Nager, ATTINGHAUSEN

1993     S / de / D / UA

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Grafik: Hans-Rudolf Lutz mit Marc Philipp

Verein Attinghausen, Altdorf/Gessneralle Zürich, F.X. Nager

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Franz Xaver Nager: ATTINGHAUSEN – Autor und Projektleiter
Sprechoper von Christoph Baumann, Gian Gianotti, Franz Xaver Nager

Altdorf/Gessneralle Zürich

Premiere: 24. November 1993
Aufführungen: 26., 27., 28. November,  3., 4., 5. Dezember in Altdorf, Tellspielhaus
8., 10., 11. Dezember in Zürich, Theaterhaus Gessnerallee
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Musik – Christoph Baummann
Inszenierung – Gian Gianotti
Bühne – Ruedi Schärer
Licht – Rolf Derrer

Kostüme – Lilo Kuhn
Requisiten – Fredy Burkart
Maske – Jakob Peier

Technik – Fredy Burkart, Ruedi Schärer

Produktionsleitung – Franz Xaver Nager

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Premierenmeldung aus dem BLICK vom  25.11.93

Geschichte steht Kopf
Gessler war ein Einheimischer!
Altdorf UR – Auf den Brettern des Altdorfer Tellspielhauses, wo sonst Gessler vom Tell-Pfeil getroffen zu Boden sinkt, ereignet sich Ungewöhnliches: Landammann Johann von Attinghausen wird von einem Dienstmann mit der Axt erschlagen. So will es die Sprechoper “Attinghausen”, die am Mittwoch Premiere hatte.

Vierzig Urner Schauspieler beschäftigen sich mit ihrer Geschichte und ihrer Zukunft. Sie singen nicht, sie sprechen: Opernmelodie ist ihr farbiger, weit ausschwingender Dialekt.

Grundlage sind neue Forschungsergebnisse des Historikers Dölf Wild. Dieser kommt zum Schluss: Tell, falls es ihn gegeben hat, widersetzte sich keinem fremden Vogt. Gessler muss ein Einheimischer gewesen sein. Und als solcher “Zwingherr” käme Johann von Attinghausen in Frage – der Sohn jenes Werner von Attinghausen, der in Schillers “Wilhelm Tell” die Freiheitsbestrebungen der Bauern unterstützte.

Der Urner Autor Franz Xaver Nager zeigt ihn als Politiker und Wirtschaftsmagnaten, der Entwicklungen in die Wege leitete, die Uri grundlegend veränderten.

Bei der Premiere gab es herzlichen Applaus. “Attinghausen” wird noch bis 5. Dezember in Altdorf und ab 8. Dezember in der Zürcher Gessnerallee gespielt.

Josef Ritler

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>>>  Informations-Dossier zu  ATTINGHAUSEN  von Franz Xaver Nager, Initiant und Projektleiter        pdf, 14 Seiten

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Mitspieler:

Johannes von Attinghausen – Marco Schenardi
Schweinsberg – Werner Biermeier
Rudolf Meier von Silenen – Stefan Gisler
Johann Meier von Bürglen – Josef Arnold-Luzzani
Rudolf Fürst – Walter Müller

Konrad Kluser – Toni Huber-Albrecht
Trudi Kluser – Anita Schenardi-Arnold
Elsi – Anne Marie Germann-Dahinden

Ueli Knutli – Bernhard Dittli
Hedi Knutli – Sandra Arnold
Walti Knutli – Andri Schenardi

Werner Schüdier – Alois Telli
Sepp – Matteo Schenardi
Pfarrer – Bruno Zurfluh

Vier Bauarbeiter – Thomas Gisler, Hans-Jakob Jauch, Roger Arnold, Stefan Gisler

Drei Kinder – Simone Hofmann, Franziska Jauch, Brigitte Blunschi

Landleute von Uri:
Gabriela Arnold, Franz-Xaver Huber-Nauer, Maria Imhof-Gisler, Michael Imhof-Gisler, Eva Jauch-Kessler, Agnes Müller-Schönenberger, Beat und Gaby Wyrsch-Moriggia

Äbtissin des Fraumünsters – Irene Fussen-Felder
Rudolf Brun – Josef Hürlimann
Heinrich Biber – Hermann Herger

Jakob – Clemens Jauch
Magdalena – Zita Albrecht Huber

Zwei Lustmädchen – Carmen Valsecchi, Franziska Dahinden

Stoffhändlerin – Heidi Hofmann-Arnold
Salzhändlerin – Regina Nager-Schmidig
Eisenwarenhändler – Richi Tschanz

 

Orchester:

Christoph Baumann – Klavier, Leitung
Simon Beyeler – Violine
Marie Schwab – Viola
David Gattiker – Violoncello
Jacques Siron – Kontrabass
Dorothea Schürch – Vocal
Martin Schlumpf – Bassclarinette
Priska Walss – Trompete
Stephan Diethelm – Perkussion

 

Allgemeine Mitarbeit:

Benno Germann (Ton), Leo Brücker-Moro (Inspizienz), Christoph Hirtler (Fotos), Marc Philipp, Hans-Ruedi Lutz (Grafik), Erich Megert (Logistik), Peter Zgraggen (Finanzen), Ruth Gisler, Linda Gamma, Simona Bossard-Bissig, Hans Fussen-Felder, Julia Huber, Eva Jauch-Kessler (Sekretariat), Claudia Arnold-Stadler, Esther Gamma, Lisbeth Grossrieder-Simmen, Simone Girardin (Schneiderei), Thomas Gisler, Markus Holzgang (Bühnenbau), Reto Gamma (Medienbetreuung), u.a.

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Inhaltsangabe

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erstes Bild

Nach der Totenmesse für ihren Landammann erörtern die Urner Landsleute die Lage ihrer Heimat. Der Sohn des Verstorbenen, der Freiherr Johannes von Attinghausen, setzt seinen Anspruch auf die politische Führerschaft durch. Als neuer Landammann verspricht er allen, die mit ihm am gleichen Strick ziehen, eine bessere Zukunft.

zweites Bild

lm Schächental hat der Bergbauer Ueli Knutli ein mühseliges Auskommen. Seiner Frau Hedi, der Tochter des Grossbauern Rudolf Fürst, machen die kargen Lebensverhältnisse und Uelis Eigensinn besonders zu schaffen. Attinghausen stellt ihnen neue Verdienstmöglichkeiten in Aussicht.

drittes Bild

In Zürich hat der Urner Landammann als Richter über die Klagen der Fraumünsteräbtissin gegen ihren Dienstmann in Bürglen zu befinden. lm Gespräch mit Bürgermeister Rudolf Brun erkennt Attinghausen, dass ihm der Gotthard ungeahnte wirtschaftliche und politische Perspektiven eröffnet.

viertes Bild

Auf dem Altdorfer Marktplatz findet Attinghausens Ankurbelung des Gotthardhandels und des Söldnerwesens nicht nur Zustimmung.

fünftes Bild

Um die Gotthardroute besser zu kontrollieren, lässt Attinghausen den Turm bei Amsteg zu einer grossen Festung ausbauen. Der Vorwurf wird laut, dass der Bauherr mit dieser ‘Zwing Uri’ wohl eher die Knechtung der eigenen Landsleute im Auge habe.

sechstes Bild

Zusammen mit dem Meier von Silenen kehrt Attinghausen aus Italien heim, wo mit den Visconti günstige Zollverträge abgeschlossen werden konnten. lm Gespräch mit seinem Parteigänger wird Attinghausens wachsende Geringschätzung für die Urner Landleute offenkundig.

siebtes Bild

In Klusers Gastwirtschaft kommt es zum Streit zwischen Fürst und seinem Schwiegersohn, der sich als ‘Viehdieb’ mit dem Meier von Bürglen angelegt hat.

achtes Bild

In Zürich soll der Bürgermeister in einem Erbstreit zwischen der Äbtissin und Attinghausen vermitteln. Brun stellt sich auf die Seite des Urner Freiherrn. In aufgeräumter Stimmung planen die beiden Machtpolitiker den Ausbau der Eidgenossenschaft.

neuntes Bild

Mit Attinghausens Aufstieg haben sich auch dessen Moralvorstellungen gewandelt. Als er unverblümt Druck aufsetzt, um sich die schöne Hedi Knutli gefügig zu machen, nimmt das Unheil seinen Lauf.

zehntes Bild

Ob dem Tod Attinghausens gerät das urnerische Machtgefüge ins Wanken. Der Meier von Bürglen bringt Attinghausens eigennützige Machenschaften ans Tageslicht. Er nutzt die Gunst der Stunde, um sich als neuer Führer zu profilieren und mit seinen Gegnern abzurechnen.

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. . ..Etz gseet

Fotos von Christof Hirtler, Altdorf

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Dölf Wild, Das historische Quellenmaterial, 1993:
>>>  Attinghausen, Uri und die Eidgenossenschaft       pdf, 15 Seiten

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Das Programmheft oder das Libretto (?)

 

 

Pressestimmen: 

>>>  ‘Attinghausen’ setzt neue Akzente  Urner Zeitung, UZ.  2.3.93
>>>  Aufstieg und Fall eines Urner Machthabers  Alternative, Armin Braunwalder  September 93
>>>  ‘Eppän äinisch isch de ggnüägg’  Luzerner Zeitung  5.11.93
>>>  ‘Dr Fortschritt laat si nit la brämsä’  Urner Zeitung, sib.  6.11.93
>>>  ‘Ryybed iär zersch äinisch dr Flaarz uss dän Äuga!  Urner Wochenblatt  13.11.93
>>>  Z Boodä mit dem Hèrräsitz  LNN Apéro, Heinz Stadler, Michael Solomicky, Urs Mattenberger, Ruedi Bomatter, Bilder Christof Hirtler  18.11.93
>>>  Auf wen schoss Wilhelm T.?  Wochenzeitung WOZ, Othmar Bertolosi  19.11.93
>>>  Gianottis Musiktheater-Projekt ‘Attinghausen’  Bündner Zeitung, sda  19.11.93
>>>  Gessler war ein Einheimischer!  Blick, Josef Ritler  25.11.93
>>>  ‘Diä Atlechä bifäälet, d’Püürä häntschnet’  LNN, Urs Mattenberger  26.11.93
>>>  Kino ohne Leinwand  Basler Zeitung, bli  26.11.93
>>>  Gelungen  Tages Anzeiger, Thomas Meyer  26.11.93
>>>  Viel Applaus für ‘Attinghausen’  Urner Zeitung 26.11.93
>>>  Aufstieg und Fall eines Urner Ritters  Luzerner Zeitung u.a., Fritz Schaub  26.11.93
>>>  Parabel vom Dilemma einer Randregion am Puls der Zeit  Solothurner  27.11.93
>>>  Vom Versuch, ‘äs Gschichtli z verzellä’  Urner Wochenblatt, Christian Mattli  27.11.93
>>>  Altdorfer Sprech-Tell bringt die Tellsage ins Wanken  Tages Anzeiger Kulturtips, Reto Gamma  27.11.93
>>>  ‘Attingnhausen’ in Altdorf, an den Rändern schaut die Realität herein  Bündner Zeitung, Reinmar Wagner  27.11.93
>>>  Aufstieg und Fall eines Gotthardpolitikers  NZZ René Karlen  27.11.93
>>>  Frevel am Gotthard  Tages Anzeiger Magazin, Martin Schaub  27.11.93
>>>  Wagnis und kühne Herausforderung  Information Szene  27.11.93
>>>  Kulturereignis um eine Kultfigur  SonntagsZeitung, Christina Gubler  28.11.93
>>>  Pressespiegel zur Sprechoper ‘Attinghausen’  Urner Woche,  1.12.93
>>>  Neue Töne aus Uri  Züri Woche, Anne Reich  2.12.93
>>>  Innerschweizer Impressionen à discretion  Solothurner  9.12.93
>>>  ‘Am Ättighüüsä syys Aggräis’  Berner Zeitung, Peter Brunner  8.12.93
>>>  Der Apfelschuss ist Dekoration  Tages Anzeiger, Thomas Meyer  3.12.93
>>>  Uri am Puls der Zeit  Die Weltwoche, Christian Seiler  2.12.93

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Sophokles, KÖNIG OEDIPUS

1994     S / D

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Schlosstheater Celle, Direktion: Serge Roon

OEDIPUS, ein König
In der Übersetzung von Kurt Steinmann

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Premiere: 15. Oktober 1993

 

 

Meine Kraft ist mein Sehen
mein Sehen Blindheit
meine Blindheit Licht

Gian Gianotti

 

 

Besetzung

Oedipus – Rainer Süssmilch
Kreon – Jürgen Lorenzen
Iokaste – Veronika Wolff
Antigone – Susanne Burkhard
Teiresias – Eberhard Hoffmann
Bote aus Korinth – Günter Adnan Köse
Hirte des Laios – Helmut Thiele

Chor:
Christine Passow
Christiane Pohle
Isabella Wolf
Bernd Lamprecht
Marius Marx

 

Leitung:

Inszenierung – Gian Gianotti
Ausstattung – Paolo Bernardi
Dramaturgie – Iwona Ubermann
Musik – Martin Lingnau

Regieassistenz und Chorkorrepetition – Marius Marx
Bühnenbildassistenz – Linda Kowsky
Kostümassistenz – Ursel Heinrich
Hospitanz – Annika Kippel

 

 

Zur Musik, aus der Vereinbarung mit Martin Lingnau
Ausgehend von ‘Teiresias’ möchte ich eine Gesprächsfähigkeit mit der übersinnlichen Ordnung erreichen/erzeugen/provozieren. Über die Musik soll eine ‘natürliche Sensibilität’ und ‘Aufmerksamkeit’ erreicht und gezeigt werden.

Dafür wünsche ich mir:

  • einen Grundteppich an natürlichen Klängen, Geräuschen (Wind, Wasser, Temperaturwechsel, tektonische Verschiebungen usw.) oder liegende, künstliche Klänge, die mit der Konsonanz, Dissonanz und Dynamik Räume aufmachen,
  • um darüber einzelne Wal-Klänge oder Wal-Pfiffe* als Akzente zu platzieren, die auf Textstellen und Situationen der Inszenierung zur Vor- oder Nachbereitung, Befragung oder Bestätigung einer Aussage oder Situation einwirken.

*CD Blackfish Sound – John Ford, Underwater Communication of Killer Whales in British Columbia, VACD 900, 1992 BANFF MUSIC

Gian Gianotti, 9.9.93

 

 

Oedipus und die Sphinx
Hellmut Flashar

Die Sphinx als Mischwesen mit Löwenleib und Menschenkopf ist orientalischen Ursprungs. Bei den Ägyptern wurde so die geistige und physische Macht des Königs dargestellt. Über Kreta und Mykene drang die Sphinx in die griechische Kunst ein, vor Tempeln als Wächter, aber auch in anderen Formen und Funktionen. In der literarischen Überlieferung ist sie nur mit dem Oedipus-Mythos verbunden. Die Ursprünge liegen im Dunkeln. In der Theogonie Hesiods (7. Jahrhundert v. Chr.) wird eine «Phix» als für Theben verderblich bezeichnet; vielleicht war sie ursprünglich eine alte, unheimliche Berggöttin, die später mit dem Bild der Sphinx verschmolzen wurde.

Warum die Sphinx Theben bedroht, geht aus der Überlieferung nicht mehr klar hervor. Jedenfalls erschien sie vor Theben, als König Laios, der Vater des Oedipus, abwesend war, um das Orakel in Delphi zu befragen. Sie nützte das Machtvacuum aus.

Der Oedipus – Mythos ist keine feststehende Größe; er wird in der Dichtung, in der bildenden Kunst und wohl auch in mündlicher Überlieferung ständig weiterentwickelt. Ob in einer frühen Fassung Oedipus die Sphinx im Kampf überwand, wie es griechische Helden (z.B. Herakles) gewöhnlich mit Ungeheuern tun, wissen wir nicht. Archäologische Zeugnisse erlauben den Schluß, daß die Sphinx im 6. Jahrhundert v. Chr. zur Rätselstellerin wird und sich selbst den Tod gibt, als Oedipus das Rätsel löst. Das Rätsel selbst ist uns erst durch spätere Quellen überliefert. Es lautet (im Griechischen in der Versform des Hexameters): «Es gibt auf der Erde ein Wesen, das ein und dieselbe Stimme hat, aber zwei, vier und drei Füße. Es allein verwandelt sich von allen Geschöpfen, die sich auf der Erde, in der Luft und im Wasser bewegen. Doch wenn es, auf die meisten Füße gestützt, geht, dann ist die Kraft dieses Wesens in seinen Gliedern am schwächsten».

Viele Thebaner konnten dieses Rätsel nicht lösen und wurden Opfer der Sphinx. Offenbar suchten sie nach einem Wesen, das die genannten Eigenschaften gleichzeitig besitzt. Oedipus hat entdeckt, daβ es sich um das Nacheinander eines solchen Wesens (Kindheit, Reife, Alter) handelt. Er hat damit die Dimension der Zeit entdeckt, die zuerst an der Lebenszeit erfahren wird, wie wir es in der frühgeschichtlichen Dichtung und Philosophie gerade des 6. und frühen 5. Jahrhunderts v. Chr. eindringlich und erstmals belegt finden. Daβ des Rätsels Lösung der Mensch ist, eröffnet zugleich die Möglichkeit, die Lösung des Rätsels mit dem Löser in Verbindung zu bringen, d. h. das Schicksal des Oedipus als Symbol für die Verfassung des Menschen zu deuten, zunächst wohl in dem Sinne, da6 der Mensch sich seiner Grenzen und Hinfälligkeit bewußt sein soll.

Dies alles ist bei Sophokles schon vorausgesetzt, vor allem durch das im Jahre 467 v. Chr. in Athen aufgeführte Oedipus Drama des Aischylos innerhalb einer Tetralogie, die als letztes Stück das Satyrspiel «Sphinx» enthielt, das uns ebensowenig erhalten ist wie der «Oedipus» des Aischylos.

Sophokles deutet in seinem Drama mehrfach auf die Besiegung der Sphinx hin. Diese Tat gilt als ein Zeugnis höchster Intelligenz, mit der Oedipus die Stadt gerettet hat. Weil er dies geleistet hat, soll er nun – das ist die Ausgangslage bei Sophokles die Stadt angesichts der Bedrohung durch die Pest noch einmal retten. Aber die Besiegung der Sphinx markiert zugleich den Weg ins Unheil. Denn als neuer König von Theben wird Oedipus zugleich Gemahl der Königin, seiner (unerkannten) Mutter. Der gro6e Rätsellöser wird letztlich das Opfer. Aber es bleibt in allen von Sophokles beeinflußten Zeugnissen abendländischen Denkens und Dichtens die Lösung des Rätsels der Sphinx durch Oedipus mit dem Rätsel Mensch, seinem Wesen, seinen Möglichkeiten und Grenzen verknüpft.

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(Hellmut Flashar ist ordentlicher Professor für Klassische Philologie an der Universität München. Sein Text «Oedipus und die Sphinx» wurde eigens für unser Programmheft geschrieben.)

 

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Die Pest
Kurt Steinmann

Der Anfang des OEDIPUS: Wehgeschrei, Flehen, Not. Theben treibt dahin wie ein Schiff im Orkan’ Die Stadt ist krank, stirbt. Ihr Immunsystem ist zusammengebrochen: das Getreide verfault, das Vieh verendet, die Frauen erleiden Fehlgeburten. Zu diesen Schrecknissen hinzu die PEST. Warum? Die Stadt birgt in ihren Mauern ein Miasma, eine moralische Befleckung. Das Hinsterben ist der somatische Ausdruck innerer Fäulnis’ Theben ist schuldig: die Mörder des Laios wurden nicht aufgespürt’ Oedipus soll helfen als Retter, als «Heiland» (sotér). Die Polis, keinen anderen Ausweg erkennend, wirft sich ihm blind vertrauend in die Arme. Wer schon einmal Unglück bannte, wird auch diesmal den Heilsweg finden’ Doch der vermeintliche Helfer entpuppt sich als «eine Herrlichkeit, darunter von Übeln eiternd»., als Verursacher der Katastrophe. Wehe dem Land, dessen Not so groß ist, daβ es seine Errettung von einem einzigen Heilsbringer erwartet !

Im Fortgang des Stücks wird die Fahndung dem Laios-Mörder abgelöst von Oedipus’ Suche nach seiner Identität. Damit wird auch die Pest ausgeblendet, ja, ihr Ende wird nicht erwähnt, nur stillschweigend angenommen mit der Aufdeckung des Laios – Mörders. Die Pest ist der Katalysator des Plots.

Der OEDIPUS wurde zwischen 429 und 425 v. Chr. aufgeführt. Die Athener im Dionysostheater erinnerten sich natürlich an ihren Übervater Perikles und an die Pest, die 429 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Viele hatten Angehörige verloren, und erschüttert dachten sie wohl an ihre Lieben, wenn der Chor von den Söhnen der Stadt sprach, die «unbetrauert am Boden liegen, todverbreitend, unbeweint».

Der OEDIPUS reflektiert das Geschehen der realen Pest, die wie Thukydides schildert, auch Religion und Moral untergrub.

Die Pest ist Chiffre für alles Destruktive und Nekrophile unserer Welt. Für «Pest» Synonyma zu finden, ist heute leider nur allzu leicht.

 

(Kurt Steinmann ist Mittelschullehrer für Altphilologie in der Schweiz. Er übersetzt und kommentiert für Reclam die griechischen Tragödien neu. Sein Text «Die Pest» wurde ebenfalls für unser Programmheft geschrieben.)

 

 

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Aus dem Programmheft:  Ein Gespräch mit dem Regisseur

 

Ist «König Oedipus» ein Schicksalsdrama oder ist es eher eine Schuldtragödie ?
Ich möchte keiner dieser Richtungen die Priorität geben. Das Zornige und Draufgängerische des Oedipus ist ein Teil seines Charakters. Impulsiv wurde er zum Mörder. Das ist Schuld. Ihm wurde aber immer auch Wahrheit vorenthalten. Das wirkt schicksalshaft.

Oedipus ist eine vielschichtige Person. Was interessiert Dich am meisten an ihm ?
Daβ er trotz der Lüge, die ihn umgibt, die Wahrheit sucht und sich dieser Sachlage stellt, offen und ehrlich. Und daβ er Konsequenzen daraus zieht und so eine neue Basis schafft für seine menschliche Definition und Verantwortung. In der Liebesbindung in der Familie findet er Geborgenheit und Lebensmotivation. In der Analyse seines Falls findet er Klarheit. Durch die Zerstörung seiner bisherigen Lebensform findet er Zugang zu einer höheren Lebenskultur und Weisheit.

Ist Oedipus ein emotionaler Mensch oder ist er vor allem Rationalist ?
Seine Form der Analyse ist emotional. Impulsiv. Ganz ist er nur mit seinen Gefühlen und mit seinem Denken. Ein liebender Denker, der neue Wege der Definition der menschlichen Abhängigkeit und Verstrickung durch bestehende Kulturwerte geht.

Du hast für deine Inszenierung eine eigene Schlußszene geschrieben …
Ja, als Einstieg in einen anderen Kontext. Als Hinweis auf den Antigone-Stoff, der in anderen sophokleischen Stücken weiterentwickelt wird, ober in «König Oedipus» bereits thematisch aufschaut.

Ist die alte Aufgabe der Tragödie, Katharsis, Reinigung, heute noch aktuell?
Nicht nur bei der Tragödie, beim Theater allgemein. Auch eine Komödie sollte etwas bewirken wollen. Unterhaltung ja, ober, dieses und jenes doch nicht verschweigen – oder wenigstens, dieses und jenes, was nicht unterstützt werden sollte, auch nicht unterstützen. Bei der Tragödie suche ich eine Ästhetik der Tiefe, eine Konfrontation mit Grundsätzlichem. Sicher spielerisch, leicht und locker, aber ins Grundsätzliche führend.

Planst Du eine weitere Beschäftigung mit dem antiken Drama ?
Wir planen weitere Auseinandersetzungen mit den Grundfragen des menschlichen Seins, dazu gehören auch die griechischen Dramen, Geschichtsabfolgen, Trilogien, Tetralogien, verschiedene Autoren, Zeiten usw. … bis hinein in die Moderne. In der Beschäftigung mit der Antike interessiert mich die Oedipusthematik über «Kolonos» bis zur «Antigone» auch für das Theater hier in Celle.

 

(Das Gespräch führte Iwona Uberman)

 

 

Das Programmheft
>>>      König Oedipus       pdf, 15 Seiten

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Pressestimme:

>>>  Flotte Enthüllung, König Oedipus im Schlosstheater Celle Hannoversche Allgemeine Zeitung, 19.10.93

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Gryphius, PETER SQUENTZ

1993     S / D

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Gryphius: PETER SQUENTZ
Schlosstheater Celle, Direktion: Serge Roon

 

Andreas Gryphius

HERR PETER SQUENTZ, ein Schimpffspiel

Schlosstheater Celle, Direktion Serge Roon
Premiere: 13. August 1993, 20.30 Uhr, Schlossinnenhof / Hauptbühne

 

Inszenierung: Gian Gianotti
Ausstattung: Alex Müller
Musikalische Einrichtung: Martin Lingnau
Dramaturgie: Martina Rolf
Regieassistenz: Marius Marx

 

Besetzung:

Herr Peter Squentz: Herbert Karsten
Pickelhäring: Günter Schaupp
Meister Krix: Susanne Burkhard
Meister Bulla Buten: Ercan Durmaz
Meister Klipperling: Marius Marx
Meister Lollinger: Helmut Thiele
Meister Klotz-George: Bernd Lambrecht
Der König: Helmut Dicke
Die Princessin: Christine Passow
Der Marschalck: Eberhard Hoffmann

 

Doppelinszenierung für den Schlossinnenhof und für die Hauptbühne
(während des Spiels konnte bei Regen in 15 Minuten von der Freilicht- auf die Bühnenvariante umgestiegen werden)

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Ein Gespräch zur Inszenierung, aus dem Programmheft:


Schon bei der ersten Lektüre des Squentz-Textes faszinierte mich sofort ein Satz in der 1. Szene, “Der Mond muss darbey seyn, wenn wir die Comoedie spielen.”

Der Mond wird hier überraschenderweise und ganz naiv einfach als Trabant behandelt, der dem Wunsch des “egozentrischen Künstlers” schlicht folgen muß. Er hat natürlicherweise zu scheinen, wenn wir uns schon äußern.

Warum dieses Stück als erste Aufführung eines Neuanfangs insgesamt?

Gewissermaßen symbolisch? Nein, im Stück kommen Menschen zusammen und wollen spielen für ein Publikum, von dem sie gehört haben, daß es theaterinteressiert sei. “Uns zur Freude und zur Bestreitung der Einnahmen.”

Gryphius ist ja ein eher selten gespielter Autor.

Es sieht so aus, wenn man die Spielpläne durchsieht – aber der Autor ist doch einigermaßen bekannt, vom Namen her. Daß er selten aufgeführt wird, geschieht ganz zu Unrecht.

Aber diese altdeutsche, barocke und kauzige Sprache ist uns doch sehr fremd geworden. Muß man den Text für ein heutiges Publikum modernisieren?

Nein. Meines Erachtens ist das für die Leichtigkeit einer Komödienpräsentation gar nicht nötig. Ich möchte uns konfrontieren mit der Kauzigkeit dieser Vorlage, dieser Personen, die damit ja auch ihre Welt präsentieren, ihre Originalität, ihre Zeit. Gryphius, das ist ein freudiger, barocker Sprachschmaus.

Der König im Stück ist eine überaus leutselige, humorvolle Persönlichkeit. War das eine Verbeugung des Autors vor den damaligen, noch sehr restriktiven Verhältnissen? Hatte er Angst vor der Zensur, oder fürchtete er gar um seinen Kopf?

Wenn sie es nicht direkt auf einen Kopf abgesehen hatten, waren die Herrscher schon immer freundliche Persönlichkeiten, und ganz besonders wenn sie einen guten Tag hinter sich hatten. Und das erwähnt unser König bei seinem Auftritt, “Wenn heute schon alles so gut gegangen ist mit unseren Geschäften, dann gönnen wir uns doch auch noch etwas Theater, so zum Dessert…” (frei zitiert).

Peter Squentz, ein quasi Jean Paulsches Dorfschullehrerlein, ist verblüffend gebildet. Darf man das als historisch möglich ansehen?

Peter Squentz ist eine Kunstfigur, und vielleicht karikiert der Autor damit auch ein ländlich/provinziell/überehrgeiziges Allerweltswissen. Gryphius allerdings war ein sehr gebildeter Protestant, Politiker, Erzieher.

Eine letzte Frage. War die Uraufführung des Textes eine Freilichtaufführung?

Ich konnte nirgends herausfinden, wann, wie oder wo die Uraufführung des Werkes stattfand, nehme es aber nicht an. Die Dialogführung ist hier, verglichen mit anderen Vorlagen aus der Zeit, zu außergewöhnlich fein schattiert. Aber gerade das interessiert uns: Mit dem “Spektakel Freilichttheater” auch künstlerisch feinschattierter umzugehen.

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Cellesche Zeitung, Montag, 16. August 1993
Schloßtheater-Premiere von “Herr Peter Squentz”

Unterhaltsames Possenspiel

Als Auftakt der Spielzeit 1993/94 Sommertheater im Celler Schloßhof. Das Wetter hatte sich schließlich doch für ein freundliches Gesicht zu diesem Anlaß entschieden. Und die abendlichen Besucher wurden bereits vor dem Schloß von Schülern des KAV-Gymnasiums musikalisch eingestimmt auf ein unterhaltendes Spiel aus Farbenpracht und komödiantisch- schillernder Darstellung.

Der “Herr Peter Squentz” des Andreas Gryphius würde alsbald heraustreten, Namen für Namen die braven Handwerker von Rumpelskirchen heranrufen, um ihnen mitzuteilen, daß der König mit Gefolge durch den Ort kommen werde, und man ihm bei dieser Gelegenheit eine – schöne Komödie tragieren wolle. Die Liebesmär von Piramus und Thisbe soll es sein.

Eifrige Zustimmung, dann ratloses Staunen – wer soll denn den Löwen spielen und wie ihn zum Sprechen bringen, und wie sollen sie’s mit der Wand halten, einer Wand, die redet? Auch ein Brunnen muß her, natürlich ein Brunnen, der Wasser spritzt. Und der Mond, wie, wenn er zu dieser Stunde nicht scheint? Aber der Mond muß da sein, sonst wird die ganze Komödie zunichte gemacht. Den Piramus zu finden, ist nicht allzu schwer, aber Thisbe, woher die nehmen?

Unaufhaltsam treiben die Vorbereitungen nun ihrem Höhepunkt entgegen, einem tölpelhaften Spiel aus übertriebenen Gebärden und derber Sprache. Inszenierung (Gian Gianotti) und Ausstattung (Alex Müller) harmonieren völlig miteinander. Das Schloss selbst und drei, Trichtern ähnliche, begehbare Objekte, zum Dreieck auf dem Hof angeordnet, sind die wirkungsvollen Requisiten dieser Aufführung.

Eine saftige Farbenpalette überzieht die gesamte Szenerie und bietet dem Auge eine schwelgerische Optik höfischer Lebensphilosophie wie kurzwelliges Amüsement angesichts des theatralischen Aufzugs der Handwerksmeister. Dieses Erscheinungsbild wird von der Regie mit einem bis zum Exzeß bewegten Schwung ausgefüllt.

Das Spiel ist fast nicht zu bremsen, scheint es bisweilen, fängt sich jedoch immer wieder, hastet, überrascht von albernen Einfällen, voran, nutzt mit gelegentlich ausschweifender Lust und hemmungslosem Übermut die Gegebenheiten auf- und abzurennen, sich im Kreis zu drehen, mal von oben, mal von unten einen Blick auf die eigene Posse zu werfen.

Das adelige Publikum im Stück – der König (Helmut Dicke), die Prinzessin (Christine Passow), der Marschalck (Eberhard Hoffmann) mischt sich hier und da mit süffisanten Kommentaren ein. Insgesamt hält Gian Gianotti diese Gruppe am Rand des Geschehens. Sie bleibt gerade soweit gegenwärtig, daß der Sinn des ganzen Aufhebens nicht völlig in Vergessenheit gerät – nämlich durch die artikulierte Distanz zwischen der höfischen Gesellschaft und der niederen Herkunft der Handwerker, durch das bewußt-bissige, unbewußt-lächerliche Reagieren aufeinander, das absurd-Komische der Situation aufzudecken. Die Schein-Wirklichkeit, in die sich die Aristokraten zurückgezogen haben, die Illusion, in der die Handwerker ihr Sein (er)tragen, verwischen die Grenzen.

In den Mittelpunkt dieser Aufführung rücken die Außenseiter des barocken Welttheaters, hier die Handwerker. Sie vergnügen sich mit drastischen Späßen und Mätzchen, mit clownesken Einfällen, wie sie von den Wanderbühnen bekannt sind, sie reden, unbekümmert ihre Verse verstümmelnd, als seien sie zu Hause:

Meister Bulla Buten (Ercan Durmaz) hat schon bald nichts mehr von seinem Zettel abzulesen und agiert umso tollkühner mit seiner Wand; unwohl in seiner Haut, angriffslustig, grollend der Löwe alias Meister Klipperling (Marius Marx); Meister Lollinger (Helmut Thiele) zeigt sich dem Publikum nicht nur als wahrer Meistersinger, sondern auch als schelmisch spritzender Brunnen; selbst der Mond von Meister Krix (Susanne Burkhard) beginnt zu scheinen; nichts steht also des Pickelhärings Piramus (Günter Schaupp) und Meister Klotz-Georges Thisbe (Bernd Lambrecht) noch im Weg, durch und an der Wand vorbei ihr ironisch-karikierendes Liebesende vorzuführen.

Derweil verfolgt Herr Peter Squentz (Herbert Karsten) köpfschüttelnd, wie der von ihm verfaßte Text verhunzt wird; kann er doch wenigstens in seinem Prolog wie in seinem Epilog mit mäßigenden Worten auf das “Schimpffspiel” einwirken. Unerschrocken hält er an seiner hohen Selbsteinschätzung eines universal gebildeten Mannes fest, sich, mit mildem Lächeln, der Ehrfurcht der Meister gewiß; ebenso eifrig-demütig, trotzig zeigt er sich gegenüber der höfischen Gesellschaft.

Wohl kaum anders als zu früheren Zeiten amüsierte sich das Premieren-Publikum von heute immer dann am meisten, wenn das Spiel besonders deftig und derb geriet, wo die Komödianten in großmäuligen Gebärden schwelgten. Die kurzweilige Unterhaltung verfehlte nicht ihre Wirkung.

Ingrid Kulenkampff

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Pressestimmen:
>>>  Peter Squentz, Unterhaltsames Possenspiel,  Cellesche Zeitung,  16.8.1993
>>>  Ein Schimpfspiel am Celler Schlosstheater: Barockes mit bravour  Stadt-Magazin, Celler Szene 9.93

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Monteverdi u.a., PETRARKISMUS

1993   M / D / IT  –  Kurs mit Abschlussvorstellung

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Monteverdi Kurs mit Aufführung
Musikkonservatorium Zürich, Matthias Weilenmann/Gian Gianotti

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Eine Uraufführung

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Ausgehend von der Kurstätigkeit am Musikkonservatorium Zürich zum theatralisierten, konzertanten Auftritt beim   >>>  BABEL-Projekt  (September/November 1992)  und in  Weikersheim (September 1990)  fassten wir die Grundthemen der Theorie und Praxis zusammen und hinterfragten sie nach jeweiligen Erfahrungen erneut. Damit verbunden war die praktische Arbeit an der Vorbereitung und Darstellung des Monteverdi-Madrigals  “Or che ‘l ciel e la terra e ‘l vento tace” als raumszenisches, stimmlich-musikalisches und instrumentales Werk.

5 Tageskurse im grossen Saal des Musikkonservatoriums an der Florhofgasse und im Rhythmischen Seminar Zürich (8.3., 26.3., 20.5., 21.5., 24.5.) ein Abschlusswochenende (4., 5. und 6. Juni 1993) und eine halb-öffentliche Präsentationsveranstaltung in Vorstellungsform am 10. Juni 1993 im Florhofsaal – Uraufführung.

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Andrea del Castagno, Francesco Petrarca, particolare del Ciclo degli uomini e donne illustri, affresco, 1450, Galleria degli Uffizi, Firenze

Beteiligte Studierende / Musiker:

Regula Dickerhof – Klavier, Alt
Barbara Dziewien – Orgel/Cembalo, Sopran
Adriana Gehmacher – Blockflöte, Mezzo
Claudia Gerauer – Blockflöte, Alt
Heidi Gschwind – Gesang, Mezzo
Ellen Heydagen – Blockflöte, Alt
Laetitia Heinzmann – Querflöte, Alt
Javier Ignacio Hagen – Gesang, Bariton
Martina Joos – Blockflöte, Alt
Andrea Knutti – Blockflöte, Sopran
Dieter Lämmlin – Orgel/Cembalo, Tenor
Martina Meyer – Blockflöte, Alt
Barbara Nägele – Blockflöte, Alt
Petra Rodeburg-Eimann – Blockflöte, Sopran
Cora Schmeiser – Blockflöte, Sopran
Jeremias Schwarzer – Blockflöte, Bass
Ines Zehner – Blockflöte, Alt

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Der Text:
Francesco Petrarca (1304 – 1374), Or che ‘l ciel e la terra e ‘l vento tace
Werk: Il Canzoniere (1337 – 1349)

Die Musik:
Claudio Monteverdi (1567 – 1643), Or che ‘l ciel e la terra e ‘l vento tace
Werk: Madrigali guerrieri et amorosi (1638)


Die Kurs-Idee:

Der Geher in der Welt, in den Gedanken, in der Musik

Petrarca, als Wanderer (Besteigung des Mont Ventoux, 1336),
Vergil, als Lebenskampf/Wanderung “Lentus in umbra” bis
Peter Handke, “Langsam im Schatten”.

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Das Sonett:

Or che ‘l ciel e la terra e ‘l vento tace
E le fere e gli augelli il sonno affrena,
Notte il carro stellato in giro mena,
E nel suo letto il mar senz’onda giace;

Vegghio, penso, ardo, piango; e chi mi sface          (bei Monteverdi: “Veglio” statt Vegghio, gleiche Bedeutung)
Sempre m’è inanzi per mia dolce pena:
Guerra è il mio stato, d’ira e di duol piena;
E sol di lei pensando ho qualche pace.

Così sol d’una chiara fonte viva
Move ‘l dolce e l’amaro, ond’io mi pasco;
Una man sola mi risana e punge.

E perchè ‘l mio martìr non giunga a riva
Mille volte il dì moro e mille nasco;
Tanto da la salute mia son lunge !

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In einer “Wort zu Wort”-Arbeitsübersetzung, italienische Syntax beibehaltend:

Jetzt, da der Himmel und die Erde und der Wind schweigt     (… alles schweigt …)
und die Tiere und die Vögel der Schlaf bremst,
Nacht, ihren sternbestückten Wagen herumführt,
und in seinem Bett das Meer ohne Welle liegt,

wache, denke, brenne, weine; und wer (was) mich zerstört        (ich wache …/wache ich …)
ist mir immer präsent als süsse Last:
Krieg ist mein Zustand, mit Wut und Schmerz voll;
und nur über sie denkend habe ich etwas (einigen) Frieden.

Also, nur vor einer klaren Quelle, lebendigen,
bewegt (sich) Süsses und Bitteres, wo ich mich weide;
eine Hand allein genest mich wieder und sticht.

Und damit mein Martyrium nie ende (an-komme, an das Ufer komme)
tausend mal am Tag sterbe ich und tausend (mal werde ich) gebore(n);
so-weit bin ich von meiner Gesundheit (Wohlsein) entfernt.

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