehören auch die griechischen Dramen, Geschichtsabfolgen, Trilogien, Tetralogien, verschiedene Autoren, Zeiten usw. … bis hinein in die Moderne. In der Beschäftigung mit der Antike interessiert mich die Oedipusthematik über «Kolonos» bis zur «Antigone» auch für das Theater hier in Celle.

 

(Das Gespräch führte Iwona Uberman)

 

 

Das Programmheft
>>>      König Oedipus       pdf, 15 Seiten

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Pressestimme:

>>>  Flotte Enthüllung, König Oedipus im Schlosstheater Celle Hannoversche Allgemeine Zeitung, 19.10.93

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