Steinmann, VEREINSAMKEIT

1994     S / de / D / UA

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Plakat: Ruth Schürmann

Spielleute Luzern, Pavillon, Tomy Büchler

Paul Steinmann: VEREINSAMKEIT
Spielleute Luzern, Pavillon

 

Premiere: 19. Oktober 1994, Uraufführung

 

Inszenierung – Gian Gianotti
Ausstattung – Ruth Schürmann

Musik – Dodo Luther
Licht – Martin Brun
Assistenz – Ursula Mehr
Bühnenbau – Thomy Büchler, Bäni Brun, Christi Fischer
Projektleitung – Franz Koch

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Ensemble:

Martin Amacher, Urs Bättig, Otto Bernauer, Mage Brun, Ursi Brun-Weiss, Hans Eggermann, Alban Fischer, Bea Flückiger, Nynke de Haan, Irene Ibanez-Bucher, Pelham Jones, Renata Kälin, Stephan Kelz, Rita Mäder-Kempf, Kathrin Müller, Markus Oehen, Simon Oehen, Ruth Pfister, Beat J. Reichlin, Veronika Schmidt, Felix Vonwartburg, Sara Wechsler, Sandra Wüthrich

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Mit der grosszügigen Mitarbeit und Unterstützung der Mitglieder des Vereins
Spielleute Luzern

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Paul Steinmann: Gedanken zur Entstehung des Stückes

 

  1. Ausgangsfragen

Wenn ich als Autor davon ausgehe, dass Theater etwas mit dem Leben, hier und jetzt, zu tun haben soll, dann muss ich mir, beim Herangehen an ein neues Stück die Frage stellen: was macht denn heute mein/unser Leben aus?

Also: Worüber muss ich (dringend) etwas sagen? Was beschäftigt mich jetzt (am meisten)? In welche Gedanken, Ideen, Visionen möchte ich Zeit und Energie investieren? Und: Wie geht es mir mit der Welt und dem, was sie zusammenhält? Was macht mir meine Träume schwer und mein Herz bitter? Oder umgekehrt: Was leicht und süss?
Und schliesslich: Kann ich darüber etwas äussern?

Dabei gehe ich davon aus, dass es nichts Neues gibt, keine neuen Themen, keine neuen Geschichten. Es kreist auch das Theater immer um das, worum es auch im Leben dauernd geht und sich dreht: Liebe, Tod, Macht, Ohnmacht, Widerstand, Phantasie, Spannung, Anziehung, Angst.

 

  1. Mitspielen

Auf eine Umfrage der Luzerner Spielleute hin meldeten sich über 20 theaterspielwillige Menschen. Einige andere wollten dieses Spiel organisieren, anleiten, von aussen beeinflussen. Diese Menschen haben ihre Geschichten, ihre Stimmen, ihre Gesichter, ihre Körper, ihre Haltungen, Meinungen, Fragen. Sie stehen in ihrem Leben auch an einem bestimmten Punkt. Sie haben ein Alter, eine Lebenserfahrung, Wünsche an das Leben, Visionen, Enttäuschungen, ein Sehnen, Schmerzen. Mit all dem (und noch viel mehr) betreten sie den Proberaum, die Bühne, stehen sie im Leben. Sie müssen sich behaupten, sich wehren, sich finden, suchen, essen, schlafen.

Diese Menschen unterscheiden sich insofern von anderen Menschen, als sie das Bedürfnis haben, einen Teil von sich selbst einem Publikum zu zeigen. Sie stellen sich hin, zusammen mit anderen, und sagen: Schaut her, so bin ich auch. Um sich aber zu schützen, wählen sie eine Figur aus, die Texte sagt und handelt, wie ein Autor oder eine Autorin es vorbestimmt.

Ich wollte wiederum für genau diese Menschen Figuren erfinden und Texte schreiben. Dafür musste ich sie ein wenig kennen lernen, musste ich sie über ihre Vorstellungen befragen, musste ich sie spielen sehen.

 

  1. 60 Jahre (Die erste Idee)

Die Luzerner Spielleute feiern ihr 60-jähriges Bestehen. Was läge da näher, als sich in einem Theaterstück mit einer Amateur-Theatergruppe auseinander zu setzen. Das sind Leute, die an das Theater Leib und Seele hängen. Die für eine Premiere ein halbes, ein ganzes Jahr ihrer Zeit opfern. Abends nach der Arbeit, an den Wochenenden, in den Ferien. Sie erleben Premieren und die Premierenfeiern als Höhepunkte im Jahr, vielleicht sogar in ihrem Leben.

Doch die Idee war zu wenig griffig. Nach Diskussionen mit der Produktionsgruppe verwarf ich sie und stand wieder am Anfang. Auch wenn ich liebend gerne sicher gewesen wäre, ist es doch nicht schlecht, noch einmal und öfter wieder von vorne anzufangen. Ein Prozess kam in Gang. Neue Ideen wachsen auf dem Kompost der alten.

 

  1. Ein Chor (Zweite Idee)

Klar war zwar noch immer, dass ich eine Gruppe von Menschen zeigen wollte. Menschen, die einer Sache wegen zusammenkommen und gemeinsam etwas tun. Vom Theaterspiel aber war ich weggekommen und dachte daran, einen Gemischten Chor zu porträtieren.

Zum Beispiel bei einer Schallplattenaufnahme. Oder in einem Radiostudio, 1934 bei einen Liveauftritt im Landessender Beromünster. Oder: wie wäre ein Chor zu zeichnen, der sich im Jahre 2034 in einem rustikal nachempfundenen Klubraum zum Singen von Liedgut aus den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts zusammenfindet?

Ich wusste nicht, welche der Situationen die spannendere sein würde, die rückwärts-gewandte (2034), die vorwärts-gerichtete (1934) oder die Situation, in der beide Chöre und Jahre einander gegenüber gestellt wurden.

Doch am Wichtigsten erschien mir immer noch: was für Menschen sind in diesen Chören mit dabei, was machen sie, denken sie, sind sie, haben sie, dürfen sie, sollten sie nicht, wollen sie, entbehren sie? Was sind die Gründe, weshalb Menschen in Chören singen? Was bringt Leute dazu, beträchtliche Teile ihrer Freizeit zu opfern, um auf eine Bühne zu stehen?

Zudem gibt es in solchen Gruppen immer auch bestimmte Gesetzmässigkeiten. So gibt es in allen Gruppen, Vereinen, Clubs ganz bestimmte Rollen, die fast immer besetzt werden.
– Jene, die alles besser weiss, offiziell aber nichts sagt.
– Jener, dem es gefällt, Verantwortung, Macht und Schlüssel zu haben.
– Die Samariter, die guten und die aufdringlichen, die immer da sind, auch wenn man ihre Hilfe gar nicht braucht.
– Die Fixierten, die einmal im Leben eine Idee hatten und diese nun ein Leben lang verkaufen. Und nicht davon zu überzeugen sind, dass die Idee gewissen Mängel haben könnte.
– Die Machenlasser, die selber jede Anstrengung unternehmen, nicht mitdenken zu müssen, die zum vornherein alles den anderen überlassen und nur da sind, wenn sie wollen, sich dann aber unentbehrlich fühlen müssen.
– Die Möchtegerne, die es nie irgendwo geschafft haben und jetzt ihre Künstlerseele im Gemischten Chor glauben ausleben zu müssen. Sie haben sich Allüren zugelegt, hören nie zu, wenn man sie kritisiert und verstehen weder Spass noch die Argumente der anderen, sondern wollen nur eines hören: Lob.
– Die Schwärmer von den alten Zeiten, wo doch alles viel besser war, was natürlich stimmt, denn früher waren die, die jetzt schwärmen, noch jünger und deshalb konnten sie damals besser geniessen und dabei sein und mit saufen und Nächte durchmachen und lachen.
– Die Gewöhnlichen.
– Die Krampfer, die alles tun, was man ihnen sagt. Zuviel vielleicht. Die aufleben in dieser künstlichen Welt. Mitreissend. Aktiv. Kraftvoll.

 

5. Der Chor. der Verein und die Einsamkeit (3. Idee)

Es werden Menschen gezeichnet, es werden Geschichten aufflammen. Es werden die Spannungen gezeigt, die entstehen, wenn eine Gruppe von Frauen und Männern zusammen etwas machen und einer Öffentlichkeit präsentieren will. Hässliche Spannungen, erotische, masochistische und sadistische, unbedarfte, intellektuelle, lustige und tödliche vielleicht.

Nach dieser Phase galt es dann, Rollenbilder zu entwerfen. Ich tat dies aufgrund eines Fragebogens, den die Spielerinnen und Spieler ausfüllten. Nach und nach schälte sich ein Hauptthema heraus. Es würde ein Stück über Einsamkeit werden. Die Gruppe von fast 30 Menschen kommt zwar zum Singen und Jubiläumsfeiern zusammen, aber es sind Menschen, die allein sind oder sich allein fühlen oder allein sein möchten. Diese zwei Seiten, hier das gemeinsame Tun, dort das einsame Denken und Fühlen, wurde für mich das Thema des Stückes.

Zusammen mit dem Regisseur, dem musikalischen Leiter und den anderen Produktionsmenschen, entwickelte sich schliesslich das Stück Unterhaltungsabend: VEREINSAMKEIT.

 

  1. Inhalt

Zu seinem 60-Jährigen Jubiläum gibt der Gemischte Chor ein Konzert. Titel desselben: “TRÄUMEREIEN IN DUR UND MOLL – LIEDER AUS 60 JAHREN”. Mit einem abwechslungsreichen Programm wollen die Mitglieder des Gemischten Chores ihr Publikum unterhalten und gleichzeitig ein wenig in den Erinnerungen blättern. Sie lassen die Jahre, die seit 1934 vergangen sind, musikalisch Revue passieren.

Mitten im Konzert gibt es Stops. Die Zeit wird angehalten, um dem Theaterpublikum die Möglichkeit zu geben, in die Gedanken der Sängerinnen und Sänger Einblick zu erhalten. Gewisse Lieder erwecken in gewissen Chormitgliedern gewisse Erinnerungen. Gedanken aus ferner Vergangenheit tauchen ebenso auf, wie Visionen über die Zukunft und die Probleme, mit denen diese Menschen jetzt zu kämpfen haben. Es gibt Sänger, die erzählen, weshalb sie in diesem Chor singen und Sängerinnen, die erklären, weshalb sie diese wöchentlichen Proben so sehr lieben. Es gibt solche, die einen schwarzen Tag, ein schwarzes Leben hinter sich haben und solche, die nur das Helle, Schöne sehen.

Die Chormitglieder können in Monologen ihre Gedanken formulieren, sie können aber auch Dialogpartner suchen, Gesprächspartnerinnen herbeiwünschen oder -befehlen.

Der Chor, der zu Beginn des Konzertes eine Gruppe (Masse) von anonymen Menschen ist, soll im Verlauf des Stückes immer mehr zu einer Gruppe (Masse) von individuellen Persönlichkeiten werden, deren Geschichten man glauben mag oder nicht, deren Schicksale man bedauern mag oder nicht, deren Lebenswege man mit Spannung und Interesse, mit Abscheu oder mit Lachen, mit Stirnrunzeln oder Gleichgültigkeit verfolgt.

Das Stück entstand also in Zusammenarbeit und im Zusammengehen mit allen, die den Mut aufbrachten, sich auf etwas Neues, Eigenartiges, Unsicheres einzulassen. Ihnen allen gehört mein Dank!

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Und Hoffnung
(von der Schwere der Leichtigkeit)

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Was sucht der Mensch im Leben
wenn er nach dem Sinn im Leben sucht?

Er sucht nach Form von Sein im Leben,
die ihn in seine Form von Leben führt

und findet dann vielleicht ein Bild
das ihm sein Sein verspricht

und bildets dann
und knetets fest
zu Stand und Klump

und findet sich
im Suchen stets
nach neuem Stoff
zu kneten fest

bis alles dann
vielleicht gelingt:
so leicht, so stimmig klar,

dass ihm das Leben
stimmig leicht
ist Form und Stand
zu leichtrer Suche dann.

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Gian Gianotti, Luzern 1994

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Pressestimmen: 

>>>  Die Spielleute proben das Leben im Verein  LNN, Eva Roelli  13.10.94
>>>  ‘Vereinsamkeit’ mit Unterhaltung und Tiefgang  Luzerner Zeitung, pb.  18.10.94
>>>  Gefühl von Leere ‘zwischen hier und Du’  Luzerner Zeitung, Hugo Bischof  21.10.94
>>>  Vereint im Verein und doch einsam  LNN, Urs Bugmann  21.10.94
>>>  Vom ewigen Besserwisser zum unbarmherzigen Samariter  Information Szene, Hansueli W. Moser.-Ehinger  22.10.94

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Gianotti, JOHANNA & Co.

 

 

Gian Gianotti,  JOHANNA  & Co.  –  Eine szenische Lesung im Studio.

Schlosstheater Celle, Malersaal,  1994   S / DE
Intendant:  Serge Roon

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Mit:
Susanne Burkhard
Christine Passow
Isabella Wolf
Veronika Wolff

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Die Angaben aus dem Spielzeit-Programm:

Mittel-Seite 28-29

Studio im Malersaal

Bisher wurde hier gehandwerkt. In Zukunft soll es so bleiben.
Wir werden im Malersaal, in dieser nüchternen
Atmosphäre ohne Vorhang, doppelten Boden, Flimmer
und Glimmer, Projekte erarbeiten, Werkstatt-Theater machen.
Wir wollen hier handwerklich mehr riskieren als auf der Hauptbühne.
Was auch meint: extrem, überraschend,
aber auch spielerisch Theater machen.
Damit werden wir einem neugierigen Publikum die
Möglichkeit geben, uns genauer auf die Finger zu sehen, zu
erleben wie manchmal aus Handwerk Kunstwerk wird.

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Seite 32

Johanna, eine Frau.

“Ditié de Jeanne d’Arc” von Christine de Pisan
“Johanna” von Martin de Franc
“Dame du temps Jadis” von François Villon
“Jeanne d’Arc in Heinrich VI” von Shakespeare
“Johannae virginis Francae” von Vallerand de Verranes
“Tragedie de Jeanne d’Arques” von Anonym
“Jeanna Darcia” von Nicolaus Vernulaeus
“Die Heldin von Orléans” von Johann Gottfried Bernhold
“Die heilige Johanna” von Friedrich Schiller
“Die heilige Johanna” von Bernard Shaw
“Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertolt Brecht
“Johanna auf dem Scheiterhaufen” von Paul Claudel
“Jeanne d’Arc” von Max Mell
“Jeanne oder die Lerche” von Jean Anouilh

… wer ist Johanna?

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Johanna
Ein szenisches Projekt
von Gian Gianotti

Inszenierung: Gian Gianotti
Ausstattung: Linda Kowsky

ab 28.01.1994

 

 

 

Was das Projekt wollte:

Text:  Gian Gianotti,  Johanna & Co.
Die Produktion sollte eine engagierte, schnelle und direkte Theater-Kommunikation im neuen  “Studio im Malersaal”  definieren.
Das Thema von Schiller, Shaw, Brecht, Anouilh … hätte mit Zitaten aus aktuellen Berichten zur  “Johanna-Haltung-Heute”  ein eher jüngeres und engagiertes Publikum erreichen wollen.
Theater-intern wollte ich als Oberspielleiter mit dieser Produktion neue theatralische Arbeitsweisen der  Szenischen Lesung  angehen – vom theatralischen zum direkten Gespräch.

Nach der ersten Probewoche wurde das Projekt am 11. Januar 1994 vom Intendanten abgesetzt. Damit war mein Vertrag als Oberspielleiter in Celle gebrochen und die Zusammenarbeit abgeschlossen.

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PS:  Nach über 20 Jahren kann ich nur sagen:   Zum Glück !
Nur mit Druck kann man kein Theater machen  –  Zum doppelten Glück !

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